In einem Café in der Hauptstadt Kathmandu sitzt die Anwältin und Aktivistin Tanuja Pandey, eine der führenden Figuren der Gen-Z-Proteste.
Sie bestellt einen nepalesischen Milchtee. Doch sie wird ihn bis zum Ende des Gesprächs nicht anrühren. Sie ist zu aufgebracht. «Die Familien unserer toten Freunde warten noch immer auf Gerechtigkeit», sagt die 24-Jährige.
Mehr als 70 Menschen starben bei den Protesten
Mehr als 70 überwiegend junge Leute kamen bei den Demonstrationen Anfang September ums Leben. Mehr als 2300 Menschen wurden verletzt.
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Bild 1 von 2. Generation Z ist frustriert mit der Arbeit der Interimsregierung – und geht wieder demonstrieren, wie hier in Kathmandu. Bildquelle: SRF / Maren Peters.
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Bild 2 von 2. Ein Demonstrationsplakat erinnert an die getöteten Demonstrantinnen und Demonstranten. Bildquelle: SRF / Maren Peters.
Die Interimsregierung unter der früheren Bundesrichterin Sushila Karki habe versprochen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, sagt Pandey. Aber das sei bis heute nicht geschehen.
Auch bei der Korruptionsbekämpfung – einer der zentralen Forderungen der Generation Tiktok – komme die Interimsregierung nicht voran. Kein einziges politisches Schwergewicht ist bisher angeklagt worden. Das frustriert viele.
Innenminister Om Prakash Aryal ist Teil der Interimsregierung. In seinem Ministerium empfängt der zurückhaltende Mann zum Gespräch. Er verstehe den Frust, sagt der frühere Menschenrechtsanwalt. Und betont: «Die Interimsregierung will die Täter bestrafen. Aber die jungen Leute müssen verstehen, dass die Untersuchungen Zeit brauchen.»
Neue Gewalt will die Interimsregierung vermeiden
Auf die Frage, ob der politisch brisante Untersuchungsbericht noch vor der Wahl veröffentlicht werde, bleibt der Minister vage: «Das hängt von der Situation ab. Oberste Priorität der Regierung ist es, neue Gewalt zu vermeiden.»
Nach jetzigem Stand treten bei der für Anfang März geplanten Wahl auch Politiker und Politikerinnen an, die die Gen Z der Korruption bezichtigt und daher lieber im Gefängnis sähe, als im Parlament. Selbst die wenigen Hoffnungsträger haben ihren Glanz bereits verloren.
Diverse Anklagen gegen Parteichef der neuen Unabhängigkeits-Partei
In einem Aussenbezirk Kathmandus warten Dutzende Männer vor der Parteizentrale der Nationalen Unabhängigkeits-Partei RSP. Die neue Partei galt vielen Jungen lange als Verkörperung des Neuanfangs in Nepal. Auf Platz eins ihrer Wahl-Liste steht Purushottam Yadav – auch er ist ein bekannter Gen-Z-Aktivist.
Der 27-Jährige hatte im letzten Herbst die Tiktok-Kampagne «Wake-up Nepal» lanciert, die viral ging. Seit letztem Monat kämpft der lebhafte junge Mann nun als Parteimitglied für seine Ziele. «Wir sind zuversichtlich, dass wir die Wahl gewinnen werden. Wir haben eine neue Vision. Wir sind nicht korrupt, wie die anderen. Wir werden es besser machen.»
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Bild 1 von 2. Purushottam Yadav ist ein bekannter Gen-Z-Aktivist. Der 27-Jährige hatte im letzten Herbst die Tiktok-Kampagne «Wake-up Nepal» lanciert, die viral ging. Jetzt will er ins Parlament. Bildquelle: SRF / Maren Peters.
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Bild 2 von 2. Die relativ neue Nationale Unabhängigkeits-Partei (RSP) galt vielen jungen Menschen als Verkörperung des Neuanfangs in Nepal. Doch gegen den Parteichef (Rabi Lamichhane, auf dem Plakat) laufen diverse Ermittlungen. Bildquelle: SRF / Maren Peters.
Doch viele in der Generation Tiktok haben nach anfänglicher Euphorie Zweifel. Denn gegen den Präsidenten der selbst erklärten Anti-Korruptions-Partei, den früheren Fernsehmoderator Rabi Lamichhane, laufen diverse Ermittlungen – wegen Betrugs, Geldwäscherei und organisierter Kriminalität.
Dass ausgerechnet Nepals grösster politischer Senkrechtstarter, Kathmandus 35-jähriger, gerade zurückgetretener Bürgermeister und Rapper Balendra Sha, ein Wahlbündnis mit ihm und seiner RSP-Partei eingegangen ist, um Premierminister zu werden, hat viele Junge misstrauisch gemacht und schon wieder zurück auf die Strasse getrieben.