Zum Inhalt springen

Header

Video
Freispruch für Kardinal George Pell
Aus Tagesschau vom 07.04.2020.
abspielen
Inhalt

Ex-Erzbischof von Melbourne Kardinal Pell von Missbrauchsvorwürfen freigesprochen

Die 6-jährige Haftstrafe für den früheren Erzbischof von Melbourne wegen Missbrauchs von Chorknaben wird aufgehoben. Zivilrechtlich könnte Pell freilich durchaus noch belangt werden.

Der 78-jährige Kardinal wurde kurz nach dem Entscheid aus der Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis bei Melbourne entlassen. Das höchste Gericht Australiens war einem letzten Berufungsantrag seiner Verteidigung gefolgt, die auf vermeintliche Schwächen in der Beweisführung gegen den Kleriker hingewiesen hatte.

Pell weist jede Schuld von sich

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

In einer Presseerklärung bezeichnete Pell den Entscheid des höchsten Gerichts als Heilmittel gegen die «ernsthafte Ungerechtigkeit», die er erlebt habe. Er hege «keinen Groll» gegen seine Beschuldiger. Auch sehe er den Prozess nicht als «Referendum» über die katholische Kirche und deren Umgang mit Pädophilie unter Priestern. Vielmehr sei es um die Frage gegangen, «ob ich diese schrecklichen Verbrechen begangen hatte, und das habe ich nicht», schreibt Pell.

Der frühere Erzbischof von Melbourne war im März 2019 wegen des sexuellen Missbrauchs von zwei Chorknaben in den 1990er-Jahren zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Seine Verteidiger blitzten daraufhin im August letzten Jahres mit einem Berufungsantrag bei einem Gericht in Melbourne ab. Danach gelangten sie an das Obersten Gericht, die letzte Berufungsinstanz.

Chorknaben in der Sakristei missbraucht?

Das Geschworenengericht hatte den Geistlichen 2019 für schuldig befunden, sich 1996 als Erzbischof von Melbourne im Anschluss an eine Messe an zwei Chorknaben sexuell vergangen zu haben. Der damals 55-jährige Geistliche soll die beiden 13-jährigen Kinder in der Sakristei beim Trinken von Messwein ertappt haben.

Danach habe sich der Kardinal – laut Anklage noch immer in voller Messrobe – vor den Kindern entblösst. Einen der Knaben habe er zum Oralverkehr gezwungen. Einen der beiden Buben habe der Geistliche einen Monat später in einem Korridor der Kathedrale noch einmal sexuell bedrängt. Der eine Chorknabe starb Jahre später an einer Drogenüberdosis.

Entlastungszeugen zu wenig berücksichtigt

Im Prozess letztes Jahr waren die Aussagen des überlebenden damaligen Chorknaben zentral gewesen. Das Oberste Gericht befand, dass die Geschworenen den heute 30 Jahre alten Mann für «glaubwürdig, überzeugend und ehrlich» hielten. Sie hätten aber andere Beweise berücksichtigen müssen, die dessen Aussagen infrage stellten.

Harsche Reaktionen auf den Freispruch

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

Die Opferhilfegruppe Snap erklärte, sie sei enttäuscht, dass «Kardinal George Pell seiner Verurteilung erfolgreich entkommen ist und aus dem Gefängnis entlassen wird». Eine andere Gruppe, die Überlebende sexuellen Missbrauchs durch Priester repräsentiert, fürchtet, «dass dieses Urteil andere dazu bringen wird, ihren Glauben an das Strafrechtssystem zu verlieren, und dass es die Botschaft vermitteln wird, dass die Überlebenden im Verborgenen bleiben und schweigen sollten, anstatt sich zu melden und Gerechtigkeit zu suchen.»

Die Suizid-Präventionsorganisation Lifeline forderte Opfer auf, sich bei ihr zu melden, falls sie als Folge des Entscheides in Not kommen. Der Erzbischof von Sydney, Anthony Fisher, meinte, die Entscheidung habe bestätigt, dass «seine Verurteilung falsch war. Ich freue mich, dass der Kardinal nun freigelassen wird, und ich bitte darum, dass die Verfolgung des Kardinals, die uns zu diesem Punkt gebracht hat, nun eingestellt wird.»

