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Afghanische Frauenrechtlerin kämpft für die Demokratie
Aus Echo der Zeit vom 01.09.2021.
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Frauenrechtlerin will bleiben Fawzia Koofi fühlt sich von der afghanischen Politik betrogen

Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern ist Koofi im Land geblieben und setzt auf Verhandlungen mit den Taliban.

«Es ist, als ob ich aus einem Traum gerissen wurde. Ein Traum, der 20 Jahre dauerte», sagt Politikerin und Frauenrechtlerin Fawzia Koofi am Telefon von ihrer Kabuler Wohnung aus.

Koofi war Teil der Verwandlung von Afghanistan, wie sie die letzten Jahre beschreibt. Die gut 40-Jährige war Parlamentarierin der ersten Stunde, nachdem sich das Land 2004 eine neue Verfassung gegeben hatte. Sie setzte sich für die Rechte der Frauen und Schulbildung für Mädchen ein – und gegen die Gewalt an Frauen.

Kritik an den USA

Die Erfolge seien grösstenteils auf die Städte begrenzt geblieben, räumt Koofi ein. Aber immerhin, es gab Erfolge. Nun aber ist Koofi von den Geschehnissen der letzten Wochen enttäuscht. Sie fühlt sich betrogen. Betrogen nicht primär von den Islamisten, sondern vom früheren Präsidenten Ashraf Ghani, der das Land verliess. Aber auch von der internationalen Gemeinschaft, vor allem von den USA.

Legende: Fawzia Koofi in Doha bei Verhandlungen mit den Taliban. Keystone/Archiv

Die USA hätten ein Abkommen für einen Truppenabzug mit den Taliban getroffen, ohne sich mit der afghanischen Führung zu beraten. Koofi war eine der vier Frauen, die in Doha die frühere Regierung in den Verhandlungen mit den Taliban vertrat. Sie hätte dort lieber erst einen Waffenstillstand ausgehandelt und danach hätten die Truppen abgezogen werden können.

Durch die Frist auf Ende August sei die Verhandlungsposition der Regierung geschwächt worden, bis zur Flucht des Präsidenten, der das Feld vollends den Taliban überliess. Das habe sie überrascht, sagt Fawzia Koofi. Jetzt, da das Land demokratische Kräfte dringender benötige als je zu vor, verliessen diese das Land.

Ziel von Attacken

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Fawzia Koofi will Afghanistan nicht verlassen. Obwohl auch sie Grund genug gehabt hätte zu fliehen. Wiederholt war die Politikerin Ziel von Attacken der Taliban, zuletzt wurde sie bei einem Selbstmordanschlag auf ihr Auto vor einem Jahr verletzt.

Koofi setzt nach wie vor auf Verhandlungen. Auch jetzt, nach der militärischen Einnahme von Kabul durch die Taliban, versucht sie mit ihnen zu reden. Vor allem, weil diese schon jetzt versuchen würden, Frauen von politischen Entscheidungen auszuschliessen.

«Das muss man ihnen schon abringen»

Diese Woche habe eine Versammlung über das künftige Bildungssystem stattgefunden – unter Ausschluss der Frauen, so Koofi. Genau deshalb sei es wichtig, nun mit den Taliban zu verhandeln. Denn von sich aus würden diese nicht die Rechte der Minderheiten oder der Frauen hochhalten. «Das muss man ihnen schon abringen.»

Wenn die nächste Regierung nicht auf demokratischen Werten basiere und die Rechte der Minderheiten respektiere, dann drohe das Land wieder in das alte Regime der Taliban abzudriften. Die Taliban hätten ihre Vorstellungen, wie ein Land geführt werden soll. Es sei nun mehr denn je an den politischen Eliten Afghanistans, dem entgegenzuwirken.

Koofi schwebt ein parlamentarisches System mit Gewaltentrennung und freien Wahlen für das künftige Afghanistan vor. Das scheint in Anbetracht der aktuellen Situation in Afghanistan illusorisch. Doch Koofi hat recht: Wer es nicht probiert, hat schon im Vorhinein verloren.

«Politiker müssen Vorbilder sein»

Auch die internationale Gemeinschaft müsse in Afghanistan weiterhin eine Rolle spielen. «Wenn sich die Weltgemeinschaft jetzt nicht mehr für eine politische Lösung in Afghanistan engagiere, wird dies den Extremisten im Land den Weg ebnen», so Koofi.

Durch die Anerkennung – oder eben nicht Anerkennung – einer Regierung sowie durch Hilfeleistungen und Geldzahlungen könne auch der Westen Einfluss auf den politischen Prozess in Afghanistan ausüben. Doch mehr als die UNO oder die Weltbank nimmt sich Fawzia Koofi selbst in die Pflicht.

Sie, die Politiker, müssten Vorbilder sein. Fawzia Koofi beteuert: Sie werde jedenfalls nicht aus Afghanistan fliehen, wie es die alte Regierung tat.

Echo der Zeit, 1.9.2021, 18:00 Uhr

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Jörg Kaufmann  (jka)
    Da sie bereits Ziel von Anschlägen war sollte Warnung sein.
    Die Problematik ist deutlich in Afghanistan und dem System zu suchen. Wenn in den vielen Jahren es nicht gelungen ist eine Staatsgewalt aufzubauen, welche das Land stabilisieren kann, so ist nicht mehr zu helfen. Dass die alte Regierung nicht länger voll genommen wurde war klar die Folge. Um ewig im Land Polizist zu spielen war niemand bereit. Es ging die Geduld aus
    Klar, es hätte nicht so kommen müssen, es wäre wohl möglich gewesen.
  • Kommentar von Brigitte Sponchia  (Brigitte Sponchia)
    Bewundernswert - und trotzdem haben die Taliban nicht den geringsten Skrupel, dass die Frau plötzlich verschwindet, wenn sie ihnen zu nervig wird. Die westlichen Mächte betreffend haben sie ev vor den USA noch ein wenig Respekt, alle anderen sind wohl eher zahnlose Papiertiger in den Augen der Terrorgruppen.
  • Kommentar von Manuel Elmer  (Melmer)
    Ich denke, der Abzug hätte wirklich besser getimt werden und mit der afg. Regierung abgesprochen sollen (wäre eigtl. das Mindeste gewesen). Ob &wie sehr sich "der Westen" bzw. die inter. Gemeinschaft weiterhin engagieren sollte, wie Sie möchte, da bin ich mir nicht so sicher. Denn nebst Taliban gibt es noch den IS. Und der lehnt den Westen angeblich noch mehr ab und es ist ihm ein Dorn im Auge, dass sich die Taliban "moderater" geben. Kompliziert also... Wieder mal zu wenig Zeichen für alles.;)
    1. Antwort von Frank Grämiger  (Comments)
      Ausser einem "Full in" wäre da nichts mehr gegangen. Trump hatte die Weichen bereits gestellt und die Amerikanische Position stark geschwächt. Die Taliban waren schon seit Wochen auf dem Vormarsch.
    2. Antwort von Manuel Elmer  (Melmer)
      Dem widerspreche ich ja auch nicht. Nur wirkt es so als hätte man sich unzureichend abgesprochen und wenig bis 0 Rücksicht auf die Situation der afg. Regierung genommen. Entweder das oder ein Teil der Regierung hat sich so oder so einfach aus dem Staub gemacht. Es ist zu bedauern, dass nicht mehr Menschen so mutig sind wie Fr. Koofi. Denn dann sähe es womöglich (&nicht nur in Afg) etwas anders aus... Aber nun ist es halt SO &es bringt wohl nicht mehr viel, die Fehler der USA&Co. zu analysieren.