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Deutsche Evakuierungsaktion unter schlechtem Stern: Warum so spät?
Aus SRF 4 News aktuell vom 18.08.2021.
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Evakuierung aus Afghanistan Deutsche Rettungsaktion steht in der Kritik

Der zähe Bundeswehreinsatz in Kabul stellt die Regierung in ein schlechtes Licht. Sorgte Wahltaktik für den Schlamassel?

Auch Deutschland versucht gerade, eine grosse Zahl von Menschen aus Afghanistan zu evakuieren. Deutsche und afghanische Staatsangehörige, die als Ortskräfte für Deutschland gearbeitet haben und nun die Rache der Taliban fürchten.

Doch die Rettungsaktion scheint schleppend und teils chaotisch zu verlaufen. Erst drei Maschinen sind nach neusten Angaben aus Kabul abgeflogen, die erste in der Nacht auf Dienstag – obwohl die Bundeswehr laut übereinstimmenden Berichten bereits am Samstag bereit gewesen wäre.

Warum so spät?

Warum die Bundesregierung so lange zögerte, kann noch nicht abschliessend beantwortet werden, wie Kilian Pfeffer von ARD-Hauptstadtstudio in Berlin erklärt. Die Opposition kritisiere zu viel Bürokratie, zu wenig Pragmatismus und zu wenig Verantwortung. Möglicherweise habe man gehofft, die Frage bis nach der Bundestagswahl hinausschieben zu können, so eine andere Kritik.

Die Verteidigungsministerin und der Aussenminister wiesen ihrerseits richtigerweise darauf hin, dass niemand mit einer derart schnellen Machtübernahme der Taliban gerechnet habe, so Pfeffer.

Regierung verteidigt sich

Richtig ist aber laut Pfeffer auch: «Man hätte früher handeln können und hat es nicht getan und hat jetzt den Schlamassel.» Entsprechend bohrend werde auf Regierungspressekonferenzen die Frage gestellt, ob nicht ein beherzteres Eingreifen möglich gewesen wäre. Dies verneine die Regierung und verweise auf die grosse Planungsarbeit in der gefährlichen und unübersichtlichen Lage.

Legende: Eine Maschine der Bundeswehr wartet am 17. August 2021 auf den Flugplatz in Kabul. Deutsche Bürgerinnen und Bürger sowie lokale afghanische Ortskräfte werden nach Taschkent in Usbekistan ausgeflogen. Keystone

Zumindest Bundeswehr-Verantwortliche hätten einigermassen nachvollziehbar erläutert, dass es nicht so einfach ist, wie es sich aus der Ferne darstellt. Der Eindruck, die Regierung agiere manchmal etwas hilflos, habe sich aber festgesetzt und werde wohl nicht so rasch zu korrigieren sein.

Der Eindruck, die deutsche Regierung agiere manchmal etwas hilflos, hat sich festgesetzt und wird wohl nicht so rasch zu korrigieren sein.
Autor: Kilian Pfeffer Journalist, ARD-Hauptstadtstudio, Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel räumte kürzlich ein, dass viele afghanische Ortskräfte vermutlich nicht mehr evakuiert werden könnten. Ob dem so ist, dürfte laut Pfeffer auch davon abhängen, ob es den Ortskräften gelingt, aus den verschiedenen Landesteilen nach Kabul zu kommen. Die Taliban hätten zwar Korridore in dem um den Flughafen gezogenen Belagerungsring zugesagt. Was sich hinter dieser Ankündigung verbirgt, werde sich zeigen.

SPD und CDU/CSU hatten noch im Juni den Antrag der Grünen abgeschmettert, auch Ortskräfte aus Afghanistan aufzunehmen. Jetzt fordern führende Köpfe der Union die Evakuierung dieser Menschen als erste Priorität. Entsprechend gibt es Kritik, die damalige Abwehrhaltung sei aus wahltaktischen Gründen erfolgt, um vorerst keine neuen Flüchtlinge aufnehmen zu müssen.

Wahltaktik?

Pfeffer präzisiert diesbezüglich, dass es bei den zu rettenden Ortskräften um eine überschaubare Zahl von Menschen gehe, auf der anderen Seite um eine Flüchtlingswelle, die eventuell ausgelöst werde könnte. Aber man sei sicher darauf bedacht gewesen, keine Anreize zu schaffen. Die Forderung, 2015 dürfe sich nicht wiederholen, sei wiederholt bei Unionspolitikern gefallen. Auch in der Hoffnung, der AfD den Wind aus den Segeln zu nehmen, die jetzt mit einem griffigen Wahlkampfthema frohlocke.

