Darum geht es: Fast 15 Jahre nach der Katastrophe von Fukushima setzt Japan wieder voll auf Atomkraft. Nachdem in den letzten Jahren bereits mehrere nachgerüstete AKW wieder angelaufen sind, soll dieser Tage auch ein Reaktor des grössten AKW der Welt in Kashiwazaki-Kariwa wieder in Betrieb genommen werden. Seit 2011 stehen dort alle sieben Reaktoren still. Der Betrieb war nach dem Tsunami und dem GAU – Abkürzung für «grösster anzunehmender Unfall» – von Fukushima wegen Sicherheitsbedenken vorübergehend verboten worden.
Der Atomunfall von 2011 ist in Japan etwas in Vergessenheit geraten.
Lange geplant: Die japanische Atomaufsichtsbehörde hatte dem Betreiber Tepco schon vor acht Jahren die Genehmigung für die Wiederinbetriebnahme von einigen der Reaktoren in Kashiwazaki-Kariwa erteilt. Allerdings mussten dafür schärfere Sicherheitsvorschriften erfüllt werden. Jetzt scheint man bereit zu sein, den ersten Reaktor – Reaktor sechs – in dem Kraftwerk im Nordosten Japans wieder anzuwerfen und Strom zu produzieren.
Besorgte Bevölkerung: Am Neustart des AKW gibt es viel Kritik, vor allem von den in der Umgebung lebenden Menschen. Sie befürchten, bei einer Katastrophe nicht schnell genug evakuiert werden zu können. In der Region gibt es im Winter etwa viel Schnee. Ausserdem ist sie erdbebengefährdet: Vor 20 Jahren wurden zwei der dortigen Reaktoren durch ein Erdbeben beschädigt. Zudem hat das Vertrauen in Tepco stark gelitten – schliesslich ist es derselbe AKW-Betreiber wie in Fukushima.
Verschärfte Vorschriften: Nach Fukushima haben die japanischen Behörden die Sicherheitsrichtlinien für AKW enorm verschärft. So sind jetzt hohe Mauern zum Schutz vor Tsunamis vorgeschrieben oder eine sichere Notstromversorgung sowie externe Kontrollzentren. Von den 54 Reaktoren, die vor dem 11. März 2011 in Japan in Betrieb waren, bleiben deshalb 21 dauerhaft abgeschaltet. 17 weitere wurden nachgerüstet und haben inzwischen eine neue Betriebserlaubnis erhalten, 14 davon sind bereits wieder in Betrieb.
Der Strom aus den AKW ist billiger als jener aus Kraftwerken mit teurem Flüssiggas.
Japan und Atomkraft: Dass Japan jetzt wieder auf Atomkraft setzt, hat mit den hohen Stromkosten im Land zu tun. Und weil die Atomreaktoren allesamt mehr als 20 Jahre alt und praktisch abgeschrieben sind, kann dort trotz hoher Nachrüstungskosten in den nächsten Jahren vergleichsweise günstiger Strom produziert werden. «Der Strom ist billiger als jener aus Kraftwerken mit teurem Flüssiggas», stellt Martin Fritz fest. Der Journalist lebt in Japan.
Akzeptanz wächst: Immer mehr Japanerinnen und Japaner stehen laut Umfragen zur Atomkraft. So unterstützten letzten Dezember 45 Prozent den Neustart von Atommeilern, 26 Prozent waren dagegen. Auch die grösste Oppositionspartei tritt inzwischen wieder für die Nutzung der Atomkraft ein. «Der Atomunfall von 2011 ist also etwas in Vergessenheit geraten», stellt Martin Fritz fest.