Erdbeben in Kurdengebiet «Iran lehnt jede Hilfe von aussen ab»

Kann Iran die Erdbebenkatastrophe alleine bewältigen? Das wisse man wohl erst später, sagt Journalistin Inga Rogg.

Frau mit schwarzen Haaren, sie blickt in die Kamera, das Kinn in der Hand aufgestützt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Inga Rogg berichtet für die NZZ und SRF aus dem Nahen Osten und den Kurdengebieten. Sie lebt in der Türkei und in Irak. zvg

SRF News: Das Erdbeben vom Sonntagabend traf das irakisch-iranische Grenzgebiet. Arbeiten die beiden betroffenen Länder bei der Hilfe nun zusammen?

Inga Rogg: Nein. Iran lehnt jede Hilfe von aussen ab, obschon zahlreiche Länder solche angeboten hatten. Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif dankte für die Angebote, sagte aber, man komme alleine zurecht.

Vor allem auf iranischer Seite dauerte es offenbar recht lange, bis die Hilfe in Gang kam. Wie sieht es aktuell aus?

In der Tat dauerte es einige Zeit, bis iranische Hilfskräfte das Erdbebengebiet erreichten. Inzwischen hat die Regierung neben zivilen Helfern auch Revolutionswächter und Polizisten in die betroffene Region verlegt. Dort sind zehntausende Häuser zerstört worden, mindestens zwei Dörfer wurden vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Tausende Menschen mussten nun schon die zweite Nacht in Folge draussen verbringen – in bitterer Kälte.

«  Präsident Rohani muss der kurdischen Bevölkerung zeigen, dass sie auf die Unterstützung der Regierung zählen kann. »

Präsident Hassan Rohani besucht das Erdbebengebiet heute. Er sagte, die Hilfe für die Region habe höchste Priorität. Ist das mehr als ein Lippenbekenntnis?

Ja, das ist es. In der vom Beben betroffenen, ländlich-armen Region leben viele Kurden. Sie haben bei der Präsidentenwahl meist für Rohani gestimmt. Er muss der dortigen Bevölkerung zeigen, dass sie in der Not auf die Unterstützung und Hilfe der Regierung in Teheran zählen kann.

Karte Iran und Iraks in Grün. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Epizentrum des Bebens lag im Grenzgebiet zwischen Iran und Irak. srf

Auf der anderen Seite der Grenze, im Norden von Irak, sind die Schäden vergleichsweise geringer. Wie läuft die Hilfe da?

Trotz der im Vergleich zur iranischen Seite eher geringen Schäden sind auch in Irak Todesopfer zu beklagen. Hier hat interessanterweise die türkische Regierung umgehend ihre Hilfe angeboten und noch in der Nacht des Erdbebens ein Flugzeug mit Hilfslieferungen bereitgestellt. Auch ein Lastwagenkonvoi mit Hilfsgütern wurde über die Grenze losgeschickt. Dies ist wohl vor allem als politisches Zeichen zu deuten: Die Abstimmung über die kurdische Unabhängigkeit Ende September hatte die Türkei sehr verärgert. Ankara beteiligte sich daraufhin an der Isolierung des nordirakischen Kurdengebiets. Nun scheint es, dass man dieses Kapitel hinter sich lassen möchte.

«  Die rasche Hilfe aus der Türkei für den Nordirak ist wohl als politisches Zeichen zu verstehen. »

Wie reagieren die Kurden in Nordirak auf dieses Hilfsangebot aus der Türkei?

Die kurdische Regionalregierung hat sich überschwänglich für die Hilfe bedankt. Sie nahm sie auch als Zeichen, aus der erwähnten politischen Isolation nach dem September-Referendum auszubrechen. Der Ministerpräsident der autonomen Kurdenregion will jetzt nach Ankara reisen, um dort über eine Normalisierung der Beziehungen zu sprechen.

Erdbeben Iran: Hilfe dringend nötig

1:38 min, aus Tagesschau vom 14.11.2017

Können die Betroffenen in der Region also darauf hoffen, dass sie bei der Bewältigung des Bebens die nötige Unterstützung erhalten?

Was Iran betrifft, gibt es durchaus Fragezeichen: Bei früheren Erdbeben, die teilweise zehntausende Tote gefordert hatten, erfuhr die Welt das tatsächliche Ausmass der Schäden manchmal erst Wochen später. Erst im Nachhinein zeigte sich jeweils, ob die iranische Regierung fähig war, auf die Krisensituation angemessen zu reagieren.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Mehr als 550 Tote

    Aus Tagesschau vom 14.11.2017

    Im Iran sind die Aufräumarbeiten nach dem schweren Erdbeben vom Sonntag in vollem Gang. Laut Rettungskräften sind die Chancen, noch Überlebende zu finden, gleich null.