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Warum hält China an seiner Corona-Politik fest?
Aus Echo der Zeit vom 11.05.2022.
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Festhalten an Lockdowns Weshalb China an seiner Null-Covid-Politik festhält

Die Millionenstadt Schanghai ist seit Wochen im Lockdown, mit massiven Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Doch die Führung lässt sich nicht von ihrem Kurs abbringen.

«Es gibt kein ‹Weshalb›!», sagt ein Mann im weissen Schutzanzug. «Sie können nicht einfach machen, was Sie wollen. Wir sind hier nicht in Amerika, sondern in China.» Das Video ging in den sozialen Medien viral, es zeigt Bewohner Schanghais, die mit den Gestalten in Weiss diskutieren. Diese stehen im Hauseingang und wollen die Bewohnerinnen und Bewohner in eine zentrale Quarantäne-Einrichtung bringen. Dies, weil ein Nachbar positiv auf Covid-19 getestet wurde.

Es sind Aufnahmen wie diese, die die Menschen in Schanghai in Rage versetzen. Wie zum Beispiel Frau Li, die in Wahrheit anders heisst. Ihre Stadt erkenne sie nicht wieder: «Alle sind verrückt geworden, von heute auf morgen!» Li, Ende 50, wohnt mit Ehemann, Sohn und ihren Eltern zusammen. In ihrem Stadtteil begann der Lockdown schon im März.

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China steckt in der Corona-Sackgasse
aus Rendez-vous vom 11.05.2022.
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Die Familie kommt kaum an Lebensmittel. Und es fehlen lebenswichtige Medikamente für Lis Eltern, beide über 90 und bettlägerig. Sie beschwert sich, streitet sich mit den zuständigen Behörden der Siedlung. «Wenn niemand etwas sagt, dann behandeln sie uns doch wie Tiere, ja wie Vieh, das man einfach einsperren kann. Aber wir sind doch Menschen!»

Vorsicht mit Nachrichten in Chats

Frau Li erhält eine Warnung eines Bekannten, sie solle sich in der Chatgruppe der Wohnsiedlung zurückhalten. Die Behörden kündigten zuvor an, auch gegen kritische Kommentare und die Verbreitung von – wie sie es nennen – Gerüchten in privaten Chatgruppen vorzugehen.

Sie behandeln uns doch wie Tiere, ja wie Vieh, das man einfach einsperren kann. Aber wir sind doch Menschen!
Autor: Frau Li Schanghaierin im Lockdown

«Es wird alles unterdrückt, das ist jetzt ihre Methode.» Demokratie oder einen Rechtsstaat gebe es ja sowieso nicht, ärgert sich Li. Die chinesische Zensur macht nicht einmal vor der Weltgesundheitsorganisation halt. WHO-Chef Tedros Ghebreyesus bezeichnete die chinesische Zero-Covid-Politik als nicht nachhaltig.

Die chinesischen Zensoren löschten daraufhin den Eintrag auf dem offiziellen Weibo-Konto der WHO. Die Null-Covid-Politik ist eng verknüpft mit der chinesischen Führung, die diese bereits zur Systemfrage hochstilisiert hat. Eine Abkehr davon liegt politisch offenbar nicht drin.

Gefahr einer Systemüberlastung

Der chinesische Politologe Wu Qiang in Peking gehört zu den wenigen verbliebenen Akademikern in China, die sich öffentlich kritisch äussern. «Zu Beginn machten sie sich Sorgen, dass die Pandemie das Gesundheitssystem überfordere. Das wäre auch eine politische Herausforderung, weil die Leute am Machtanspruch der kommunistischen Partei zweifeln könnten.»

Studie: Ohne Massnahmen viele Ansteckungen

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Chinas Gesundheitssystem wäre wohl schnell überlastet, wenn alle Restriktionen aufgehoben würden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie chinesischer Forscherinnen und Forscher, die jüngst im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde. Sie geht davon aus, dass sich über 122 Millionen Menschen mit Covid-19 infizieren und geschätzt 1.6 Millionen Menschen sterben würden.

Dazu kommt: Die Impfrate ist bei älteren Menschen relativ tief. Ausserdem wurden ihnen chinesische Impfstoffe verabreicht; diese gelten als weniger wirksam als die mRNA-Impfstoffe. Diese sind in China nicht zugelassen.

