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Deutschland und die Migranten «Die Gesellschaft war noch nie so offen wie heute»

Wenn Deutschland über Ausländer spricht, steigt der Druck wie in einem Dampfkochtopf. Ruhig Blut, sagt der Politologe Aladin El-Mafaalani – und fordert Streitkultur statt Leitkultur.

Legende: Audio «Wer sich näherkommt, kann auch streiten» abspielen. Laufzeit 06:54 Minuten.
06:54 min, aus Echo der Zeit vom 01.10.2018.

«Germany’s Nazi Past Is Still Present» («Deutschlands Nazi-Vergangenheit ist noch immer gegenwärtig») titelte die New York Times, nachdem Neonazis in den Strassen von Chemnitz unverhohlen den Hitlergruss zeigten. Die vermeintlich liberale Modelldemokratie habe ihre Vergangenheit noch nicht bewältigt, so die Diagnose des renommierten US-Blatts.

Doch auch in der deutschen Medienlandschaft werden Warnungen laut. Das enthemmte Auftreten rechtsextremer Pöbler und der Aufstieg der AfD erinnerten an dunkle Kapitel der deutschen Geschichte. Und auch die Politik hadert mit Vergangenheit und Gegenwart.

Im Bundestag wetterte ein SPD-Abgeordneter gegen die «unappetitlichen Rechtsradikalen» der AfD: «Hass macht hässlich, schauen Sie mal in den Spiegel!» – und auch der gescheiterte Kanzlerkandidat Martin Schulz blies zur Attacke. Zum AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland sagte er: «Sie gehören auf den Misthaufen der deutschen Geschichte.»

Legende: Video Schulz attackiert AfD-Gauland abspielen. Laufzeit 00:43 Minuten.
Aus SRF News vom 12.09.2018.

In der zeitweise überdrehten, fatalistisch geführten Debatte steht das Buch «Das Integrationsparadox» wie ein Papier-gewordenes «Moment mal!». Darin vertritt der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani die These: «Je besser die Integration von Ausländern – desto mehr Konflikte gibt es.»

Denn, so El-Mafalaani: Im neuen Deutschland verhandelten gesellschaftliche, ethnische und religiöse Minderheiten heute auf Augenhöhe mit der Mehrheitsgesellschaft – wodurch Reibung und Konflikte entstehen: «Im Kern bedeutet Integration, dass mehr Menschen teilhaben können, seien das Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle oder eben Muslime oder Migranten.»

Maassen vor dunlklem Hintergrund.
Legende: Nervöse Politik: Zuletzt drohte die Regierungskoalition erneut am Thema Migration zu zerbrechen. Diesmal, weil Verfassungsschutzpräsident Maassen anzweifelte, dass Rechtsextreme in Chemnitz eine «Hetzjagd» auf Ausländer betrieben hatten. Reuters

Wenn mehr Menschen am Verhandlungstisch sässen, so der Politologe, sei es «hochgradig unplausibel», dass mehr Harmonie entstehe. Früher seien diese Streitigkeiten nicht offen ausgetragen worden, weil man sich schlichtweg ignoriert habe: so etwa die türkische Putzfrau mit Kopftuch, die unbemerkt die Teppichetagen reinigte.

Wir schreien im Moment, wir streiten nicht.

Die Gegenthese dafür, dass Deutschland zusammenwächst, könnten Bilder vom Wochenende liefern. In Köln wurde die Zentralmoschee eröffnet – kein einziger deutscher Würdenträger war anwesend. «Neu sind solche Bilder nicht. Das gab es auch vor zehn, dreissig oder fünfzig Jahren», relativiert El-Mafaalani – und fügt an: «Es hat uns nur nicht interessiert.»

Aladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani

Politologe und Autor

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Aladin El-Mafaalani (geb. 1978) lehrte als Professor für Politikwissenschaft und politische Soziologie an der Fachhochschule Münster. Seit 2018 arbeitet er im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf.

