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International Ein Gruss an die Zuhause-Gebliebenen

In der digitalen Welt berichten Flüchtlinge und Aufbruchwillige über ihre Erfahrungen und Hoffnungen. Auf Austauschplattformen wie Youtube etwa ist ein eigentliches neues Genre entstanden: Kurze Videoclips von Arabern auf ihrer Reise der Hoffnung nach Europa.

Eine Frau mit Kopftuch schaut im Abendlicht am Strand in ihr Smartphone.
Legende: Angekommen auf Kos, gibt das Smartphone Auskunft, wie es weiter geht. Keystone

Verwackelte Bilder von einem griechischen Strand und eine frohe Botschaft. Sie ist für alle, die von der hoffnungslosen Situation zuhause genug haben: «Kommt auch nach Europa», sagt der Filmer, der mit seinem Smartphone die Landungsszene einfängt.

Legende: Video «Der Weg nach Deutschland ist lang, aber voller Rosen» abspielen. Laufzeit 01:04 Minuten.
Aus News-Clip vom 22.09.2015.

«Wir sind eine Gruppe syrischer und irakischer Flüchtlinge. Einheimische bringen uns Wasser. Es geht uns gut», geht es in dem Filmchen weiter. Der Weg nach Deutschland werde lang sein, aber voller Rosen, ist der Flüchtling überzeugt.

Hilfe bei Fragen

Ein anderer meldet sich per Youtube schon aus einer griechischen Hafenstadt, beim Warten auf eine Fähre. Er gibt den Zuschauern in aller Welt Tipps für den Kontakt mit Schleppern, für die Reise im Schlauchboot und den Fussmarsch danach. Auch er klingt, als sei die gefährliche Überfahrt ein Kinderspiel.

In den Kommentarspalten werden Telefonnummern ausgetauscht. Ein Link auf eine Facebookseite verspricht, alle Fragen der Aufbruchwilligen zu beantworten. Seit Mitte August wurde dieses Video 95'000 Mal angeklickt.

Doch die Videoplattform vermittelt auch Eindrücke der Ratlosigkeit und der Verzweiflung. Es gibt Bilder von Schiffbrüchigen, die in den Wellen ums Überleben kämpfen. Oder: Ein Iraker filmt, den richtigen Weg suchend, irgendwo an der mazedonisch-serbischen Grenze einen Feldweg ab – unsicher, ob er je an ein Ziel führt.

Das Leben in Deutschland ist schrecklich.
Syrischer Flüchtling in Hamburg
Legende: Video «Seht her, die Hauptstrasse von Österreich» abspielen. Laufzeit 01:23 Minuten.
Aus News-Clip vom 22.09.2015.

Persiflage aus Irak

Die Signale in den Filmen bei Youtube sind widersprüchlich. Für Flüchtlinge dürfte es schwierig sein, sich darauf einen Reim zu machen. Denn selbst das Stadium der Persiflage hat das Genre schon erreicht: «Hallo Jungs zuhause. Gerade sind wir in Österreich angekommen. Hier seht ihr die Hauptstrasse von Österreich», sagt ein Teenager mit irakischem Akzent.

Zu sehen sind ein paar unverputzte halbfertige Häuser an einer sandigen Landstrasse. Offensichtlich wurde der Film nicht in Österreich, sondern irgendwo zuhause in Irak aufgenommen. «Seht, wie schön das hier ist, wie demokratisch», fabuliert der Zuhausegebliebene weiter.

Nicht alle sind glücklich

Einer der tatsächlich am ersehnten Ziel angekommen ist, ist dagegen bitter enttäuscht. Der Syrer schwenkt in Hamburg sein Smartphone über einen Rasenplatz voller weisser Familienzelte. Ordentlich ausgerichtet, bestückt mit Feldbetten. «Seht, so empfängt Deutschland das syrische Volk. In Zeltlagern. In der Kälte», sagt er. «Macht diese Reise nicht», warnt der Flüchtling seine Landsleute. «Das Leben in Deutschland ist schrecklich.»

Wochenlang blieb diese Botschaft fast unbeachtet in einer Ecke des Internets. Bis sie von einer europäischen Fernsehstation weiterverbreitet wurde. Seither ist sie zehntausende Male angeklickt worden.