Dass Chinas Führung ihre Politik einfach so weiterführe, hänge direkt mit dem 20. Parteikongress im Herbst zusammen, sagt Wu. Xi Jinping strebt dort eine dritte Amtszeit an. Bis dann setze er auf die Null-Covid-Karte.

«Die Null-Covid-Politik, die strengen Massnahmen der letzten zwei Jahre, die Kontrolle über die Bürgerinnen und Bürger, über ihre Daten, über ihre Bewegungsfreiheit – im Namen der Pandemie-Bekämpfung. Damit konnte Xi seine Macht stärken. Für ihn gibt es deshalb keinen Grund, dies vor dem Parteikongress einfach so aufzugeben», so Wu.

Im Gegenteil: Es sei ein Kontrollsystem, von dem Xi langfristig profitieren könne. Und so ist die Null-Covid-Politik auch längst eine Frage der politischen Loyalität geworden. Und die steht klar über der Wissenschaft.

Echo der Zeit, 11.05.2022, 18:00 Uhr;

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38 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Liebe Community, wir danken Ihnen ganz herzlich für die Diskussionen und wünschen Ihnen einen schönen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Thomas Huber  (Thuner)
    China fährt seinen wirtschaftlichen Erfolg gegen die Wand, Russland schiesst sich mit seinem Angriffskrieg ins eigene Bein. Die beiden grössten Bedrohungen für die freie Welt demontieren sich selbst. Zeit die Chance zu nutzen (Produktion zurückholen, auf erneuerbare Energiequellen setzen) um unabhängig von solchen Schurkenstaaten zu werden. Mögen ihre totalitären und menschenverachtenden Ideologien auf dem Müllhaufen der Geschichte enden!
    1. Antwort von Roger Stahn  (jazz)
      Wunschdenken Herr Huber. Die Wirtschaftskraft der USA/EU ist auf 1/3 geschrumpft. Der Rest der Welt, China, Indien, Iran, BRICS-Staaten vereinen 2/3 der weltweiten Wirtschaftskraft und verfolgen ihre eigene Interessen, ungeachtet des «Wertewesten». Auf dem Müllhaufen der Geschichte wird die EU und dann die USA landen, wenn sie weiterhin das Säbelrasseln gegen Russland weiter führen, umso schneller. P.S. Die Ressourcen für die Technologie der Erneuerbaren, gibt es nur in Russland und China. ;-)
    2. Antwort von Robert Altwegg  (trebor)
      Herr Stahn: Säbelrasseln? Falsch, denn der Westen hilft einer Demokratie wie die Ukraine, welche mutig gegen die brutale Invasion des russischen Diktators Putin kämpft. Die eklatante Verletzung des Völkerrechts und die schweren Kriegsverbrechen durch Russland (Putin) in der freien Ukraine, hat viele hier wachgerüttelt. Zum Beispiel das neutrale Finnland, das sich durch Russland bedroht fühlt und der NATO schnellstmöglich beitreten will. Denn nur gemeinsam gelingt die Verteidigung der Demokratie.
  • Kommentar von Aaron Dettwiler  (Aaron1984)
    Die Frage nach der Verhältnismässigkeit der Massnahmen lässt sich dann diskutieren, wenn es um ein entferntes Land geht. Mag sich noch jemand an die Forderungen in den Kommentaren in den Medien erinnern - Z. B der Deutschen Tagesschau erinnern? Etwas mehr Demut und Selbstkritik stünde uns Western, den Eliten und Medien gut zu Gesicht.
    1. Antwort von Bernhard Haeuser  (Bernie H)
      Ich verstehe diesen Kommentar nicht. Die Verhältnismässigkeit von Massnahmen lässt sich (in einem freien Land) immer diskutieren und ja, viele haben ihre Meinung geändert. Wir sind alle schlauer geworden und das ist doch gut so.
    2. Antwort von Robert Altwegg  (trebor)
      Herr Dettwiler: Die Massnahmen in China sind nicht wie bei uns verhältnismässig, sondern brutal und menschenverachtend. Und es ist kein Ende in Sicht, weil die chinesische NullCovid-Strategie auch langfristig nicht funktionieren wird. Westliche Impfstoffe wirken viel besser als chinesische, werden aber aus falschem Stolz in China gemieden. Wohl würde Selbstkritik in China helfen, diese Coronakrise zu überwinden, aber das unter Führer Xi diktatorisch regierte China kennt Demut und Kritik nicht.