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Nestlé zapft jährlich 3 Milliarden Liter Wasser aus Vittel ab
Aus 10vor10 vom 05.11.2019.
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Geschäft mit dem Grundwasser Wegen Nestlé sitzt Vittel bald auf dem Trockenen

Das Mineralwasser von Vittel aus dem Osten von Frankreich ist weltberühmt. Und für Nestlé ein äusserst profitables Geschäft. Der Schweizer Grosskonzern macht Milliardenumsätze damit, Quellwasser in Flaschen abzufüllen und zu verkaufen.

Die Einwohner des Kurstädtchens aber sitzen zunehmend auf dem Trockenen: Die massive industrielle Nutzung gräbt den Anwohnern buchstäblich das Wasser ab, der Grundwasserspiegel ist dramatisch abgesunken.

Der Wolf im Schafspelz

Die mickrigen Apfelbäumchen sind vertrocknet, das Land verödet.
Auf dieser Obstwiese nahe Vittel lässt Biobauer Benoît Gille seine 700 Shropshire-Schafe weiden. Schafzucht und Obstanbau, in der biologischen Landwirtschaft normalerweise eine Erfolgsgeschichte.

Doch der Bauer kämpft seit Jahren. Gegen die zunehmende Trockenheit, gegen den hungrigen Wolf. Und vor allem gegen den Landbesitzer. «Der grösste Räuber, der unsere Farm bedroht, ist der Eigentümer der Agrarflächen: Nestlé Waters. Um seine Quellen zu schützen, verweigert er uns den Zugang zum Wasser.», sagt Bauer Gille.

Das Unternehmen ist der Räuber, viel gefährlicher als der Wolf. Gegen Wölfe haben wir unsere Hunde, das funktioniert gut.
Autor: Benoît GilleBiobauer und Pächter, Dombrot-le-Sec

Bauer Gille muss, obwohl er auf einem der grössten unterirdischen Wasserreservoirs Europas sitzt, täglich bis viermal Wasser aus einem entfernten Dorf holen und zu seinen Schafen karren.

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Bauer Gille: «Néstlé ist viel gefährlicher als der Wolf»
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Das Wasser sprudelt nur noch für Nestlé

Nestlé besitzt die Quellen seit Ende der 60er Jahre und füllt heute mehr als 2 Millionen Flaschen täglich aus der «Bonne Source» von Vittel ab. 750'000 Kubikmeter Mineralwasser im Jahr, das hauptsächlich nach Deutschland und auch in die Schweiz exportiert wird.

Viel zu viel, denn der Grundwasserspiegel sank bereits um 10 Meter, sagt Bernard Schmitt: «Wegen geologischer Spalten ist der grundwasserhaltige Sandsteinblock unter Vittel isoliert. Da man zu viel Wasser abpumpt, füllt sich dieser Speicher zu langsam.»

3 Milliarden Liter werden pro Jahr abgezapft, 2 kommen wieder hinzu. Das ergibt ein chronisches Defizit von einer Milliarde Liter pro Jahr – seit über 40 Jahren.
Autor: Bernard SchmittUmweltorganisation Collectiv Eau 88

Während die Anwohner zum Wassersparen angehalten werden, zapft Nestlé mit dem Segen der französischen Behörden weiter im grossen Stil ab.

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Bernard Schmitt: «Drei Milliarden Liter Wasser werden abgezapft»
Aus 10vor10 vom 05.11.2019.
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Der Staat macht sich mitschuldig

Der Staat mache sich mitschuldig, wenn er das Abfüllen weiter zulasse, sagt Bernard Schmitt. Die Bereitwilligkeit der Behörden, die Quellenbesitzer zu bevorzugen, erklärt sich durch die Geschichte. Vittel lebt seit 1854 gut vom Vogesen-Wasser, mit dem die Schönen und Reichen in der Therme erst allerlei Wehwehchen kurierten, bevor es auch in Flaschen abgefüllt wurde. 1992 ganz von Nestlé übernommen, boomte das Geschäft mit dem Wasser.

Demonstranten mit Schild
Legende: Widerstand formiert sich bei den Bürgerinnen und Bürgern schon seit längerer Zeit. SRF

Eine Trinkwasser-Pipeline für die Einwohner

Von den einst 4500 Arbeitsplätzen sind heute zwar nur noch 900 übrig. Nestlé bleibt aber ein wirtschaftliches Schwergewicht. Was die lokale Wasserkommission dazu brachte, eine kilometerlange Pipeline in Erwägung zu ziehen. Diese sollte Vittel mit Trinkwasser aus dem Nachbardorf versorgen. Eine Idee, die den ehemaligen Bürgermeister zu einem vielbeachteten Strohballen-Protest trieb.

Was für eine bescheuerte Idee! Wir sollen behandeltes Röhren-Wasser trinken, damit Nestlé das gute Wasser weiter den Leuten verkaufen kann?
Autor: Jean-Marie ChevrierBauer

Weil dem Vorhaben offenbar auch falsche Zahlen zugrunde lagen, wurde das Pipeline-Projekt vor kurzem von den Behörden begraben. Es scheint, als habe der Wind ein wenig gedreht. Die Präfektur hat die lokale Wasserkommission zurückgepfiffen.

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Jean-Marie Chevrier: «Was für eine bescheuerte Idee!»
Aus 10vor10 vom 05.11.2019.
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Nestlé gelobt Besserung

Der Grundwasserspiegel soll sich regenieren, die Nutzung den Bedürfnissen der Bevölkerung angepasst werden, nicht wie bisher umgekehrt. Während das Bürgermeisteramt nicht auf Anfragen reagierte, betont Nestlé, dass die Wasserentnahmen aus den tiefsten Schichten seit längerem zurückgefahren würden.

Nestlé Waters France hat die Entnahmen aus der Bonne Source zwischen 2010 und 2019 schrittweise um 30 Prozent reduziert. Eine Reduktion um weitere 5 Prozent bis Ende 2020 ist vorgesehen.
Autor: Nestlé

Dem Unternehmen den Hahn zuzudrehen, hätte Konsequenzen für die Arbeitsplätze, das ist man sich auch in Vittel sehr bewusst.

Benoît Gilles und seine Schafe suchen ihr Glück vielleicht dennoch bald woanders. Denn solange Nestlé zwei Drittel der Landflächen um Vittel kontrolliert und der Region weiter das Wasser abgräbt, kommt der Biobauer auf keinen grünen Zweig.

Nestlé-Wasser in der Schweiz

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Konsumenten mit ausgeprägtem Geschmackssinn haben es gemerkt: Das in der Schweiz erhältliche Vittel-Mineralwasser kommt seit Anfang September nicht mehr aus der Bonne Source-Quelle, deren Grundwasser bedroht ist. Es stammt aus einer anderen Quelle, aber auch aus Vittel. Diese Quelle hat einen höheren Kalzium- und Magnesiumgehalt.

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60 Kommentare

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  • Kommentar von De Hans Jakobli  (und s Babettli)
    Als Schweiz müsste man an Nestlé rigorose Forderungen zum weltweiten Wasserabbau stellen. Bei nicht Einhalten den Konzern 'entschweizern' und seine Produkte im Land komplett verbieten! Das wäre soziale Verantwortung auf Stufe Staat! Aber man sieht nur immer das Geld.
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Eines sollte langsam jedem klar sein: Quellen dürfen unter keinen Umständen an international tätige Firmen verkauft werden. Quellen gehören der Region, dem Volk. Und das Wasser daraus darf nur zum Entnahme- und Aufbereitungspreis und nur innerhalb eines bestimmten Radius vertrieben werden. Das gilt für alle Quellen in der Schweiz. Und der Bund hat dafür zu sorgen, dass das gesamte Grundwasser absolut sauber ist und bleibt. Frei von jeglichen Giftrückständen. Und für jeden trinkbar.
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  • Kommentar von Tom Duran  (Tom Duran)
    Leitungswasser ist genau so gut, kommt oft sogar von der selben Quelle und kostet weniger. Kurz laufen lassen, dann sind auch die Metallrückstände der Armaturen und Leitungen weg. Und wenn es Flaschenwasser sein muss, dann doch bitte aus der Nähe.
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