Zum Inhalt springen
Inhalt

Flüchtlingskrise in Südamerika Der venezolanische Exodus

Es ist die grösste Migrationsbewegung, die Südamerika je gesehen hat. Jozef Merkx ist Repräsentant des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Kolumbien. Und damit jener Mann, der in dieser Krise die Fäden in der Hand hält.

Legende: Audio Migrations-Krisengipfel in Lateinamerika abspielen. Laufzeit 04:27 Minuten.
04:27 min, aus Echo der Zeit vom 03.09.2018.

Jozef Merkx hat schon viel gesehen in seinem Leben. Als Vertreter des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, war er in Uganda stationiert, in Haiti, in El Salvador – und zuletzt im Kurdengebiet des Irak. «Ja, ich habe weiss Gott viel Erfahrung mit Flüchtlingen, mit Vertriebenen», sagt er. Aber was sich zurzeit in Venezuela abspiele, sei einzigartig – und eine tiefgreifende Krise für Lateinamerika.

UNHCR-Lager in Brasilien
Legende: Das Flüchtlingshilfwerk der UNO versucht, die Not der Menschen zu lindern. Doch der Kontinent steuert auf eine Migrationskrise von historischem Ausmass zu. Reuters

Der Niederländer Merkx ist der Repräsentant des UNHCR in Kolumbien. Jenem Land also, das am stärksten, am direktesten betroffen ist vom venezolanischen Exodus. Eine rund 2200 Kilometer lange Landgrenze trennt die beiden Länder – oder verbindet sie, vielmehr, in diesen Tagen.

Kein Zurück mehr

«5000 Menschen überqueren die Grenze täglich», sagt Merkx. All jene, die Venezuela nur für ein paar Stunden verlassen, um das Nötigste zu kaufen, Brot, Baby-Nahrung, Medikamente – all jene sind nicht eingerechnet. 5000 Menschen pro Tag, die nicht vorhaben, zurückzukehren in dieses Land. Nicht, solange es am Abgrund steht.

Jozef Merkx ist der Repräsentant des UNHCR in Kolumbien.
Legende: Für das Flüchtlingshilfswerk der UNO war Merkx an den Krisenherden der Welt. Eine Situation wie derzeit in Südamerika hat er noch nicht erlebt. Twitter

Viele Venezolaner durchqueren Kolumbien und versuchen, weiter nach Süden zu gelangen: Nach Ecuador, nach Peru, nach Chile oder Argentinien, weil sie sich dort bessere Chancen erhoffen. Doch das ist nicht so einfach: Seit Ende August lässt Peru nur noch Venezolaner einreisen, die einen gültigen Pass besitzen – statt wie bisher eine Identitätskarte. Und Pässe sind rares Gut in Venezuela: Nicht zuletzt, weil schlicht das Papier fehlt, um sie zu drucken.

Für Kolumbien heisst das: Ein Teil seiner südlichen Grenzen ist de facto geschlossen. Zumal Ecuador es Peru gleichtun wollte mit der Passpflicht – aber von einem Gericht zurückgepfiffen wurde, zumindest kurzfristig.

Wer nicht registriert ist, existiert nicht

870'000 Venezolaner befinden sich zurzeit auf kolumbianischem Boden. Das Flüchtlingshilfswerk der UNO geht davon aus, dass rund die Hälfte von ihnen bleiben wird. In Kolumbien – einem Land, das nach einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg mit vielen eigenen Problemen kämpft.

kolumbianisch-ecuadorianische Grenze
Legende: Wie hier an der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze versuchen abertausende Flüchtlinge, weiter in den Süden zu kommen. Sie hoffen auf bessere Startchancen als in Kolumbien. Reuters

Was also tun mit den Ankömmlingen, die Hilfe suchen in den Spitälern und Notunterkünften, die arbeiten wollen, arbeiten müssen und ihre Kinder zur Schule schicken möchten? «Es gibt eine ganze Reihe von Problemen», sagt Merkx: Gesundheit, Bildung, Sicherheit.

Doch eine Frage liege ihnen allen zugrunde: Die Frage des rechtlichen Status. Wer nicht registriert ist, existiert nicht. Zumindest nicht offiziell. «Das macht die Menschen noch verletzlicher, als sie es eh schon sind», sagt Merkx: Ihnen drohe Ausbeutung, als billige Arbeitskräfte oder in der Prostitution.

Geflüchtete Venezolanerinnen in Brasilien
Legende: Kaum sind sie ihrer wirtschaftlich kollabierenden Heimat entkommen, drohen neue Gefahren: Wer nicht registriert ist, droht zum Freiwild für Menschenhändler zu werden (im Bild: Venezolanerinnen schlafen am Strassenrand einer brasilianischen Stadt). Keystone

Darum hat die kolumbianische Regierung – mit der Unterstützung des UNHCR – einen bürokratischen Kraftakt unternommen. Innerhalb von zwei Monaten wurden mehr als 440'000 Venezolaner registriert. Eine «besondere Aufenthaltsbewilligung» erlaubt ihnen, zum Arzt zu gehen, jene Medikamente zu kaufen, die es in Venezuela seit Monaten nicht mehr gibt, Arbeit zu suchen, eine Ausbildung zu machen.

Damit seien nicht alle Probleme gelöst, schiebt Merkx nach: «Aber es ist zumindest ein Anfang.»

Legende: Video Regierung von Venezuela sprich von Fake News abspielen. Laufzeit 00:59 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 30.08.2018.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Benedikt Walchli (Benedikt Walchli)
    Genau Herr Buesser, aber mich wundert wirklich wann werden wir endlich lernen, dass Sozialismus im einem Regierungssystem nicht funktioniert? Wie viele dieser Beispiele braucht es noch um den letzten Sozi-Prediger davon zu überzeugen?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Tim Buesser (TimBue)
    Wenn's nicht so bitter für die Betroffenen wäre, in Anlehnung ans biblische Wort: "Ein weiterer Auszug aus einem sozialistischen Paradies". Ist bei weitem nicht der Erste, wohl kaum der Letzte. Erst wird mit weltfremdem Idealismus, angeführt durch Aktivisten, taggeträumt, geht dann nahtlos zum Regieren mit rechthaberischer Ideologie begleitet durch Korruption über, der dann einsetzende Niedergang soll mit Diktat und Unterdrückung aufgehalten werden, um schliesslich im Chaos zu enden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Ich erinnere mich noch als Hugo Chávez, Vorgänger von Maduro über den Amerikanischen Präsidenten in der UN hergezogen ist und dafür viel Sympathien bekommen hat. - Nach dem Tod von Hugo Chávez am 5. März 2013 Neuwahlen, die Nicolás Maduro mit nur 50,78 % gewann. Das Verhältnis zu den USA ist schon sehr lange gestört und Hilfe von den USA darf man wohl kaum erwarten. Immerhin bleibt doch Venezuela ja noch China und Russland, sollen die doch jetzt (noch weiter) einspringen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beni Berner (Beni)
    und wer räumt endlich diesen sadistischen macho Maduro weg, damit dieses elend ein ende hat? wo bleibt die verantwortung der zivilisierten weltbevölkerung?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen