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Freihandelszone EU-Mercosur-Handelsabkommen: Was hat Südamerika davon?

Nach über 26 Jahren Verhandlungen haben Vertreter der Europäischen Union und vier südamerikanischer Länder des Staatenbunds Mercosur ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken unterzeichnet. Bei den vier südamerikanischen Ländern handelt es sich um die Gründungsmitglieder des Mercosur-Staatenbunds Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Wer von ihnen sich was verspricht und wer am meisten profitiert, erläutert SRF-Südamerika-Korrespondentin Teresa Delgado.

Teresa Delgado

Südamerika-Korrespondentin

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Teresa Delgado hat an der Universität Freiburg und in den USA Geschichte, Englisch und Spanisch studiert. Seit 2016 ist sie Redaktorin und Produzentin bei Radio SRF. 2021 und 2022 berichtete sie als Auslandredaktorin aus Spanien, Portugal und den USA. Seit 2023 ist sie Südamerika-Korrespondentin mit Sitz in Santiago de Chile.

Wer profitiert am meisten in Südamerika?

Etwa Produzenten von Rindfleisch oder Milchprodukten. Sie erhalten besseren Zugang zum EU-Markt. Eine Überschwemmung Europas bleibt jedoch aus: Es gelten Importkontingente von nur ein bis zwei Prozent des EU-Marktes. Dante Sica, ehemaliger argentinischer Produktionsminister und Chefverhandler des Abkommens unter Ex-Präsident Mauricio Macri, sagte mir, das entspreche etwa einem zusätzlichen Hamburger pro Europäer und Jahr. Die Kontingente seien bewusst so klein gehalten, dass sie den europäischen Markt nicht destabilisieren.

Gibt es auch Kritik in Südamerika an diesem Handelsabkommen?

Ja. Kritisch sind vor allem Teile der verarbeitenden Industrie, etwa die Autoindustrie in Argentinien und Brasilien. Diese Branchen waren lange stark geschützt und vor allem auf den Binnenmarkt ausgerichtet. Sie fürchten stärkere Konkurrenz etwa durch technologisch überlegene deutsche Autos. Um diese Sorgen abzufedern, werden die Zölle auf europäische Industrieprodukte in Südamerika nicht sofort abgeschafft, sondern schrittweise über fünf, zehn oder sogar fünfzehn Jahre gesenkt. Das soll den Unternehmen Zeit geben, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Was erwartet man in Südamerika generell von einem engeren Handel mit Europa?

Langfristig geht es weniger um kurzfristige Exportzahlen als um Stabilität, Investitionen und Vertrauen. Europa gilt als Markt mit hohen Standards bei Umwelt, Regulierung und Rechtssicherheit. Ein Abkommen mit der EU wirkt deshalb wie ein Qualitätssiegel für die Region. Brasiliens Präsident Lula sagt, das Abkommen sei die Antwort des Multilateralismus auf den weltweiten Trend zur Abschottung – auch mit Blick auf frühere Austrittsdrohungen Argentiniens aus dem Mercosur-Bund.

Hat der Mercosur den beteiligten Ländern seit den 1990er-Jahren mehr Wohlstand gebracht?

Die Bilanz ist gemischt. Der Mercosur erleichterte den Handel innerhalb der Region und förderte politische Stabilität. Davon profitieren auch die Bürgerinnen und Bürger, etwa durch vereinfachte Einreise- und Aufenthaltsregeln. Wirtschaftlich blieb das internationale Potenzial des Staatenbundes lange ungenutzt. Das neue Abkommen mit der EU gilt nur für die vier Vollmitglieder und ist der erste wirklich grosse internationale Deal des Mercosur.

Für wen gilt das Abkommen jetzt?

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Das Abkommen gilt vorerst nur für die vier Gründungs-Mitglieder des Mercosur-Staatenbundes (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay). Assoziierte Staaten wie Chile oder Kolumbien sind politisch zwar an den Mercosur-Staatenbund angebunden, profitieren aber nicht automatisch vom Abkommen mit der EU.

Bolivien und Venezuela sind Sonderfälle: Bolivien, ist seit 2024 zwar Vollmitglied, aber profitiert vorerst nicht von dem Abkommen mit der EU. Dies, weil Bolivien den rund 25 Jahre dauernden Verhandlungen mit der EU mehrheitlich nicht beteiligt war, und zudem auch erst vor Kurzem den Wechsel weg vom Sozialismus zurück zu einem freimarktwirtschaftlichen Modell vollzogen hat. Das frühere Mercosur-Vollmitglied Venezuela ist seit 2016 wegen Menschenrechtsverletzungen suspendiert.

Beide Länder (Bolivien und Venezuela) könnten dem Abkommen mit der EU später ebenfalls beitreten – allerdings nur, wenn die für einen freien Handel notwendigen demokratischen Mindeststandards erfüllt sind, und wenn das Abkommen vom nationalen Parlament genehmigt wird.

SRF 4 News, 17.01.2026, 17 Uhr ; 

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