So hatten mehrere Zeugen gesagt, es sei unwahrscheinlich gewesen, dass Pell unmittelbar nach der Messe in der Sakristei mit den Kindern alleine war. Es habe deshalb «eine erhebliche Möglichkeit bestanden, dass eine unschuldige Person verurteilt wurde, weil die Beweise nicht den erforderlichen Beweisstandard für eine Schuld begründeten», so die Richter des höchsten Gerichts.

Zivilklage gegen Pell eingereicht

Während der Entscheid des Obersten Gerichts den Fall strafrechtlich beendet, wird Pell kaum in den Ruhestand treten können. Nicht nur hat der Vater des verstorbenen Knaben eine Zivilklage gegen den Geistlichen eingereicht. Die Behörden können nun auch die noch ausstehenden Ergebnisse einer Untersuchung zum Umgang der katholischen Kirche mit pädophilen Priestern veröffentlichen.

Pell, einst der mächtigste Katholik in Australien, war schon Jahre vor seiner Verurteilung vorgeworfen worden, verdächtige Geistliche geschützt und sie in andere Kirchgemeinden versetzt zu haben, statt bei der Polizei anzuzeigen. Zudem soll er Opfer weggewiesen haben – zum Teil sehr aggressiv und ohne jegliches Mitgefühl zu zeigen. Er habe sie zum Leiden im Stillen verurteilt, weil ihnen niemand glauben wollte, klagen Angehörige.

Heute Morgen vom 7.4.2020, 08.00 Uhr

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Wir informieren laufend über die aktuelle Entwicklung und liefern Analysen zum Coronavirus. Erhalten Sie alle wichtigen News direkt per Browser-Push. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Ich habe keine Ahnung ob er Schuldig ist oder nicht deshalb enthalte ich mich einem Urteil. Ich möchte aber aufzeigen wie Gott Urteilt. Es scheint, dass der Tod und der Lebensrückblick der Moment ist wo man sich selbst beurteilt. Man sieht und fühlt was man mit sich selbst und seinem Gegenüber macht und analysiert. Aber nicht so sehr als Verurteilung für das Vergangene sondern um Lösungen für die Zukunft und mehr Liebe zu finden. Das ist ein ganz andere Ansatz. Der der Liebe und Objektivität.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Kardinal Pell von Missbrauchsvorwürfen freigesprochen. Empörend was da für ein Urteil gesprochen wurde. Die Täter werden nicht nur von der Kirche geschützt, leider auch von Gerichten. Da fragen sich viele, warum soviele Menschen aus der Kirche austreten - weil sich nicht mehr glaubwürdig ist.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
      was lernen wir dabei? Man ist ggf. erst verurteilt, wenn das oberste Gericht gesprochen hat. Dies gilt, auch wenn dessen Urteil nicht dem Zeitgeist entspricht.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Martin Buchmann  (Buchmi)
      Waren sie dabei, als der angebliche Missbrauch geschehen ist? Oder wissen sie es sonst besser? In diesem Fall wäre übrigens aus Ihrer Sicht der Staat nicht mehr glaubwürdig. Leider kann man aus dem Staat nicht austreten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Alois Keller: Sie unterstellen also dem höchsten Gericht Australiens, dass es total willkürlich arbeitet und Straftäter einfach so freispricht. Was wäre denn Ihre Alternative, etwa Selbstjustiz?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von Alex Kramer  (Kaspar)
      @Leu: dieser Tage hat man da und dort davon lesen können, dass entsprechende Aufarbeitung vom Oberhirten in Rom einfach beiseite gefegt wurde, obwohl derselbe Oberhirte zuvor versprochen hat, dass man entsprechend tätig werden wolle.
      Wenn Sie noch Vertrauen in unsere westlich-freiheitlichen, angeblich demokratischen Gesellschaften höchster Güte haben, ist das Ihre Sache. Meine ist es schon länger nicht mehr.
      Und die Trennung von Kirche und Staat ist i.d.R. reines Wunschdenken.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Alex Kramer: Ja, ich habe Vertrauen in unsere Gerichtsbarkeit und bin froh, dass wir eine Gewaltenteilung haben. Ich sehe keine bessere Alternative auf der Welt, wo doch im Grossen und Ganzen die Menschenrechte respektiert werden und Straftäter nicht Ungeschoren davonkommen. Natürlich gibt es spektakuläre Fehlentscheidungen, aber eben, sobald es Sie einmal treffen sollte, sind Sie froh um die folgende Regel: "Im Zweifelsfall zugunsten des Angeklagten". So minimieren Sie unschuldig Verurteilte.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen