«Es soll nicht der Eindruck entstehen, die USA handelten allein»

Der Militärschlag war angekündigt, nun hat er begonnen. Die US-Streitkräfte fliegen seit heute Nacht Luftangriffe gegen IS-Kämpfer in Syrien – mit Hilfe arabischer Verbündeter. Zu ihnen gehören die Vereinigten Emirate, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und Jordanien. Ein wichtiges politisches Zeichen.

SRF: Offiziell bestätigt ist erst die Teilnahme Jordaniens. Warum machen die arabischen Golfstaaten bei der US-Offensive mit?

Michael Lüders: Jordanien und die Golfstaaten haben sich hinter diese amerikanische Aktion gestellt. Aus gutem Grund: Die dortigen Regierungen haben Angst, dass sie als nächstes ins Visier der Terrorgruppe des Islamischen Staates geraten.

Ist das jetzt diese breite Allianz, die für US-Präsident Barack Obama so wichtig ist im Kampf gegen die Scharia-Terroristen?

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Michael Lüders

Michael Lüders

Michael Lüders ist deutscher Politikwissenschafter, Islamwissenschafter und Publizist. Er bereiste als Nahost-Korrespondent der «Zeit» viele arabische Länder. Lüders berät unter anderem das deutsche Auswärtige Amt. Zu seinem Fachgebiet zählt die Ursachenforschung islamistischer Gewalt.

Es ist den Amerikanern vor allem wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, dass sie im Alleingang handeln, womöglich gegen den Willen der arabischen Bevölkerungen. In psychologischer und vor allem politischer Hinsicht ist es wesentlich, dass die Golfstaaten und Jordanien sich nun hinter diese US-Angriffe gestellt haben. In militärischer Hinsicht ist das jedoch nicht erforderlich. Die Amerikaner sind selber in der Lage, die Luftangriffe durchzuführen.

Doch jeder weiss im Prinzip, dass das Problem damit nicht zu lösen ist. Ohne Bodentruppen wird es nicht gehen. Das weiss auch der IS, dessen Führung ganz bewusst die Amerikaner und die westlichen Staaten in einen Krieg im Irak und in Syrien zu verwickeln sucht. Wohlwissend, dass es den Amerikanern seit 2003 nicht gelungen ist, im Irak die eigenen Vorstellungen militärisch und politisch durchzusetzen. Diese Terroristen hoffen nun, den Amerikanern eine – aus ihrer Sicht – weitere Niederlage zufügen zu können.

Obama sagte klipp und klar, dass es keine Bodentruppen geben werde. Wird er daran festhalten?

Im Augenblick ja, solange er kann. Aber niemand kann prognostizieren, wie sich Lage vor Ort weiterentwickeln wird. Martin Dempsey, der US-Generalstabschef, hat in Interviews schon angedeutet, dass er sich sehr wohl einen punktuellen Einsatz von Bodentruppen vorstellen könne. Er ist zwar vom Präsidenten zurückgepfiffen worden. Aber die USA müssen, wenn sie den IS wirklich militärisch besiegen wollen, mit eigenen Bodentruppen tätig werden. Eine Alternative gibt es realistischerweise nicht.

«  Eine Alternative zu Bodentruppen gibt es nicht. »

Die USA haben Syrien vorgängig über diese Luftangriffe informiert. Sie haben damit aber die Souveränität Syriens verletzt...

Das haben sie in der Tat. Das ist ein grosses Dilemma für die Amerikaner. Die USA setzen zwar weiterhin auf den Sturz des Regimes von Baschar al-Assad. Sie werden hier aber von ihrer eigenen Politik eingeholt. Denn eigentlich bräuchte man den syrischen Präsidenten als Verbündeten im Kampf gegen den IS-Terror.

Assad reibt sich natürlich die Hände, weil er seine Weltsicht bestätigt sieht: ‹Ohne uns geht es nicht› und ‹wir haben ja schon immer gesagt, dass die islamischen Extremisten die grösste Gefahr sind für die Region›. Und die USA erweisen Assad dabei auch noch den Gefallen, die gefährlichsten Widersacher auszuschalten. Um das zu kompensieren, wollen die USA die sogenannten gemässigten Islamisten in Syrien unterstützen. Das alles ist aber Makulatur.

Letztendlich muss man sich entscheiden, ob man mit Assad in Syrien und mit dem Iran gemeinsam den Islamischen Staat bekämpfen will oder nicht. Will man das nicht, dann wird das Ganze gefährlich. Denn die Russen und auch die Iraner wollen Assad nicht stürzen. Sie werden an ihm festhalten. Da ist Eskalationspotential gegeben.

Wenn die USA den IS und die gegen Assad kämpfende Al-Nusra-Front schwächen, dann stärken sie indirekt das Assad-Regime. Wie kommt Obama da wieder raus?

Da kommen die USA überhaupt nicht raus. Sie müssen sich entscheiden, welche Kröte sie schlucken wollen. Die westlichen und die Golfstaaten haben sehr früh auf den Sturz von Assad gesetzt, weil er in der arabischen Welt der engste Verbündete des Irans ist. Aber jetzt haben sich auf einmal neue Allianzen ergeben. Nun ergibt es keinen Sinn mehr, auf einen Sturz Assads zu drängen. Offen kann man das aber nicht so sagen, sonst würde man seine eigene Politik der letzten Jahre diskreditieren.