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Die Türkei provoziert Griechenland mit der Oruc Reis
Aus SRF 4 News aktuell vom 12.08.2020.
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Erdgasvorkommen in der Ägäis Konflikt Türkei-Griechenland: «Es geht um Machtdemonstration»

Ein türkisches Forschungsschiff befindet sich in Gewässern, die Griechenland für sich beansprucht. Begleitet wird es von türkischen Kriegsschiffen. Hintergrund des Streits um Seegrenzen sind vermutete Erdgasvorkommen in der Ägäis. Journalistin Corinna Jessen erklärt die Zusammenhänge.

Corinna Jessen

Corinna Jessen

Journalistin

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Corinna Jessen ist freie Journalistin in Athen und Korrespondentin für mehrere deutschsprachige Fernsehsender und Tageszeitungen. Sie ist in Athen geboren und aufgewachsen. Studiert hat sie in Deutschland.

Warum gelingt es Griechenland nicht, das türkische Forschungsschiff zu vertreiben?

Griechische Kriegsschiffe haben das türkische Schiff Oruc Reis alle 15 Minuten aufgefordert, die Region zu verlassen. Einen ganzen Tag lang bekamen sie keine Antwort. Am Dienstag forderte die türkische Seite die Griechen ihrerseits auf, ihren Festlandsockel zu verlassen. Die Türkei besteht demnach auf ihren rechtlich nicht abgesicherten Ansprüchen. Der griechische Aussenminister hat aber unmissverständlich klargestellt, dass Griechenland seine Souveränitätsrechte verteidigen werde.

Diese Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei sind nicht neu. Wie gefährlich ist die Situation jetzt?

Die Spannungen dauern schon seit Jahrzehnten an, sind aber in diesem Jahr eskaliert. Den Versuch der Türkei im März, Tausende von Geflüchteten dazu zu instrumentalisieren, die griechische Landgrenze zu stürmen, haben die griechischen Streitkräfte erfolgreich abgewendet. Weiter hat die Türkei im vergangenen Monat versucht, südlich von Kreta nach Erdgas zu suchen. Diese Eskalation hatte damals die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel entschärft. Jetzt aber liegen sich Teile zweier hochgerüsteten Flotten mit dem Finger am Abzug gegenüber. Es scheint, jede Seite warte nur darauf, dass die andere die Nerven verliert. Und das ist gefährlich.

Das türkische Schiff soll nach Erdgas forschen. Ist das nach griechischer Lesart tatsächlich eine Forschungsexpedition?

Ernsthafte seismologische Forschung kann die Oruc Reis momentan kaum durchführen. Dazu machen die begleitenden Kriegsschiffe zu viel Lärm für ihre Sensoren. Aber es geht um eine Machtdemonstration. Die Türkei will zeigen, dass sie im östlichen Mittelmeer der herrschende Spieler sei, gemäss wörtlichen Bekundungen Ankaras.

Was könnte die Türkei bewogen haben, gerade jetzt eine Eskalation zu provozieren?

Die Türkei will den griechischen Inseln der Ägäis keinen Festlandsockel zugestehen. Doch Griechenland hat in der vergangenen Woche mit Ägypten seine Seegrenzen abgesteckt, zwar nur teilweise, aber völlig rechtskonform.

Türkisch-libysches Abkommen in der Kritik

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Ende 2019 haben Libyen und die Türkei ein Abkommen geschlossen, das die Seegrenzen zwischen Kreta und Zypern neu regeln soll. Die EU-Staaten haben dieses Abkommen für ungültig erklärt. Der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestages hat ein Gutachten dazu erstellt. Darin wird es als rechtswidrig klassiert. Journalistin Corina Jessen sagt dazu: «Dieses Abkommen lässt völlig ausser Acht, dass Inseln wie Kreta oder Rhodos einen eigenen Festlandsockel haben.»

Die EU stellt sich hinter Griechenland. Gleichzeitig will sie die Türkei und Griechenland zu Gesprächen bewegen. Wie steht Griechenland dazu?

Athen fordert Ankara schon seit Jahren auf, zur Festlegung des Festlandsockels vor den Internationalen Gerichtshof nach Den Haag zu gehen. Ankara weigert sich konstant. Vielleicht will aber auch Athen seine Maximalforderungen nicht aufgeben. Zum Beispiel will es der winzigen Insel Kastellorizo mit knapp zwölf Quadratkilometern Fläche eine ausschliessliche Wirtschaftszone von 200 Seemeilen in alle Richtungen zugestehen. Nicht zufällig ist diese Region im griechisch-ägyptischen Abkommen ausgespart worden. Und nicht zufällig liegen sich momentan genau dort die Kriegsflotten gegenüber.

Sind Sie beunruhigt?

Ja. Die Ausweitung des türkischen Einflusses ist seit Jahrzehnten eine Konstante der türkischen Aussenpolitik, und der jetzige türkische Präsident Erdogan scheint nicht nur einem nationalistischen Grössenwahn verfallen zu sein, sondern er steht inzwischen innenpolitisch so unter Druck, dass er kaum berechenbar ist.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Kartenausschnitt östliches Mittelmeer mit neu entdeckten Gasfeldern
Kartenausschnitt Mittelmeerregion mit Markierung von Erdöl- und Erdgassuchregionen

SRF 4 News, 12.08.2020; 07:20 Uhr;

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22 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Maier  (MaTo)
    Europa (inkl CH) kommt nicht darum herum endlich Stärke zu markieren, das schwächliche Kleinstaatenpuzzle ist eine offene Einladung mit uns zu spielen.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Tom Maier: Richtig! Wir gehören zu Europa und dürfen nicht einfach alles den Franzosen übertragen, die sonst schon extrem engagiert sind. Im September gleich auch noch unsere Luftwaffe abzuschaffen wäre das Dümmste, was wir machen könnten.
  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Ein türkisches Forschungsschiff befindet sich in Gewässern, die Griechenland für sich beansprucht. Begleitet wird es von türkischen Kriegsschiffen." Ein solches Machtgehabe direkt vor unserer Haustür. Die Aufrüstung der Türkei hat man nicht ernst genommen und beide Augen zugedrückt. Mittlerweile könnte sie sich problemlos in einen Konflikt mit Europa einlassen. Sie gilt als 2stärkste Kraft innerhalb der NATO. Und - bei uns will man die Armee abschaffen. Bedenklich das Ganze, was da abgeht.
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Vielleicht hat die EU zuviel abgerüstet bisher da sie ja umgeben von Freunden und Partnern ist? Und der verlässliche potente Kollege ennet des Atlantiks hat im Moment auch nicht unbedingt Lust sich auch im Mittelmeer eine blutige Nase zu holen. Für was denn? Und schon tauchen die alten Machtgelüste und Konflikte wieder auf.
    Es sollte auch uns eine Lehre sein.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Patrik Müller: Trump findet Erdogan toll. Europa, dazu gehört auch die Schweiz, muss selber schauen, wie es mit Erdogan klar kommt.