Zum Inhalt springen

International Die UNO reüssiert – und kapituliert

«Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!», heisst es in Dante Alighieris «Göttlicher Komödie». In New York öffneten die Weltenlenker zwar nicht das Tor zur Hölle. Wenn überhaupt, wollten sie es schliessen – so etwa in Syrien. Sie blieben erfolglos. Trotzdem brachte der UNO-Gipfel viel.

UNO-Flagge über Stuhl, Blick auf Manhatten
Legende: Beim Syrien-Krieg kapitulierte die Weltgemeinschaft vor sich selbst. Bei anderen Themen bewies sie Handlungsfähigkeit. Reuters

Wer dieser Tage den UNO-Hauptsitz durch die Sicherheitsschleuse betrat, las auf einem blauen Schild: «Die UNO ist nicht verantwortlich dafür, wenn etwas zerstört wird.» Gemeint sind natürlich Gegenstände, die in die Ritzen des Durchleuchtungsgeräts fallen. Zerstört wurde diese Woche jedoch etwas anderes. Die Hoffnung.

Die Hoffnung, dass die Vereinten Nationen – die viel zitierte Weltgemeinschaft, die oft gar keine Gemeinschaft ist – vorankommt bei der Lösung der grossen Konflikte: Nordkorea, Ukraine, Palästina – und vor allem Syrien, der zurzeit blutigste. Erreicht wurde hier gar nichts. Ja, oft versuchte man es nicht mal ernsthaft.

Blockierte Weltgemeinschaft

Der israelisch-palästinensische Konflikt war praktisch kein Thema. Offenkundig sieht da niemand mehr irgendwelche Lösungschancen. Über Nordkorea wurde gar nicht gesprochen, nachdem die Chinesen klargemacht hatten, sie seien nicht bereit, Druck zu machen auf das Atombomben- und Raketenregime. Den Ukrainekrieg überlässt die UNO einfach der OSZE.

Und zu Syrien gab es zwar stunden-, tage- und nächtelange Bemühungen, heftigen Streit, intensives Ringen. Ohne jedes Ergebnis. Bemühten sich die Hauptakteure überhaupt ernsthaft um etwas Greifbares?

US-Präsident Barack Obama war zwar vier Tage in New York, traf unzählige Präsidenten mit allen möglichen Anliegen. Ausser zu Syrien. Auch in seiner Abschiedsrede vor der UNO kam das Thema kaum vor. Der Chef der Supermacht hat hier resigniert.

Geht es um Sachfragen, funktioniert die UNO gut, oft sehr gut. Geht es hingegen um Machtfragen, versagt sie.

Weitaus gravierender war jedoch, dass die beiden wichtigsten Akteure im Syrienkonflikt gar nicht erst nach New York kamen. Diktator Baschar al-Assads Absenz ist verständlich: Er fürchtete, in den USA verhaftet zu werden, trotz diplomatischer Immunität als Gast der UNO. Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin jedoch gibt es keine Entschuldigung fürs Schwänzen.

Man stelle sich vor: Obama, Putin und am besten auch noch Chinas Präsident Xi Jinping, die starken Männer der drei grössten Mächte, wären gemeinsam am UNO-Sitz angetreten. Mit einem Friedensplan für Syrien, entschlossen, ihn durchzusetzen. Was wäre das für ein starkes Signal gewesen an die mordenden Widersacher vor Ort. Doch eben: Wäre. Hätte.

Macht- und Sachfragen

Dennoch: Die UNO-Gipfelwoche brachte viel. Das historische Klimaabkommen steht bloss noch einen Schritt vor der Inkraftssetzung. In unüblichem Rekordtempo bei einem derart wichtigen Vertrag. Der Migrationsgipfel bekannte sich dazu, Wanderungsbewegungen von Menschen seien nicht nur unvermeidlich, sondern vorteilhaft – und demnach zu fördern. Das mag umstritten sein, ist aber zumindest eine Haltung. Das Thema der Resistenzen gegen Antibiotika und damit der «Superkeime» wurde auf die politische Weltagenda gehoben. Und manches mehr.

Immer deutlicher wird: Geht es um Sachfragen, funktioniert die UNO gut, oft sehr gut. Geht es hingegen um Machtfragen, versagt sie. Vor allem wenn die Interessen der drei militärisch führenden Länder, USA, Russland und China betroffen sind. Seit das Verhältnis zwischen den USA und Russland wieder abgrundtief schlecht ist und jenes zwischen Washington und Peking immer schlechter wird, geht hier kaum noch etwas.

Die UNO ist nicht Schuld daran, sie ist das Opfer. Sie ist bei zwei ihrer Kerndossiers, Krieg und Frieden sowie Menschenrechte, gelähmt. Wen wunderts, dass die UNO-Kritiker, ja die UNO-Abschaffer, Oberwasser haben. Doch die entscheidende Frage lautet: Was gibt es denn für eine Alternative? Die Antwort liegt auf der Hand: keine.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Susanne Lüscher (Lol)
    Die Abwesenheit von Putin ist sehr aussagekräftig. Die UNO macht ja nur was die USA will und dies ist in Syrien den demokratisch gewählten Präsidenten zu stürzen. Syrien und Jemen sollen zerstört werden, wie es mit Libyen geschehen ist. Ob UNO, OSZE und dergleichen es sind alles Handlanger der USA. Über Jemen wird nicht einmal mehr berichtet, obwohl dort ein Kriegsverbrechen nach dem anderen begangen wird - allerdings nicht von Putin!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beatrice Mayer (signorinetta)
    "Der Migrationsgipfel bekannte sich dazu, Wanderungsbewegungen von Menschen seien nicht nur unvermeidlich, sondern vorteilhaft – und demnach zu fördern." Sehr aussagekräftig, wieviel, wohin , in welcher Form, alle nach Europa? Wieso muss man die noch fördern? Seltsam.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christian Szabo (C. Szabo)
      Geschichte und Globalisierung sind keine Einbahnstraßen. In Urzeiten wurde Europa erst durch Migration menschlich besiedelt, wobei die Erstbesiedlung mehrmals verdrängt wurde. Migration machte die Welt "europäischer". Jetzt wird Europa durch Menschen migriert, deren Lebensgrundlagen auch von Europäern geschädigt werden. Wer meint, Europa wird immer gleich bleiben, hat das Leben/die Welt nicht begriffen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von paul waber (sandokan)
      Eine Organisation, welche solche Aussagen vom Stapel lässt, kann nicht mehr ernst genommen werden. Ist die Schweiz nicht auch bei diesem Verein dabei, damit dort noch ein paar Funktionäre tolle Reden halten und grosse Entschädigungen einstreichen können?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Bruno Vogt (b.vogt)
    Die Reform der UNO müsste durch Konzessionen der Veto-Mächte kommen, keines dieser Länder ist bereit diesen Machtbesitz abzutreten. Und so geht es weiter wie gehabt. Von Obama kann man keine grossen Würfe mehr erwarten und falls Clinton Präsidentin werden sollte, dann sehe ich sehr schwarz für die ganze Region im nahen Osten. Ihre interventionistische Aussenpolitik würde erst richtig an Fahrt gewinnen, leid und Zerstörung auch andere Erdgebiete treffen, ohne das die UNO etwas dagegen tun könnte.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen