Laura Nickel traute ihren Augen kaum, als sie als Lehrerin an die Schule in Südbrandenburg kam: Hakenkreuz-Schmierereien auf Stühlen und Kästen; selbst wenn der Hausmeister sie wegwischte, waren sie sofort wieder da. Ausländerfeindliche Parolen in den Fluren, Schüler sangen rechtsextreme Lieder im Musikunterricht. Die wenigen ausländischen Jugendlichen wurden bedroht. Ihr Kollege Max Teske erzählt, wie ihm Schüler mit dem verbotenen Hitlergruss begegneten.
Unter den Zuständen litten auch jene, die sich nicht der antidemokratischen Gesinnung anschlossen, erzählen die beiden an einer Lesung in Potsdam.
«Schüler haben gesagt: ‹Es geht nicht mehr, ich traue mich nicht mehr auf die Toilette›», erzählt Laura Nickel.
Wir haben versucht, mit dem Hämmerchen die Mauer zum Einstürzen zu bringen.
Als die beiden Lehrkräfte begannen, auf die Zustände aufmerksam zu machen, stiessen sie im Kollegium auf eine Mauer des Schweigens. Doch sie wollten nicht länger den Mund halten.
«Wir haben versucht, mit dem Hämmerchen die Mauer zum Einstürzen zu bringen», sagt Max Teske. Am Ende half nur ein Hilferuf in Form eines anonymen öffentlichen Brandbriefs.
Der Brandbrief schlug ein wie eine Bombe
Ein Auszug aus dem Brandbrief vom 23. April 2023 lautet: «Wir erleben eine Mauer des Schweigens und der fehlenden Unterstützung seitens Schulleitungen, Schulämter und Politik bei der Bekämpfung demokratiefeindlicher Strukturen sowohl in der Schüler- und Elternschaft als auch bei den Kollegen.»
Ihr Hilferuf schlug hohe Wellen: Aus ganz Deutschland gab es bis zum Bundespräsidenten verbale Unterstützung, doch im Schulhaus und in der Region galten sie als Nestbeschmutzer. Kolleginnen wandten sich ab. Die beiden erlebten in ihrer Heimat im Spreewald, einer Hochburg der AfD, Bedrohung und Hetze. Auf Stickern mit ihren Gesichtern stand: «Verpisst Euch nach Berlin.»
Ich hatte Angst um die Schüler und um meine Familie.
«Der Staatsschutz hat gewarnt, man solle nicht immer den gleichen Heimweg gehen, die Bedrohungslage wurde massiv. Ich konnte mich nicht mehr mit den Schülern frei bewegen. Ich hatte Angst um die Schüler und um meine Familie», beschreibt Nickel.
Laura Nickel und Max Teske mussten entgegen ihren Plänen wegziehen. Über ihre Geschichte haben sie, drei Jahre nach dem Brandbrief, ein Buch geschrieben.
Neurechte Ideologien gehören zunehmend zum Schulalltag
Was die beiden erlebten, ist kein Einzelfall und nicht auf Ostdeutschland beschränkt. Zudem trugen auch Lehrpersonen an der Schule zur Stimmung bei.
Udo Dannemann, Forscher aus Berlin, sagt, es habe sich verschoben, was sagbar ist und was nicht. Auch Lehrer seien ein Spiegelbild der Gesellschaft, hätten also durchaus konservative bis reaktionäre Meinungen, die auch an der Schule ausgetragen würden.
Die Forschung zeigt andererseits aber auch, dass viele Lehrkräfte antidemokratische Äusserungen und solches Verhalten an der Schule als «äusserst herausfordernd, verunsichernd und belastend» wahrnehmen. Haltung zeigen fordert viel Kraft im ohnehin anspruchsvollen Schulalltag.
Wichtig wäre es, mehr Sozialarbeiterinnen an Schulen anzustellen, statt solche Stellen zu streichen, meint Laura Nickel.
Was die beiden aber vor allem an Lehrkräfte weitergeben wollen: sich vernetzen und Verbündete suchen. Genau dafür gründeten sie selbst zusammen mit anderen Engagierten das Bündnis «Schule für mehr Demokratie». Denn: Aufgeben ist keine Option.