15 Jahre ist es her, seit in Japan ein heftiges Erdbeben das Land erschüttert und einen Tsunami ausgelöst hat – und damit 15 Jahre seit der verheerenden AKW-Katastrophe von Fukushima. Seither wurde in Japan vieles wieder aufgebaut. Doch in der Stadt Futaba, rund vier Kilometer vom zerstörten AKW entfernt, sind die Folgen noch immer sichtbar. Der freie Journalist Martin Fritz hat die Stadt Futaba 15 Jahre nach der Nuklearkatastrophe besucht.
SRF News: Wie viel spürt man heute noch in Futaba von der Katastrophe von 2011?
Martin Fritz: Ich bin mit dem Zug in Futaba angekommen, alles wirkt zunächst modern und sauber. Der Bahnhof wurde neu gebaut, es gibt ein neues Rathaus, einen kleinen Supermarkt und eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Auch entlang der Strasse zum Pazifik stehen neue Büro- und Fabrikgebäude.
Zurzeit leben nur knapp 200 Menschen in Futaba. Vor der Katastrophe waren es mehr als 7000.
Was man jedoch nicht sieht: Die meisten Stadtteile von Futaba sind immer noch abgesperrt. Das hat mir ein hoher Beamter im Rathaus erklärt. Dort läuft bis 2030 noch eine Dekontaminierung. Fünf Zentimeter Boden werden abgetragen und alle Gebäude und Strassen abgewaschen, um die Strahlenwerte – vor allem durch Cäsium – zu senken.
Trotz Erneuerungen sind gerade mal 15 Prozent der Stadtfläche bewohnbar. Was bedeutet das für das Leben dort?
Zurzeit leben nur knapp 200 Menschen in Futaba. Vor der Katastrophe waren es mehr als 7000. Freigegeben sind vor allem der Bahnhof, Hauptstrassen und das Industriegebiet, also keine klassischen Wohngebiete. Es fehlen Wohnungen für neue Bewohner. Gleichzeitig gibt es wegen der geringen Einwohnerzahl kaum Infrastruktur: keinen Arzt, kein Spital, keinen Kindergarten und keine Schule. Wer dort lebt, muss dafür in die nächstgelegenen Städte fahren. Das Ziel bis 2030 sind 2000 Bewohner. Aber auch der städtische Beamte hat mir gesagt, dass dieses Ziel kaum zu erreichen sei, eben weil es an Infrastruktur fehle.
Sie haben auch mit einer Mutter gesprochen, die mit ihren Kindern nach Futaba zurückgekehrt ist. Warum hat sie sich dazu entschieden?
Sie ist in Futaba aufgewachsen und war während der rund zwölfjährigen Evakuierung eine Ansprechpartnerin für ehemalige Einwohner. Als ihre Mutter gestorben ist, hat sie viel Unterstützung von ehemaligen Nachbarn bekommen. Das hat sie dazu bewogen, ihnen und der alten Heimat etwas zurückzugeben und zurückzukehren.
Junge Menschen in Futaba sind selten.
Das Problem war natürlich die Strahlung. Viele haben sie kritisiert und gewarnt, mit zwei Kindern und einem dritten im Bauch nach Futaba umzuziehen. Sie habe die ersten drei Monate ein Dosimeter getragen und die Strahlungswerte hätten im internationalen Normbereich gelegen. Dennoch meidet sie mögliche Hotspots wie Waldwege und Bachufer. Sie hat mir gesagt, sie versuche nicht an die Strahlung zu denken, um ihre Lebensfreude nicht zu verlieren.
Wie sehen die Zukunftsperspektiven der Stadt aus?
Viele Rückkehrer sind schon im Rentenalter; sie hatten Sehnsucht nach ihrer Heimat. Ich habe mit einem 76-Jährigen gesprochen, der in den 1970er-Jahren als Elektroingenieur im Kernkraftwerk arbeitete. Damals brachte das AKW Wohlstand in die Stadt, zwei Drittel der Haushalte lebten vom Gehalt des Betreibers Tepco. Er glaubt, dass viele ehemalige Bewohner nicht zurückkehren werden, weil sie sich anderswo ein neues Leben aufgebaut haben. Wenn man durch die Stadt fährt, trifft man vor allem Arbeiter aus dem AKW oder Menschen, die in den neuen Fabriken und Büros arbeiten. Junge Menschen sind selten.
Das Gespräch führte Nicolas Malzacher.