Viele Syrer schreiben Kommentare bei Youtube. Viele sind schockiert. Aber nicht über die Zelte, sondern über den Undank des Filmers. Einer erklärt, dass die Flüchtlinge nicht als Gäste gekommen, sondern sich selbst eingeladen hätten und die Neuankömmlinge geduldig sein müssten.

Hilfe für die, die es geschafft haben

Der Syrer betreibt aus einem Berliner WG-Zimmer einen veritablen Ratgeberkanal. Die Fragen gehen in alle Richtungen: Was passiert, wenn meine Fingerabdrücke schon in Ungarn abgenommen wurden? Werde ich zurückgeschickt? Wie lange muss ich warten, bis ich eine Arbeit suchen kann? Der Syrer erklärt, wie die Flüchtlingsbefragungen ablaufen und wie man sich im Jobcenter registriert.

Er spricht nüchtern von den Herausforderungen, von den langen Monaten in Gruppenunterkünften, die man sich mit fünf, sechs Männern teilt. Auch wenn sie vielleicht Landsleute sind – Freunde seien sie deswegen nicht unbedingt. Privatsphäre gebe es kaum.

Aussicht auf Sicherheit

Der Mann berichtet aber auch, wie man später eine Wohnung oder ein Zimmer findet. Und dass man die Sprache sicher beherrschen müsse, um einen festen Job zu finden. Man müsse ganz hinten anstehen auf dem Wohnungsmarkt.

Ein junger Iraker filmt sich in einer Strasse von Berlin, berichtet begeistert nach Hause, vom öffentlichen Verkehr, der perfekt organisiert sei. Eine Sirene unterbricht ihn. «Oh, da ist wohl gerade wieder eine Bombe explodiert», sagt der Iraker – und grinst. Denn anders als in Irak gibt es in Deutschland keine Bomben. Sondern die Aussicht auf Sicherheit.

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    Nebst unseren riesigen Anreizen zur "Flucht", tragen auch diese Gerätt viel dazu bei, viele die (noch) zuhause sind, auch nach Westeuropa zu locken. Dieses Gedankengut der "Gutmenschen", es sollen doch alle Menschen in die Länder mit der höchsten Lebensqualität kommen,ist äusserst gefährlich und letztendlich für die ganze Menschheit kontraproduktiv. Das Chaos, die Probleme und die Ungerechtigkeiten die damit provoziert werden, werden apokalyptische Ausmasse annehmen und kaum mehr zu stoppen sein
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  • Kommentar von Niklaus Bächler (parteilos!!)
    In die SRF Meldung kann man natürlich vieles hinein interpretieren.Der Problemdenker sieht darin eine Gefahr für sich selbst, spricht den Menschen sogar den Besitz eines Smartphones, welches in diesen Ländern für < CHF 50.00 zu haben ist, ab! Für ih repräsentiert der Besitz eines Smartphones schon Reichtum, suggeriert Wirtschaftsflüchtlingsgebahren uvm. Ist es nicht beschämend, Menschen auf diese Art zu beurteilen? Bei sich selbst kann es dann an «Luxus» nicht genug sein! Kappute westliche Welt!
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    1. Antwort von Urs Dupont (udupont)
      Die Frage ist nur: Muss es unbedingt, das Handy mit dem teuersten Kultfaktor sein, wenn viele Nicht-"Flüchtlinge", die für ihren Lebensunterhalt selber aufkommen, sich mit einem mittleren Androidmodell begnügen, welches notabene kaum weniger kann als das neuste iPhone. Legal kriegt man so ein Kultobjekt, wie es bei Asylbewerbern oft beobachtet werden kann, jedenfalls nirgends für Fr. 50.-
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Ziemlich zynisch und sehr typisch was da abgeht. Nur leider bemerken wir nach wie vor nicht, dass das da mit den Flüchtlingen ursprünglich so gar nicht gedacht war wie es heute geworden ist. - Wir glauben durchs Aufnehmen von Flüchtlingen Gutes zu tun. Doch im Grunde tun wir nur unseren eigenen Eitelkeiten (ein Gutmensch sein zu wollen) selber einen Gefallen. Wirklich geholfen ist da am Ende praktisch niemandem.
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