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Was kommt auf Idlib in Syrien zu?
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.09.2018.
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Geplante Offensive auf Idlib «Da haben die Türken nichts zu melden»

Idlib ist der letzte Ort, den die Rebellen in Syrien noch beherrschen. Allerdings wird seit Tagen von einer Totaloffensive der syrischen Regierungstruppen, die von Russland unterstützt werden, gesprochen. Die UNO befürchtet eine humanitäre Katastrophe für die Zivilisten dort. Die Präsidenten Irans, Russlands und der Türkei treffen sich in Teheran, um über das weitere Vorgehen zu verhandeln. Journalist Thomas Seibert sagt, welche Interessen die Türkei als Schutzmacht der Rebellen dabei verfolgt.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Journalist in der Türkei

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Thomas Seibert ist seit 1997 Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für SRF.

SRF News: Mit welcher Position geht die Türkei in diese Verhandlungen?

Thomas Seibert: Präsident Erdogan will in Teheran versuchen, diese erwartete Offensive in Idlib zu verhindern oder zumindest so weit wie möglich zu begrenzen. Da geht es um die Sorge vor einer neuen Flüchtlingsbewegung, aber auch um die Befürchtung der Türkei, sie könne Einfluss in Nordsyrien verlieren.

Was hat die Türkei in Nordsyrien zu verlieren?

Im Norden Syriens, in Idlib, unterstützt die Türkei mehrere Rebellengruppen. Diese Kämpfer werden von der Türkei ausgebildet, bewaffnet und bezahlt. Sie sollen nicht im Stich gelassen werden.

Das absolute Albtraum-Szenario der Türkei ist ein unkontrollierter Zustrom von Hunderttausenden von Flüchtlingen.

Die Türkei hat so eine Art Brückenkopf in Nordsyrien. Ausserdem befürchtet Ankara eine weitere Ausdehnung des Einflusses der Kurden in Nordsyrien. Das sind die Gründe, warum die Türkei diese Offensive unbedingt verhindern will.

Wenn Flüchtlinge in grosser Zahl an der türkischen Grenze stehen würden, was würde die Türkei tun?

Sie würden wahrscheinlich die Tore öffnen, allerdings kontrolliert. Das absolute Albtraum-Szenario der Türkei ist ein unkontrollierter Zustrom von Hunderttausenden von Flüchtlingen, unter die sich auch Extremisten mischen könnten. Gleichzeitig verstärkt die Türkei den Druck auf die Europäer. Türkische Regierungspolitiker verweisen auf den Andrang von Flüchtlingen im Jahr 2015 und fordern Unterstützung der Europäer, um eine neue Fluchtbewegung zu verhindern. Die Deutschen, die Franzosen und andere sind deswegen in den vergangenen Tagen an die Öffentlichkeit gegangen. Sie haben viele Appelle an die Russen geschickt, um die Offensive in Idlib doch noch zu stoppen.

Auch die Türkei will diese Grossoffensive eigentlich nicht. Welche Mittel ausser Appellen hat sie, um den Totalangriff noch zu verhindern?

Militärisch hat die Türkei keine Möglichkeiten. Sie hat mit Zustimmung Russlands und Irans zwar ungefähr 1000 Soldaten in Idlib stationiert. Aber die können gegen eine Grossoffensive nichts ausrichten. Allerdings verfügt die Türkei über eine politische Trumpfkarte. Russland nämlich will den Krieg in Syrien so schnell wie möglich beenden, Assad im Amt lassen und die Flüchtlinge zurückbringen, um sich dann als Nahost Friedensmacht präsentieren. Dieser Plan scheitert, wenn die Türkei nicht mitmacht. Das heisst, Erdogan hat hier Einfluss auf Putin. Er droht damit, sich aus dem Friedensprozess für Syrien ganz zurückzuziehen und dann wäre der russische Plan gescheitert.

Die Russen haben Idlib als «Eitergeschwür», bezeichnet, das man ausmerzen müsse. Kann die Türkei unter diesen Umständen diese Offensive noch stoppen?

Das wohl nicht. Die Türken selber sind da relativ pessimistisch. Es geht ihnen darum, diese Offensive etwas zu verändern. Sie wollen keine Flächenbombardements, sondern punktuelle Angriffe auf Idlib, die keine Fluchtwelle auslösen würden. Das Problem ist, dass dieser Ort für Russland und für das syrische Regime selbst ganz wichtig ist. Es ist die letzte Rebellenhochburg.

Bei den Verhandlungen in Teheran sitzen Leute am Tisch, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen.

Die soll zurückerobert werden, um den Krieg nach ihren Vorstellungen beenden zu können. Deswegen prallen in Teheran heute verschiedene Interessen aufeinander. Man muss sehen, ob der Einfluss der Türkei ausreicht, um die Sache abzubiegen.

Was bietet die Türkei denn an?

Die Türkei bietet an, radikale Gruppen in Idlib aufzulösen und zu entwaffnen und diese Kämpfer in Gegenden zu bringen, die von ihr selbst, von der Türkei kontrolliert werden. Damit, sagt die Türkei, würde Idlib keine Gefahrenquelle mehr für russische Soldaten in Syrien darstellen. Es ist im Moment völlig unklar, ob Syrien und Russland darauf eingehen wollen. Nach der Rhetorik der letzten Tage und auch nach den ersten Luftangriffen zu schliessen haben es die Türken bisher nicht geschafft, Syrer und Russen von ihrer Argumentation zu überzeugen.

Idlib gehört zu den sogenannten Deeskalationszonen, die im letzten Jahr zum Schutz der Zivilbevölkerung festgelegt worden sind. Die Türkei soll in Idlib die Waffenruhe überwachen. Wenn es jetzt zu dieser Offensive, kommt hat dann die Türkei versagt?

Theoretisch könnte man das sagen. Allerdings ist es praktisch völlig klar, dass die wenigen türkischen Soldaten keine Möglichkeit haben, eine Offensive zu stoppen. Der Iran, Russland und das syrische Regime gehen nach ihrem eigenen Plan vor, da haben die Türken nichts zu melden. Die Aufgabe der Türken war es, die Kriegsparteien zu trennen und zu schauen, dass es keine Gefechte gab. Das ist einigermassen gelungen. Nur einer grossen Offensive haben sie nichts entgegenzusetzen. Man darf nicht vergessen, bei diesen Verhandlungen heute in Teheran sitzen Leute am Tisch, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen. Diese Art von Verhandlungen können ein Interessensausgleich produzieren. Aber eine grosse Einigung wird es nicht geben.

Karte der Region.
Legende: Die Provinz Idlib grenzt an die Türkei. SRF

Was kann die Türkei im besten Fall aus diesen Verhandlungen herausholen?

Es wäre schon ein grosser Erfolg für die Politik Ankaras, wenn es in Teheran einen Beschluss gäbe, diese Totaloffensive in Idlib abzublasen und sich auf punktuelle Angriffe auf extremistische Gruppen zu verständigen. Aber dass die Kämpfe in Idlib ganz beendet werden, das darf man – glaube ich – nicht erwarten.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

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