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Ferien zwischen Trümmern «Manche Touristen suchen diesen Kitzel»

Legende: Audio Ferien in Syrien: «Mit normalem Kulturtourismus hat das nichts zu tun» abspielen. Laufzeit 03:57 Minuten.
03:57 min, aus SRF 4 News aktuell vom 08.03.2019.

Ein französischer Reiseveranstalter bietet im April eine zehntägige Reise durch das Bürgerkriegsland Syrien an. Diese Nachricht sorgt für Aufhorchen in Frankreich. Das Aussenministerium kritisiert die Firma, Syrien sei zu gefährlich. Das Reisebüro entgegnet, man bereise nur Gebiete, die sicher seien – unter anderem die Stadt Homs. Die Zerstörung durch den Krieg ist dort gross, auch wenn das syrische Regime inzwischen die Stadt wieder unter Kontrolle hat. Inga Rogg kennt Syrien gut. Sie berichtet für die NZZ über die Region.

Inga Rogg

Inga Rogg

Journalistin

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Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und lebt zeitweise in Irak. Zurzeit ist sie in Istanbul und berichtet von dort aus vor allem über Syrien, auch für Radio SRF.

SRF News: Kann der Besuch von Syrien wirklich eine Reise sein, oder ist das nicht eher Krisentourismus?

Inga Rogg: Der Reiseveranstalter versucht den Eindruck zu erwecken, es sei heute wieder ganz normaler Kulturtourismus möglich und wirbt mit der grossen alten Kultur des Landes. Die gibt es zweifelsohne. Aber man darf nicht vergessen: Das Land ist im Krieg, die Hälfte der Bevölkerung wurde vertrieben oder musste fliehen. Zum Teil sind ganze Städte zerstört. Von ganz normalem Kulturtourismus wie es der Veranstalter behauptet kann also sicher nicht die Rede sein.

Wenn man sich aktuelle Bilder aus Homs anschaut, sieht man eine Stadt, die vom Krieg gezeichnet ist. Was erwartet denn Kulturtouristen dort? Gibt es etwas zu sehen ausser Zerstörung?

Manche Touristen zieht ja die Zerstörung an. Ein Drittel der Stadt ungefähr ist zerstört. Das waren die ehemaligen Rebellengebiete, die gnadenlos zusammen gebombt wurden. Aber der Rest der Stadt, ein Grossteil, ist weiterhin intakt.

Können die Menschen in Syrien vom Tourismus profitieren?

Die Hotels sicher. Ausländer zahlen zum Beispiel für eine Übernachtung doppelt so viel wie Einheimische. Auch die Restaurants oder die Geschäfte, in denen Touristen einkaufen. Aber das ist sicher nicht die grosse Einnahmequelle, die jetzt der Wirtschaft in Syrien wieder auf die Beine hilft.

Sie kennen Syrien gut. Wie kommt das denn nun in Homs an, wenn plötzlich westliche Touristen auftauchen?

Schwer zu sagen. Man muss sicher im Kopf behalten, dass die Menschen dort nicht offen reden können. Denn die Orte, wo die Touristen hinkommen, werden vom Regime kontrolliert. Da wird sich jeder hüten, etwas Kritisches über das Regime zu sagen. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass Menschen sich darüber freuen, wieder Europäer oder Schweizer zu sehen, weil es ihnen ein Stück Normalität zurückbringt.

Das Regime kann demonstrieren: Da, wo wir die Terroristen geschlagen haben, da herrscht Normalität, da kann man wieder reisen.
Autor: Inga RoggSyrien-Kennerin

Die Reisenden bringen Geld mit, sie bringen Devisen mit nach Syrien. Müssen sie, zumindest indirekt, damit rechnen, eine Konfliktpartei zu unterstützen?

