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Migrantenzustrom auf den Kanaren: Die Wut der Einheimischen wächst
Aus SRF 4 News aktuell vom 02.02.2021.
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Gestrandete Flüchtlinge «Pulverfass» Gran Canaria: Ferieninsel wird zum Migrationshotspot

Rund 23'000 Menschen kamen allein im letzten Jahr. Die Regierung in Madrid will die Migranten vom Festland fernhalten.

«Gran Canaria ist ein Pulverfass», schreibt die spanische Zeitung «El Pais» – und berichtet von Gewalttaten gegen Flüchtlinge. Hintergrund: Die Kanarischen Inseln haben sich zum Migrationshotspot entwickelt. Rund 23’000 Menschen kamen allein im vergangenen Jahr.

Weil die Regierung in Madrid unbedingt verhindern will, dass die Migranten und Flüchtlinge aufs spanische Festland kommen, sind die Inseln für diese Menschen zu einer Art Gefängnis geworden.

Karte Gran Canaria.
Legende: Die Kanarischen Inseln liegen in direkter Nachbarschaft zu Westafrika und sind mehr als 1000 Kilometer vom spanischen Festland entfernt. SRF

Christina Teuthorn-Mohr lebt auf den Kanaren und berichtet von dort für die ARD. Mitgefühl mit den Geflüchteten gebe es zwar durchaus. Aber auch sie bestätigt: Die Stimmung ist explosiv. «Die Bewohner auf den Kanaren sind verzweifelt und haben Angst, vor allem wegen der eigenen schwierigen wirtschaftlichen Situation.»

Auf den beliebtesten Ferieninseln Europas schlägt die Coronakrise voll durch. Die Armut steigt, 80 Prozent der Arbeitsplätze hängen vom Tourismus ab – und der ist dramatisch eingebrochen. Auch aus der Schweiz reisten im letzten Jahr dreimal weniger Touristen an als zuvor.

Regierung in Madrid schaut zu

Viele Einheimischen wüssten nicht, wie sie ihre Miete zahlen sollen, berichtet die Journalistin. «Wenn dann vor der eigenen Haustüre immer wieder Flüchtlingsboote vorbeifahren, empfinden das viele Menschen nicht mehr nur als Zustrom – sondern als regelrechte Invasion.»

Teuthorn-Morn lebt auf der kleinen Insel El Hierro. Dort sind mittlerweile fast zehn Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge und Migranten. «Das birgt gewaltigen Sprengstoff.» Die Regierung der Kanarischen Inseln hat wiederholt an die Zentralregierung appelliert, etwas zu unternehmen. Passiert ist kaum etwas.

Madrid entschied, die Migranten nicht aufs Festland zu lassen und sie in Hotels unterzubringen, weil sonstige Unterkünfte noch nicht bereit waren. Die Journalistin vermutet, dass die spanische Regierung ein Exempel statuieren will: «Sie will verhindern, dass auf den Kanaren ein neuer Korridor nach Europa entsteht und will gleichzeitig Druck auf die EU ausüben.»

Spanien wollte uns immer in ein Gefängnis verwandeln. Jetzt sind wir eines – aber ohne Mittel und ohne Überwachung.
Autor: Antonio MoralesRegierungschef von Gran Canaria

Bilder von Migranten, die anstelle von Touristen in Hotels untergebracht werden, schüren die Wut der Einheimischen zusätzlich. Am Wochenende kam es zu Demonstrationen in kanarischen Städten. «Die Menschen demonstrierten nicht in erster Linie gegen Migrantinnen und Migranten, sondern vor allem gegen die Flüchtlingspolitik des spanischen Zentralstaats und auch der EU», so die ARD-Korrespondentin.

Antonio Morales, Regierungschef von Gran Canaria, fand klare Worte: «Spanien wollte uns immer in ein Gefängnis verwandeln. Jetzt sind wir eines – aber ohne Mittel und ohne Überwachung.» Die scharfe Rhetorik zeigt: Die Wut und Frustration sind gross.