Neu sei aber, dass Integration heute besser gelinge als früher. Wer die schrille Tonlage auf den sozialen Medien beobachtet, dürfte zweifeln, ob der Streit in der Migrationsfrage tatsächlich so fruchtbar ist. El-Maafalani will nichts schönreden. Er sagt aber: «Wir schreien im Moment, wir streiten nicht.»

Für den Integrationsexperten ist Streit nicht Ausdruck davon, dass es immer mehr Konflikte in der Gesellschaft gibt: «Wer das nicht versteht, droht in Hysterie zu verfallen», sagt El-Maafalani – und fordert Streitkultur statt Leitkultur: «Wir müssen aus diesem Streit heraus wachsen.»

Beängstigende Harmonie

Grundsätzlich sei die deutsche Gesellschaft noch nie so offen und aufgeschlossen gewesen wie heute, ist El-Mafalaani überzeugt. Auch wenn sich eine Gegenbewegung formiere, die sich sowohl aus nationalistisch-rassistischen wie auch religiös-fundamentalistischen Ideologien speise.

Gesellschaften wie die deutsche, aber auch die Schweiz könnten alles gebrauchen – nur nicht zu viel Harmonie, schliesst El-Mafaalani: «Sobald es zu harmonisch wird, muss man skeptisch werden.» Denn Harmonie in grösseren Gruppen gebe es nur in religiösen Sekten, sehr autoritären Familien und in Diktaturen.

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34 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Brauchli (Rondra)
    Gut dass Deutschland schlussendlich selbst mit dem Ganzen klarkommen muss. Und wir haben zurzeit noch bei den Wahlen etwas die Möglichkeit, Gleiches zu verhindern.
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  • Kommentar von Fabio Krauss (FabioK)
    Die Gesellschaft war noch nie so offen? Nein, die Grenzen waren noch nie so offen! Wer hat das entschieden? Politiker! Wer trägt und leidet unter den Konsequenzen? Sicher nicht die Politiker...
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    1. Antwort von A. Zuckermann (azu)
      Sie leiden wegen offenen Grenzen? Mich nähme wunder wie sich dieses Leiden genau Manifestiert. Was sind die Symptome?
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    2. Antwort von Toni Koller (Tonik)
      Die Grenzen Deutschlands und Europas sind seit drei Jahren zu, die illegalen Ankünfte betragen derzeit noch etwa 10 % der Zahl von 2015. Das könnte man eigentlich mal zur Kenntnis nehmen und sich Wichtigerem zuwenden. Aber manche geben halt ein geliebtes Feindbild nur ungern auf. Wohl weil sie damit in eine Sinnkrise gerieten ...
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  • Kommentar von Armin Hug (Hugi)
    "Noch nie so offen!?" - die NY-Times hat in einem Punkt Recht: Deutschland hat die Nazi-Zeit noch nicht verarbeitet, genau darum lässt man sich von Migrationsgruppen auf der Nase rum tanzen, selbst wenn diese Grundwerte der Verfassung in Frage stellen. Im Volke brodelt es und die Alt-Parteien sind nicht in der Lage Lösungen zu präsentieren und dies ist auch der Grund, warum die AfD in allen Bundesländern derart zulegt.
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    1. Antwort von Beatrice Fiechter (thea)
      @Hugi: Ich würde schon.mehr differenzieren! Es zeigt sich in den letzten Jahren seit dem Mauerfall, dass der Osten Deutschlands seine Vergangeheit nicht aufgearbeitet hat.Auf die Nazi-Strukturen folgten die SED-Strukturen u.es gab kaum einen wirklich offenen polit. Diskurs jahrzehntelang. Das holt Ostdeutschland wohl jetzt ein, vermute ich. Doch alle Länder, auch wir als Schweiz tun uns schwer mit Aufarbeitung! Und polit. Landschaften sind auch vielfältig: von ganz links bis ganz rechts!
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