Europaweite Anschlagsserie - Brandsätze und Bomben gegen jüdische Ziele – Iran im Verdacht
Lüttich, London, Antwerpen: Seit Anfang März erschüttern antisemitische Attentate jüdische Gemeinden mehrerer Länder. Sicherheitsbehörden vermuten das iranische Regime als Drahtzieher.
Synagogen, eine jüdische Schule, Ambulanzen eines jüdischen Rettungsdienstes: Die Serie von Anschlägen mit Sprengstoff und Brandsätzen gegen jüdische Ziele reisst nicht ab. Mehrfach sind Bekennervideos erschienen, versehen mit dem Logo einer Gruppierung namens «Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiyyah» (etwa: «Islamische Bewegung der rechtschaffenen Gefährten» / HAYI).
Sechs bestätigte Anschläge seit Anfang März
Box aufklappenBox zuklappen
Legende:
Brandanschlag auf einen jüdischen Rettungsdienst in London am 23. März 2026.
KEYSTONE/EPA/ANDY RAIN
Die Gruppe, die sich «Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiyyah» nennt, hat gemäss Terrorismus-Analysten eine Reihe von Angriffen in Europa für sich reklamiert:
9. März: Liège/Lüttich (BE), Explosion bei Synagoge
13. März: Rotterdam (NL), Brandanschlag Synagoge
14. März: Amsterdam (NL), Explosion bei jüdischer Schule
16. März: Amsterdam (NL), Explosion bei Geschäftshaus
24. März: Antwerpen (BE), Brandanschlag im jüdischen Quartier
Die Gruppe hat zudem Bekennerbotschaften für angebliche Angriffe in Griechenland, Frankreich und den Niederlanden veröffentlicht. Da keine bestätigten Berichte über tatsächliche Taten vorliegen, halten manche Beobachter dies für Desinformation. Möglich ist auch, dass diese Angriffe geplant, aber nicht durchgeführt oder vereitelt wurden.
Der Name dieser Gruppe war bislang unbekannt. Eine Analyse des Internationalen Zentrums für Terrorismus-Abwehr (ICCT) in Den Haag ergab, dass ein erstes Video am 9. März erschienen ist, am Tag der Explosion vor einer Synagoge in Belgien. Die Gruppe HAYI kündigte den Start von «Militäroperationen gegen US- und israelische Interessen weltweit» an. Gemäss ICCT-Recherchen erfolgte der erste Post auf einem Telegram-Kanal, der mit einer proiranischen Schiiten-Miliz verbunden sei. Diese Miliz wiederum unterhalte enge Verbindungen zu den iranischen Revolutionsgarden.
Verbreitungskanäle gelten als proiranisch
Aus den darauffolgenden Bekennervideos lasse sich ein Muster herauslesen, so der Analyst Julian Lanchès vom ICCT: «In jedem Fall spielen dieselben vier arabischsprachigen Telegram-Kanäle, die jeweils mehrere hunderttausend Abonnenten haben, eine zentrale Rolle.» Zwei seien verbunden mit proiranischen Milizen, zwei stellten sich als Nachrichtenportale dar, verbreiteten aber primär proiranische Inhalte.
Legende:
Nach einer Explosion in der Nähe einer Synagoge in Lüttich in Belgien sichern Polizeikräfte das Gebiet. (9.3.2026)
Keystone/AP Photo/Valentin Bianchi
Der Name der Gruppe ist also neu, nicht aber die Verbreitung der Propaganda. Auch deren Botschaft – jüdische, amerikanische und grundsätzlich westliche Ziele angreifen – würde zu einer hybriden Kriegsführung durch das iranische Regime passen.
Verdacht iranischer Terrorkampagne
Box aufklappenBox zuklappen
Iran kopiere das «russische Drehbuch», sagt Lord Beamish, Mitglied der Nachrichtendienst- und Sicherheitskommission des britischen Parlaments, nachdem in London Ambulanzfahrzeuge in Brand gesetzt wurden. Das Vorgehen: Dissidenten und Regimekritiker angreifen, jüdische Gemeinschaften ins Visier nehmen – und das teilweise, indem kriminelle Gruppen eingespannt oder auch Einzelpersonen bezahlt würden, so Beamish gemäss der Londoner «Times». Seit Oktober 2024 seien im Vereinigten Königreich über zwanzig Komplotte mit iranischer Unterstützung aufgedeckt worden, sagte der Chef der Terrorabwehr-Polizei, Laurence Taylor.
Beweise, dass auch hinter der jüngsten Anschlagsserie das iranische Regime steht, liegen bislang nicht vor. Weltweite Anschläge gehören aber seit Jahrzehnten zu ihrem Repertoire: So verfügen die Revolutionsgarden mit den «Kuds-Truppen» über eine Art Auslandsabteilung. Auch die Netzwerke der Hisbollah wurden in verschiedenen vergangenen Fällen eingesetzt. Teilweise spannten diese für Anschläge kriminelle Banden ein.
Zuletzt habe der Iran Waffen- und Munitionslager angelegt, darunter in Deutschland und Österreich, sowie entlang von Migrationsrouten über den Balkan, das berichtet das «Wall Street Journal», gestützt auf mehrere europäische und US-Quellen.
Auffällig ist die zeitliche Abfolge, etwa im Fall der Explosion vor der jüdischen Schule: Nachts um 3.45 Uhr brachten zwei Verdächtige den Sprengsatz an der Aussenwand an. Erste Erwähnungen online erfolgten bereits um 3.44 Uhr. Zwei Stunden später folgte das Bekenner-Video.
Das deutet darauf hin, dass die Terrorpropagandisten hinter den Telegram-Kanälen in Echtzeit informiert waren und innert kürzester Zeit direkt oder indirekt Handyaufnahmen der Täter zugeschickt erhielten, die sie dann weiterverbreiteten.
Möglicherweise Jugendliche rekrutiert
Analysten weisen auch auf Unklarheiten hin: So werden Angriffe reklamiert, die offensichtlich nicht stattfanden. Zudem finden sich sprachliche Fehler in den Videos. Mögliche Erklärungen dafür: überhastetes Handeln, mangelhafte Kommunikation, unbedarfter Einsatz von KI – oder bewusste Desinformation.
Erste Festnahmen in den Niederlanden zeigen: Fünf Verdächtige sind zwischen 17 und 19 Jahren alt. Das stärkt den Verdacht, Jugendliche – allenfalls mit kriminellem Hintergrund – könnten für die Taten rekrutiert worden sein. Es ist ein Vorgehen, das auch bei russischen Sabotageakten in Europa vermutet wird. Kombiniert mit Propaganda entfaltet sich die Wirkung: Obwohl in der jüngsten Serie keine Verletzten zu beklagen sind, soll Angst verbreitet und Zwietracht gesät werden.