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Mario Draghis Bilanz nach acht Jahren EZB-Präsidium
Aus Tagesschau vom 24.10.2019.
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Draghi verlässt die EZB Das Vermächtnis des «Super Mario»

Mario Draghi leitet letztmals die EZB-Sitzung. Die Meinungen über seine acht Jahre an der Spitze der Europäischen Zentralbank gehen weit auseinander.

«Ausgerechnet ein Italiener soll auf den Euro aufpassen», schrieb die deutsche Boulevard-Zeitung «Bild», als Mario Draghi vor acht Jahren seinen Posten als Präsident der Europäischen Zentralbank EZB antrat.

«Bild» ist ein verlässliches Mass, das ewige Misstrauen nordischer Euro-Länder gegenüber dem Südländer Draghi an der Spitze der EZB abzulesen. Dieses Misstrauen prägt die ganze Amtszeit von Mario Draghi.

Tiefe Zinsen gar nicht wegen Draghi?

Es basiere aber auf einem grundlegenden Missverständnis, sagt Stefano Micossi, Ökonomie-Professor am College d' Europe in Brügge. «In Deutschland, der Niederlande und auch der Schweiz hält sich ein politisch motiviertes Vorurteil, die EZB sei für die tiefen Zinsen im Euro-Raum verantwortlich», so der Direktor des italienischen Think-Tanks Assonime.

Doch das sei Unsinn. Für viele Experten sei vielmehr die zu hohe Sparquote in der Eurozone für die tiefen Zinsen verantwortlich, so Micossi.

Deutsche tun sich schwer mit Draghi

Draghi bleibt der Sündenbock, vor allem in den Augen deutscher Ökonomen – auch innerhalb der EZB. Vom ersten bis zum letzten Amtstag überwerfen sie sich mit Draghi. Jüngstes Beispiel ist Sabine Lautenschläger, Mitglied des Direktoriums der EZB.

Per Ende Monat tritt sie aus Protest über die erneute Senkung des Leitzinses und die Wiederaufnahme des Programms zum Kauf von Staatsanleihen im Euroraum zurück.

Die Politik ist dringend gefordert

Professor Micossi kann alle Kritik nachvollziehen. Er interpretiert den Entscheid zur weiteren Zinssenkung aber anders. «Ich erkenne darin einen letzten Versuch von Mario Draghi, die Regierungen der Mitgliedsländer der EU in die Pflicht zu nehmen», sagt er. Sie könnten den dringlichen Reformen im europäischen Binnenmarkt jetzt nicht mehr länger aus dem Weg gehen.

Tatsächlich fordert Draghi schon lange mehr und rasche Fortschritte bei der Banken-Regulierung, eine koordinierte Wirtschaftspolitik der EU-Staaten, mehr Investitionen im Norden, Abbau von Schulden im Süden. Doch die Politik hört ihn nicht.

Reformbereitschaft nur während der Krise

Das Zusammenspiel von Notenbank und Politik funktioniert nur am Beginn von Draghis Amtszeit bei der EZB – solange die Schuldenkrise die EU-Staats- und Regierungschefs jagt. Unter dem Druck der Krise beschliessen sie Reformen. Sie legen neue Budget-Regeln fest, schaffen eine europaweite Bankenaufsicht.

Aber Vertrauen schöpft die Finanzwelt erst, als Mario Draghi das Wort ergreift: «Die EZB wird alles machen, um den Euro zu retten», sagte er. Dies wurde die Geburtsstunde von «Super-Mario».

Alle erinnern sich wieder an die Schlagzeile in der «Bild»: «So Deutsch ist der neue EZB-Chef». Dem Bildporträt von Draghi ist eine Pickelhhaube auf den Kopf montiert.

Handlungsfähige EZB dank Draghi

Draghi habe die EZB aus ihrer Passivität herausgeführt, sagt Professor Micossi. Heute sei sie eine Zentralbank, die aktiv im Markt interveniert, um ihre Ziele – etwa zwei Prozent Inflation – durchzusetzen.

Unter Draghi ist die EZB einflussreicher und damit mächtiger geworden – so wie die US-Notenbank oder die Bank of England. Das ist unbestritten. Doch viele Kritiker stören sich genau daran.

Doch für andere ist die Handlungsfähigkeit der EZB ein Zeichen der Reife der Notenbank, 20 Jahre nach ihrer Gründung. Es ist dies unbestritten ein Vermächtnis von Mario Draghi.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von H. Wach  (H. Wach)
    Es waren EU-Spitzenpolitiker, die den € ungefragt dem Volk oktroyierten. Damit fing das Desaster an. Mit der €-Krise in GR im 2010/11 war der € am zusammenbrechen. Die weltgrössten Devisenhändler in London spekulierten 2012, den € zu Fall zu bringen. Draghi rettete den € m. 0-Zinsrunden u. Kauf v. Schrott-Staatspapieren. Die Folgen: Seit 2010 haben Sparer 650 Mia.€ verloren, Immobilienpreise stiegen um 70%, Staatsschulden um 40% auf 10‘000 Mia.€. Der nächste Crash wird gigantischer als 2008!
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    1. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Ueberhaupt nichts von EU. Es sind die einzelnen Staaten, welche sich für den Euro entschieden haben. Zum Beispiel GB ist nicht dabei, Schweden, Dänemark auch nicht. Nur 19 von 28 Staaten sind dabei.
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  • Kommentar von Ramon Frey  (Ramon Frey)
    Nur "unter dem Druck der Krise" seien Reformen durchgekommen. Durch tiefen Leitzins und anleihenkäufe wurde aber eben dieser Druck entfernt! Klar dass nichts geschah und Draghi hat die Zinsen immer weiter gedrückt ohne die Nebenwirkungen in Betracht zu ziehen. Und das während einem (forcierten) konjunkturhoch. Nur, was wird passieren wenn die längst fällige rezession kommt?
    Die zinsen können kaum noch stärker sinken und die ezb hat bereits (zu) viele "ramschanleihen" gekauft. Mir schwant böses
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  • Kommentar von Toni Waldberg  (Anton)
    Super-Mario hat sicherlich seinen Spitznamen verdient. Vieles richtig gemacht.
    Dass Sabine Lautenschläger aus Protest die EZB verlässt, wenn Draghi kurze Zeit später seinen Amt niederlegt? Da stimmt was nicht mit dieser Geschichte.
    Zweitens, ich glaube kaum das die deutschen Ökonomen eine Boulevard-Zeitung lesen. Das das deutsche Volk mit den Niedrigzinsen negative gegenüber stimmen, hat mit der Hyperinflation (Geschichte) des Weimarer Republikes und das die Sparer Geld (Einkommen) verlieren.
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