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International Die Wut der Franzosen auf ihre Regierung

Die Franzosen stellen zunehmend die Sicherheitspolitik der Regierung Hollande infrage. Die Opposition will die Stimmung für sich nutzen. Aber hat die Zentralregierung in Paris überhaupt Fehler gemacht? Ein Gespräch mit Frankreich-Korrespondent Michael Gerber.

Soldaten in Uniform patroullieren in Nizza
Legende: Die Franzosen haben eigentlich ein grosses Vertrauen in ihre Sicherheitskräfte. Doch dieses schwindet zunehmend. Keystone

SRF News: Vor und nach der Schweigeminute in Nizza kam es zu Unmutsbekundungen gegenüber der sozialistischen Regierung in Paris. Die Menschen sind wütend. Warum?

Michael Gerber: Die Menschen leiden unter der Unsicherheit und sie werfen der Regierung vor, nicht genügend Polizisten nach Nizza geschickt zu haben. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Hinzu kommen die traditionellen Erwartungen der Franzosen an den Präsidenten. Der sollte fähig sein, alle Probleme zu lösen.

Ist denn der Vorwurf bezüglich des Sicherheitskonzeptes gerechtfertigt?

Nein. Das Sicherheitskonzept war vom Präfekten der Regierung und der Stadtregierung gemeinsam angeschaut und für ausreichend befunden worden. Damit stehen beide Seiten in der Verantwortung – und der Vorwurf des stellvertretenden Stadtpräsidenten, Christian Estrosi, an die sozialistische Regierung in Paris ist als eine politische Stimmungsmache zu werten.

Welche Rolle spielt die politische Debatte rund um den Anschlag von Nizza für die Stimmung im Land?

Die Präsidentschaftswahl vom nächsten Frühling wirft ihre Schatten voraus. Der Wahlkampf läuft eigentlich schon. Die Politiker der Konservativen und der Rechtspopulisten wollen mit dem Sicherheitsthema Stimmen holen und werfen der Regierung nach dem Unfähigkeit oder Überforderung vor. In Wahlkampf wird auch die Migration zum Thema werden, da mehrere der Attentäter aus Einwandererfamilien stammen. Das droht die Gräben in der französischen Gesellschaft weiter zu vertiefen.

François Hollande ist sehr unbeliebt. Seine Wiederwahl scheint gemäss Umfragen praktisch ausgeschlossen. Und trotzdem möchte Hollande weitermachen?

Hollande will im Dezember bekannt geben, ob er im nächsten Frühling noch einmal antritt oder nicht. Entscheidend werde sein, ob bis dahin die Arbeitslosigkeit spürbar zurückgegangen sei, sagt Hollande seit Langem. Mitentscheidend wird sicher sein, wer der Spitzenkandidat der Republikaner sein wird. Das entscheidet sich bei Primärwahlen im November. Sollte es Nicolas Sarkozy sein, könnte Hollande sich höhere Chancen ausrechnen, da er Sarkozy bereits einmal geschlagen hat. Hollande hofft, dass die Franzosen ihn dann als das «kleinste Übel» wählen – im Vergleich zu Sarkozy und der Rechtspopulistin Marine Le Pen.

Sie haben die Belastung der Gesellschaft angesprochen. Wie fragil ist die französische Gesellschaft aktuell?

Die Gesellschaft ist stark verunsichert. Es ist ein anderes Gefühl als nach den Januar-Anschlägen gegen Charlie-Hebdo und den koscheren Supermarkt oder nach den Anschlägen vom November 2015. Das Gefühl der Verletzbarkeit hat deutlich zugenommen.

Was mir dabei Sorgen macht, ist das bröckelnde Vertrauen der Bürger in die Sicherheitskräfte. Bislang war dies trotz der Anschläge sehr hoch, doch gerade bei den Le-Pen-Anhängern ist ein deutlicher Vertrauensverlust in die Polizei auszumachen. Dies zeigt eine Umfrage der Zeitung «Le Figaro». Die Gefahr bestehe, dass die Nationalkonservativen zu den Waffen greifen würden, um gegen islamistische Kreise vorzugehen. Dieses Szenario schilderte Inland-Geheimdienstchef Patrick Calvar im Mai vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission. Calvar sprach in diesem Zusammenhang gar vor einem drohenden Bürgerkrieg.

Das Gespräch führte Oliver Roscher

24 Kommentare

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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Einzeltäter, Einsame Wölfe! So einsam können sie aber nicht sein, bedenkt man die vielen Anschläge der letzten Zeit. Geisteskrank sollte man deren Verblendung auch nicht nennen. Die sind schlicht falsch konfiguriert. Bricht das Gebilde des Daesh (IS) zusammen, werden viele von ihnen fliehen müssen. B. al-Assad wird bekanntermassen nicht zimperlich mit ihnen umgehen. Das wird dann die letzte Flüchtlingswelle für Europa sein.
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  • Kommentar von paul waber (sandokan)
    Nun ist es einfach, der Regierung Hollande Fehler vorzuwerfen. Dass Problem hat seine Wurzeln schon vor 30 Jahren gebildet. Man hat grosse Zahlen von Immigranten aus dem arabischen Raum und den Kolonien nach Frankreich gelassen. Diese leben heute in Parallelgesellschaften in den ghettoähnlichen Banlieus der Grossstädte ohne wirkliche Immigrationschancen und oft auch ohne Willen dazu. Gerade unter den frustrierten, bildungsfernen Jugendlichen findet sich ein latentes Aggressionspotential...
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  • Kommentar von Mario G. Berta (Mario)
    Es ist SEHR wichtig, die Ursache der Amokfahrt beim Namen zu nennen! Das bietet die Möglichkeit, in Zukunft ähnliches zu verhindern durch Aufklärung und Hilfestellung an für Amoktaten gefährdete Menschen. Dieser Mann ist nämlich nicht vom Himmel gefallen, sondern 1985 geboren und in seiner Kindheit schwerst misshandelt und gedemütigt worden, seiner Lebendigkeit beraubt worden, "platt" gemacht worden! Mit seiner Amokfahrt hat er uns verschlüsselt davon erzählt! Wer es merken will, der merkt's!
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