Wo früher Öl gefördert wurde, wirft Johan Rangel heute seine Netze aus. Sein Fischerboot fährt vorbei an alten Förderanlagen im Maracaibo-See im Nordwesten von Venezuela. Lange arbeitete der 41-Jährige selbst in der Ölindustrie: als Techniker, draussen an den Bohrstellen, bei Wartung und Lecks.
2013 förderte Venezuela noch rund 2.5 Millionen Barrel am Tag, 2024 waren es nur noch rund 0.9 Millionen. Nun wünscht sich Rangel, dass die Ölindustrie wieder in Gang kommt: «Alle hier hoffen auf Arbeit mit dem Öl.»
Fördermengen steigen nur langsam
Seit die USA Nicolás Maduro im Januar bei einer umstrittenen Militäraktion festnahmen, wird das Ölgeschäft neu geordnet. Interimspräsidentin Delcy Rodríguez unterzeichnet Verträge mit ausländischen Firmenvertretern und wirbt um Investitionen. Die Fördermengen steigen wieder, aber langsam. Viele Anlagen sind marode, Fachkräfte fehlen.
Francisco Matheus, Anwalt und Energieexperte in Caracas, erklärt, dass Venezuelas Öl besonders für die USA attraktiv sei – wegen der geografischen Lage. Ein Öltanker von Venezuela benötige drei Tage, um an die US-Golfküste zu gelangen. «Aus dem Persischen Golf dauert es 45 bis 55 Tage.»
Doch Venezuelas Ölsektor steht weiter unter US-Sanktionsregeln, und Washington kontrolliert über Ausnahmegenehmigungen den Zugang zum Geschäft. «Nur die USA können bestimmen, wer venezolanisches Öl handeln darf – und wer nicht», sagt Matheus.
Neue Abhängigkeit von den USA entsteht
Für ihn ist die neue Situation Fluch und Segen zugleich: Die USA seien historisch Venezuelas wichtigster Kunde, ihr Wiedereinstieg wecke Erwartungen in der Branche. Gleichzeitig entstehe eine neue Abhängigkeit. Nach Einschätzung von Matheus könnte Venezuela über Steuern, Abgaben und Beteiligungen rund 45 bis 50 Prozent aus solchen Ölgeschäften erhalten.
Doch er betont, dass dieses Geld nicht einfach frei in die Staatskasse fliesse, sondern über von Washington genehmigte Zahlungswege. Dass die USA nun darüber bestimmen, wer im Ölgeschäft mitspielen dürfe und wie dieser Handel ablaufe, sei gefährlich.
Seit Januar öffnet sich das Land punktuell – vor allem dort, wo es dem neuen Ölgeschäft nützt. Die USA sind wieder in Caracas vertreten, Direktflüge nach Miami wurden aufgenommen. Doch politisch bleibt die Öffnung begrenzt. Es gibt immer wieder Proteste für bessere Löhne und freie Wahlen; die Polizei geht dagegen vor.
Kein Ölboom ohne freie Wahlen?
Rafael Ramírez Colina kennt den Sicherheitsapparat aus eigener Erfahrung. Der oppositionelle Ex-Bürgermeister von Maracaibo wurde 2024 verhaftet und kam im April unter Auflagen frei.
Er glaubt nicht an einen Ölboom ohne freie Wahlen. «Ohne politischen Wechsel kann sich Venezuelas Ölindustrie nicht erholen», sagt er. Investoren bräuchten Rechtssicherheit – Garantien, dass ihnen nach einer Milliardeninvestition nicht plötzlich ihr Ölfeld oder ihre Firma weggenommen werde. «Und das ist nicht gegeben.»
Johan Rangel hofft durch den Neustart auf einen Lohn, Einkäufe im Supermarkt, eine Perspektive für die Kinder. «Wozu sollen sie studieren, wenn es keine Arbeit gibt? Meine Frau ist Anwältin und arbeitslos», erklärt der Ex-Ölarbeiter. «Wir haben Hoffnung, die Industrie wieder aufblühen zu sehen.»