In Aleppo kam es am Dienstag zu schweren Kämpfen zwischen syrischen Regierungstruppen und kurdischen SDF-Kämpfern. Grund sind Differenzen über die künftige Staatsordnung: Die Übergangsregierung von Ahmed Ashara strebt einen zentralisierten Staat an und will die SDF auflösen oder eingliedern, während die Kurden eine dezentrale Ordnung bevorzugen. Die SDF kontrolliert weiterhin grosse Teile Nordostsyriens. Aus den kurdisch geprägten Vierteln Aleppos berichtet die freie Journalistin Anna-Theresa Bachmann.
SRF News: Wo finden die Kämpfe statt?
Anna-Theresa Bachmann: Die Lage ist in Aleppo allgemein noch sehr angespannt. Ebenso in den beiden Vierteln ringsum, Aschrafijeh und Scheich Maksoud. Stand Anfang der Woche war, dass diese beiden Viertel von der SDF kontrolliert wurden, von den selbsternannten Syrischen Demokratischen Kräften.
In den vergangenen Monaten gab es immer wieder grosse Machtkämpfe in diesen Vierteln, die auch eskalierten. Doch dieses Mal ist es anders. Denn jetzt geht es darum, wer zukünftig dort die Macht übernimmt. Der Stand heute ist, dass Aschrafijeh bereits unter Kontrolle der Regierungstruppen steht. Gleichzeitig finden aber auch in anderen Teilen der Stadt weiterhin kriegerische Auseinandersetzungen statt.
Viele dieser Menschen sind von der Fluchterfahrung traumatisiert.
Sie waren auch in Afrin nahe der türkischen Grenze, wohin viele Kurden aus Aleppo in den letzten Tagen geflüchtet sind. Was sagen die Menschen dort?
Ich habe die Menschen in Afrin in einem Keller einer Moschee kennengelernt. Dort kommen Dutzende Familien unter. Das waren wirklich die Ärmsten der Armen und sie haben sonst keinen anderen Zufluchtsort gefunden. Hilfsorganisationen verteilten Spenden. Viele Kinder waren dort, es war laut. Viele sind von der Fluchterfahrung traumatisiert. Es ist ja leider nicht das erste Mal, dass in Syrien Menschen vor Krieg und Gewalt fliehen müssen.
Was war der Auslöser der gegenwärtigen Kämpfe?
Was genau der Auslöser war, kann man nicht zu 100 Prozent sagen. Zudem sind momentan viele Fake News von beiden Kriegsparteien im Umlauf. Man muss also vorsichtig sein.
Die Angst ist gross, dass es dieses Mal nicht nur um Aleppo geht.
Letzten Frühling sah ein gemeinsames Abkommen die Integration der SDF in die syrischen Streitkräfte und die Übergabe der von ihnen kontrollierten Gebiete im Nordosten vor. Warum kam es bisher nicht dazu?
Um das zu beantworten, würde ich zwei Worte nennen: Macht und Vertrauen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir diese kurdischen Kräfte in die reguläre syrische Armee integrieren, würden ihnen dort Milizen aus dem Bürgerkrieg gegenüberstehen, die schon integriert wurden. Diese haben im Krieg gegen die Kurden, die von der Türkei unterstützt wurden, gekämpft. Man ist sich nicht sicher, wie man mit denen umgehen soll und wie sehr man der Zentralregierung in Damaskus vertrauen kann, die von den Islamisten geprägt ist.
Wie gross schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich die Kämpfe aus den beiden Quartieren in Aleppo noch in andere Gebiete verlagern?
Die Gefahr schätze ich als sehr hoch ein. Das sehen auch die Menschen hier so. Die Angst ist gross, dass es dieses Mal nicht nur um Aleppo geht. Das, was jetzt folgen könnte, könnte der grosse Krieg innerhalb Syriens sein – zwischen der Zentralregierung und der Kurden im Nordosten.