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Eskalation im Nahen Osten Hamas-Aufrüstung: «gefährlicher Nebeneffekt des Iran-Konflikts»

Die USA und der Iran stehen am Rande einer Eskalation. Verhandlungen in Pakistan sollen einen Krieg verhindern, doch der Sicherheitsexperte Marcel Berni warnt vor dem immensen Zeitdruck. Während die Welt auf den Iran blickt, nutzt die Hamas die Situation, um im Gazastreifen wieder zu erstarken.

Marcel Berni

Militärexperte

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Marcel Berni forscht und lehrt seit 2014 als wissenschaftlicher Assistent an der Schweizerischen Militärakademie der ETH Zürich. 2019 promovierte er mit einer Arbeit über kommunistische Gefangene im Vietnamkrieg an der Universität Hamburg. Seit 2022 vertritt der Strategie- und Sicherheitsexperte die Dozentur Strategische Studien in Forschung und Lehre an der ETH Zürich.

SRF News: Die USA wollen verhandeln, der Iran zögert. Warum kann Teheran es sich leisten, die Gespräche zu blockieren?

Marcel Berni: Das iranische Regime nutzt die Verzweiflung Washingtons aus. Man weiss, dass die Regierung unter Präsident Trump unter Druck steht, und lässt sie bewusst zappeln. So versucht der Iran, die Bedingungen für einen Waffenstillstand zu seinen Gunsten zu manipulieren.

Sie sprechen von Zeitdruck. Was heisst das konkret?

Die Waffenruhe läuft am Mittwoch aus. Die Verhandlungen finden unter massivem Druck statt, die Agenda ist völlig überladen. Innerhalb von nur einem Tag sollen komplexe Themen wie die Blockade der Handelsrouten, die Rolle iranischer Milizen in der Region und die Urananreicherung gelöst werden.

In Teheran entsteht der Eindruck, dass man den Konflikt für sich entscheiden kann, wenn man nur lange genug zögert.

Das ist nicht machbar und erhöht die Gefahr eines Scheiterns.

Wer sitzt denn am längeren Hebel? Die USA mit ihrer Militärmacht oder der Iran, der die Strasse von Hormus blockiert?

Wirtschaftlich gesehen sitzt der Iran am längeren Hebel. Mit der Blockade der Strasse von Hormus kann er mit einfachen Mitteln empfindliche globale Konsequenzen auslösen und den Welthandel treffen. Militärisch sind zwar weiterhin die Amerikaner überlegen, aber ihnen läuft die Zeit davon.

Im Iran gibt es verschiedene, teils widersprüchliche Machtzentren. Das macht Verhandlungen komplex, denn wir wissen oft nicht, wer im Iran überhaupt das Sagen hat.

Die Midterm-Wahlen kommen, die Inflation steigt. In Teheran entsteht der Eindruck, dass man den Konflikt für sich entscheiden kann, wenn man nur lange genug zögert.

Gibt es auf der iranischen Seite auch Schwächen?

Ja, es gibt deutliche Risse innerhalb des Regimes. Der Aussenminister kündigt das Ende einer Blockade an, kurz darauf schiessen die Revolutionsgarden auf einen Tanker. Es gibt verschiedene, teils widersprüchliche Machtzentren. Das macht Verhandlungen komplex, denn wir wissen oft nicht, wer im Iran überhaupt das Sagen hat.

Während die Welt auf den Iran blickt, soll die Hamas im Gazastreifen wieder erstarken. Wie sehen Sie die Lage dort?

Ganz genau. Die Hamas merkt, dass die Weltöffentlichkeit nicht auf sie gerichtet ist, und nutzt dieses Zeitfenster zur Revitalisierung, Neuausrüstung und Ausbildung von Kämpfern. Das ist ein gefährlicher Nebeneffekt des Iran-Konflikts.

Selbst wenn es in Islamabad eine Einigung gäbe, blieben die anderen Konfliktherde bestehen.

Zwar hat die Hamas angeboten, «einige Waffen» abzugeben, was ein winziger erster Schritt wäre. Doch gleichzeitig nutzt sie die Zeit zur vollständigen Rehabilitation und erneuert ihre Strukturen in den Tunneln.

Eine Einigung zwischen den USA und dem Iran würde die Region also nicht automatisch befrieden?

Nein, die ganze Region steuert auf sehr unsichere Zeiten zu. Selbst wenn es in Islamabad eine Einigung gäbe, blieben die anderen Konfliktherde bestehen. Die Lage in Gaza etwa ist weiterhin katastrophal, geprägt von zivilem Leid und Zerstörung. 

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 20.4.2026, 13 Uhr ; 

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