Rund 20’000 Seeleute sitzen laut Schätzungen immer noch im Persischen Golf fest. Teilweise waren sie direktem Beschuss im Kriegsgebiet ausgesetzt. Manoj Yadav ist Generalsekretär der indischen Seefahrergewerkschaft – und steht im Kontakt mit zahlreichen gestrandeten Matrosen.
SRF News: Sie hatten in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Kontakt mit den gestrandeten Seeleuten. Was haben diese Ihnen erzählt?
Manoj Yadav: Viele Schiffe wurden im Krieg angegriffen. Gleichzeitig berichteten zahlreiche Seeleute von gravierenden Versorgungsproblemen, insbesondere von einem Mangel an Nahrung und Wasser. Ein weiteres Problem war, dass der Kontakt zu Reedereien und Managern oft komplett abbrach. Viele Seeleute fühlen sich im Stich gelassen. Sie erhielten weder ausreichende Unterstützung bei der Versorgung noch Hilfe bei medizinischen Problemen. Erkrankte Besatzungsmitglieder wurden teilweise nicht angemessen behandelt und hatten keinen Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung.
Die Seeleute erzählen, dass sie rund um die Uhr Wache halten und Angst haben, dass es neue Drohnen- oder Raketenangriffe geben könnte.
Jetzt gibt es offiziell eine Waffenruhe. Trotzdem sitzen laut Schätzungen immer noch rund 20’000 Seeleute im Persischen Golf fest.
Es ist für die Seeleute wie im Gefängnis. Die Crews harren seit rund zwei Monaten an Bord aus – ein Leben auf engstem Raum. Die Schiffe liegen vor Anker. Die Seefahrer dürfen jedoch nicht an Land und können sich nicht frei bewegen. Auch der Internetzugang ist für viele eingeschränkt. Das heisst, dass sie nur begrenzt Kontakt zu ihren Familien haben können. Hinzu kommt die permanente Anspannung: Die Seeleute erzählen, dass sie rund um die Uhr Wache halten und Angst haben, dass es neue Drohnen- oder Raketenangriffe geben könnte.
Und dann gab es auch noch Probleme mit dem Lohn.
Etliche Reedereien und Schiffsbesitzer haben die Seefahrer leider gar nicht gut behandelt – vor allem jene aus dem Irak und dem Iran. Sie sagten etwa: «Mein Schiff ist gerade nicht im Einsatz – wovon soll ich dich bezahlen?»
Wenn die Seemänner den Lohn nicht bekommen, betrifft das auch ihre Familie: Das ganze Unterstützungssystem, mit Bildung und medizinischer Versorgung, ist betroffen.
Viele Seeleute haben uns berichtet, dass sie ihren Lohn nicht bekommen haben. Ihr Lohn ist ohnehin schon extrem tief. Teilweise 300 US-Dollar pro Monat, einige erhalten nur 100 US-Dollar ausbezahlt. In Indien kommt eine arbeitende Person durchschnittlich für fünf Personen auf. Wenn die Seemänner den Lohn nicht bekommen, betrifft das darum auch ihre ganze Familie: Das ganze Unterstützungssystem, inklusive Bildung und medizinischer Versorgung, ist betroffen.
Die Seeleute wurden von den Schiffsbesitzern also zum Teil regelrecht im Stich gelassen?
Ja, eigentlich wäre es Aufgabe der Reedereien, für die Evakuierung der Seeleute zu sorgen. Viele von ihnen stecken aber noch immer fest. Wir kennen Fälle von Seeleuten, die ihre Rückreise selbst organisiert haben – etwa auf dem Landweg via Iran, Armenien und dann per Flugzeug nach Indien. Dafür haben sie fast 3000 US-Dollar bezahlt – das Zwei- bis Dreifache eines Jahreslohns. Jetzt bleiben sie auf den Kosten sitzen.
Nach wie vor sind Tausende Seeleute gestrandet. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Eigentlich gilt ja ein Waffenstillstand. Dennoch wurden mehrfach Schiffe – auch kleine Boote – angegriffen. Solange es kein Abkommen, keine sichere Passage gibt, wird niemand ein Risiko eingehen.
Wenn der Krieg weitergehen sollte, wäre dies das Worst-Case-Szenario: nicht nur für die gestrandeten Seefahrer, sondern für die ganze Welt.
Sollte die Sicherheit dereinst wieder gewährleistet werden können, wird sich die Lage rasch normalisieren: Neue Crews stehen bereit für den Austausch, und innerhalb weniger Tage könnte der Betrieb wieder anlaufen. Aber wenn der Krieg weitergehen sollte, wäre dies das Worst-Case-Szenario: nicht nur für die gestrandeten Seefahrer, sondern für die ganze Welt.
Das Gespräch führten Anita Bünter und Jonas Bischoff.