Ich denke, dass Geld und Devisen gar nicht so das Wichtigste sind für das Regime. Das ist eher ein Nebenprodukt. Dazu ist dieses Segment des Tourismus viel zu klein. Aber das Regime erhofft sich damit sicher einen Imagegewinn. Es kann demonstrieren: Da, wo wir die Terroristen geschlagen haben, da herrscht Normalität, da kann man wieder reisen. Da kann man ausgehen, da kann man ins Restaurant gehen. Ich glaube, es ist das, was sich das Regime von solchen Reisen verspricht.

Ist Syrien eine Reisedestination?

Also wenn man sich anguckt, was Reisende in diversen Blogs schreiben, dann sind es unterschiedliche Motivationen, die sie antreiben. Es gibt jene, die einfach diesen Kitzel suchen, in ein Krisengebiet zu reisen. Und dann gibt es auch andere, die sich dieser moralischen Frage stellen: Kann man überhaupt in ein solches Land wie Syrien reisen? Was man aber im Kopf behalten muss: Vor Reisen nach Syrien wird gewarnt. Es gibt Entführungen. Es kann passieren, dass Personen verschwinden und dann die jeweilige Regierung des Heimatlandes lange nicht darüber informiert wird.

Das Gespräch führte Joël Hafner.

Das EDA rät von Reisen nach Syrien ab

Das eidgenössiche Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA rät von Reisen nach Syrien und Aufenthalten jeder Art ab. Wer trotzdem dorthin reise müsse sich bewusst sein, dass die Schweiz in Notfällen praktisch keine Möglichkeiten habe, zu helfen. Zu den detaillierten Warnungen des EDA geht es hier, Link öffnet in einem neuen Fenster.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Andrea Esslinger (weiterdenken)
    Das gefährlichste Tourismus-Land ist übrigens Thailand. Nirgendwo sterben mehr Touristen. Eine Warnung des EDA gibt es aber nicht. Auch ist diese Tatsache wenig bekannt. Die Reisenden sterben in Thailand im Verkehr, der zu den gefährlichsten der Welt gehört. Und wenn du tot bist spielt es wohl keine Rolle, ob in Syrien ermordet, in Thailand totgefahren oder in New York erschossen.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Der Artikel gefällt mir nicht, weil nicht von der Syrischen Regierung, sondern vom Syrischen Regime die Rede ist. Wie wärs, wenn man vom Schweizerischen, dem Französischen oder dem Amerikanischen "Regime" die Rede wäre? Immerhin ist Syrien von fremden Armeen bekriegt worden - und hat überlebt. NB ganz anders als der Irak oder Afghanistan. Heute liegen die Kriegsziele der "westlichen Wertegemeinschaft" im Iran, im Libanon oder in Russland - die Liste liesse sich verlängern...
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Wer denkt, in Syrien sei die Rechtsstaatlichkeit oder gar die Demokratie zurückgekehrt, der kennt entweder die dortigen Verhältnisse nicht oder versucht sie, bewusst zu verniedlichen.
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  • Kommentar von E. Eisermann (ecatweazle)
    Geschmacklosigkeit und mangelnde Peität kann man immer überbieten. Ich würde mich schämen durch ein zerstörtes Land mit traumatisierten Menschen zu reisen. Ein Angebot des Reiseanbieters zur Vororthilfe im Sinne der Mitmenschlichkeit wäre angebrachter und bildet jeden Menschen weiter.
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    1. Antwort von Marc Bühler (Capten Demokratie)
      Ich Frage mich gerade wo sie Ferien Machen. Wenn Ethik bei ihnen so eine Geosse Rolle spielt. Ich bereise gern solche Länder, vieleicht nicht gerade Syrien. Vor dem Krieg wäre ich jedoch gern dort hingereist. So wie auch in den Irak, Iran, Ägypten und Israel und die Westbank. In Israel musste ich wegen den Stempeln im Pass zwar lange einen Sicherheitschek machen, aber kein Problem. Überall waren Menschen wie sie und ich. Es kommt immer darauf an wie mann reist.Mit erfurcht und Respekt oder nicht
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