In der deutschen Öffentlichkeit sei die Bestürzung dann aber doch gross, dass man so eine Fehleinschätzung getroffen habe und irgendwie überfordert gewesen sei, beobachtet Pfeffer. Allgemeine Schlussfolgerungen seien schwierig: «Aber ich glaube, dass das Vertrauen nach verschiedenen anderen Affären, wo die Bundesregierung nicht rechtzeitig handelte, doch einigermassen erschüttert ist.»

SRF 4 News, 18.08.2021, 07.40 Uhr;

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Ach diese Aussagen: "Hilflos agierende Regierung". Ja wie soll sie den agieren um umgekehrt nicht gleich in "Trumpistische Handlungen" zu verfallen. Zu früh, zu spät? Wir können das weder beur- noch verurteilen da wir ja gar nicht alles wissen, wer wann wie und wo. Gemotzt würde immer...
  • Kommentar von Hanspeter Gantenbein  (hpgantenbein)
    Ich denke nach diesen Wahlen wird die Afd und deren Wähler gestärkt dastehen und können nicht dauernd ignoriert und bekämpft werden.
    1. Antwort von Detlef Brügge  (Useful)
      Das ist aber das Einzige, was man dieser Partei an Reaktion entgegenbringen wird - Ignoranz u. das ist gut so.
    2. Antwort von Frank Henchler  (Die Wahrheit ist oft unbequem)
      Ich glaube das man in D bundesweit betrachtet, anders als in der CH, verstanden hat, dass man von den rechtsnationalen Parteien (AFD, SVP) keine nachhaltigen Lösungen erwarten kann. Das zeigen übrigens die stetig abnehmenden Wählerstimmen seit 2015. Stark reden, wie sie es hier versuchen, ist zwar ein gängiges, aber auch mittlerweile verbrauchtes Mittel der Rechtsnationalen.
    3. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Henchler: Hätte die SVP einen gleichartigen Flügel wie die AfD in Deutschland, würde diese Partei nicht mehr existieren. Das ist der grosse Unterschied zu Deutschland. Es gab/gibt hier den einen oder anderen angehauchten "Bernd" Höcke und Konsorte, doch nicht in dieser Extremis. Und das nenn ich mal eine unbequeme Wahrheit. Da können Sie so viel Pulver verschiessen wie Sie wollen, es ist nun mal so.
    4. Antwort von Janusz Kaltenbacher  (anti_sozialist)
      Frank Henchler/Felix Meyer, Schweizer Parteien spielen hier keine Rolle, da die Schweiz keine Soldaten nach Afghanistan schickte, damit wir beim Thema bleiben. Deutsche Parteien tragen aber schon eine Verantwortung, weil die jetzige CDU/SPD Regierung die rechtzeitige Evakuierung der Ortskräfte unterlassen hat, obschon bereits im Frühjahr die Lage in Afghanistan schon sehr kritisch und aussichtslos war. Die AfD trägt hier keine Schuld, dafür aber auch die Grünen am Einsatzbeginn 2001!
    5. Antwort von Roger Pfister  (DoppelEben)
      @Useful: Rechte: "Ausländer = böse! Nur wir sind gut!" Linke: "Rechte = Böse! Nur alle anderen sind gut!" - irgendwie sehe ich da eine witzige Gemeinsamkeit ;)
  • Kommentar von Theo Schneider  (TeeS)
    Ich finde es sehr bedenklich, dass die vielen Kritiker immer schon in den Startlöchern stehen und motzen bevor der erste Schritt unternommen wurde. Kaum einer davon würde es auch nur im Ansatz besser hinbekommen als die kritisierten.

    Wie sagte es einmal ein Schauspieler so trefflich: Ein Kritiker ist jemand, der es nicht geschafft hat, selbst auf der Bühne zu stehen. Und wer selbst einmal auf der Bühne stand, ist nie in vorderster Linie der Kritiker anzutreffen...
    1. Antwort von Janusz Kaltenbacher  (anti_sozialist)
      Ortskräfte sollte man aber mit den letzten ausländischen Truppen abziehen und nicht erst wenn diese Wochen zuvor das Land bereits verlassen haben. Für das muss man nun wirklich nicht Experte sein, da die afghanische Armee sich nicht einmal selber schützen konnte. Eine Evakuierung mit den letzten Verbleiben US und Bundeswehrsoldaten wäre noch einigermassen geordnet und umfassend über die Bühne gegangen. Aber so musste man wieder Truppen einfliegen zur Evakuation, was total irre ist.
    2. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      @anti_sozialist: Ich verstehe Ihre Replik an Herrn Schneider nicht, der ja nur die ewigen Kritiker anspricht und einen Vergleich mit verhinderten Schauspielern macht.
      Keine Ahnung, warum Sie sich überhaupt angesprochen fühlen und glauben, sich rechtfertigen zu müssen, Herr Kaltenbacher. Zumal Sie ja auch kein Experte sind, wie Sie explizit sagen.