Gestrandet auf den Kanaren

Teuthorn-Morn hat mit Sozialarbeitern, Politikern und einem Richter auf den Kanaren gesprochen. «Sie alle sind sehr besorgt über die zunehmende Fremdenfeindlichkeit auf den Inseln. Sie machen dafür aber vor allem die Regierung in Madrid verantwortlich.»

Empörend sei aber auch, schliesst die Journalistin, wie die Migranten ohne jede Perspektive auf den Kanarischen Inseln gesammelt würden. Und: «Auf dem Atlantik spielen sich menschliche Dramen ab. Ich kann nicht verstehen, dass Europa hier immer noch wegschaut.»

SRF 4 News, 02.02.2021, 8:20 Uhr;

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40 Kommentare

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  • Kommentar von Aldo brändli  (aldo)
    Die Flüchtlinge aufnehmen und ihnen Arbeit geben. Die Internierten Polen haben in der Schweiz viele Wege gebaut. Wenn die Flüchtlinge wüssten, dass man arbeiten muss um in der Schweiz zu leben, dann würden nur echte Flüchtlinge hierher kommen.
    1. Antwort von Thomas Ludwig  (Tlu)
      @Aldo Brändli:..dann wäre das einzige Bundesasylzententrum der Schweiz so gross wie ein Pfadiheim...
    2. Antwort von Urs Felber  (ursus felber)
      Es gibt zwar ein recht auf Arbeit. Es gibt aber nicht die Pflicht grundsätzlich dazu. Schon gar nicht für die paar franken die sie für diese arbeiten erhalten würden. Internieren ist per se verboten. Und weil die sozial Kassen für alle gleichermassen da sind, will trotz arbeits Androhung jeder kommen.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Das, was uns hier an Not entgegenkommt, verlangt,dass Europa endlich gemeinsam Lösungsansätzte für diese Flüchtlingsströme sucht. Der Wille dazu ist leider klein. Lieber noch intern konkurrenzieren.Verschiedene europpäische Länder haben verschiedene Länder Afrikas und sonst ausgebeutet und tun das bis heute noch,z. B. Clencore.Vieles ginge auch über eine ausgebaute Entwicklungszusammenarbeit,die dort in der Armut stattfände. Da hat z. B. CH noch Luft nach oben mit 0.5-0.45%von den Brutto.einn.
    1. Antwort von Thomas Ludwig  (Tlu)
      @UvK: Napoleon hat die Schweiz bestohlen, darum sollte nun Frankreich dafür ewig büssen..., die Römer haben die Helvetier drangsaliert, darum soll nun Rom ewig Busse leisten, etc bla bla bla.
      Wir können nicht der "Lösungsansatz" für die ganze Welt sein, auch wenn Sie das noch so gerne wollen, dazu ist die Welt einfach zu gross und zu kompliziert, zu differenziert dazu.
    2. Antwort von Urs Felber  (ursus felber)
      Politisch dürfte ihre Ansicht es nicht schaffen. Selbst eine spanisch sozialistische Regierung sträubt sich dagegen. Klar bei irgend einem Kuhhandel werden halt mal wieder ein paar Milliarden fliessen, das war dann auch schon. Länder bestimmen immer noch selbst, nicht ngo, nicht migranten.
    3. Antwort von Daniel Gion  (dgion)
      Clencore ist kein Land sondern ein Konzern!
      Die Armut vieler Länder Afrikas beruht in erster Linie darauf das sie es zum Einen nicht fertig bringen friedlich zusammenzuleben und zum Anderen nicht begreifen das wenn das Essen für 2 Kinder nicht reich man nicht deren 10 zeugen sollte. Das was Sie als Ausbeutung bezeichnen geschieht meist via Verträge welche von den einheimischen Machthabern mit Firmen - heute meist aus China - geschlossen werden. Jedes Land hat die Regierung die sie verdient...
  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Flucht mit Zwischenstopp. Zu einem späteren Zeitpunkt wird von der Ferieninsel weitergeflüchtet.
    1. Antwort von Benito Boari  (Antoine)
      Wie würden Sie‘s machen?
    2. Antwort von Urs Felber  (ursus felber)
      Asylantrag im nächst sicheren land stellen. Sobald möglich wieder nach hause. Ich weiss, das ist zuviel verlangt.