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Oxfam kritisiert Zustände im neuen Auffanglager auf Lesbos
Aus SRF 4 News aktuell vom 22.10.2020.
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Griechische Flüchtlingslager Elend ohne Ende – ein neues Moria auf Lesbos?

Das Hilfswerk Oxfam prangert die Zustände im neuen Auffanglager auf Lesbos an. Die Kritik sei zu pauschal, sagt ARD-Korrespondent Thomas Bormann.

«Der Brand in Moria ist eine Ironie des Schicksals», sagte die Journalistin Rodothea Seralidou im September. Ihr trauriges Fazit: Es brauchte eine Katastrophe, um das Flüchtlingselend zu beenden.

Nun, sechs Wochen später, geisselt das Hilfswerk Oxfam die Zustände im neuen Auffanglager, wo fast 8000 Menschen leben. Das Lager sei schlimmer als es Moria jemals war.

ARD-Korrespondent Thomas Bormann teilt die Kritik von Oxfam nur bedingt. Die Zustände seien teilweise immer noch schlimm: Wassermangel, zu wenige Duschen, Chemietoiletten. Gegenüber Moria gebe es aber auch Vorteile.

Das Flüchtlingslager Moria war ein ewiges Provisorium. «Nun muss niemand mehr in einer selbstgezimmerten Hütte aus Holzpaletten und Plastikplanen übernachten», sagt Bormann. Alle Migrantinnen und Migranten verfügten nun über einen Schlafplatz in einem Zelt.

Dass alles schlimmer als in Moria ist? So weit würde ich nicht gehen.
Autor: Thomas BormannARD-Korrespondent in Athen

Oxfam kritisiert, dass manche Zelte nur 20 Meter vom Meer aufgestellt seien und keinen Schutz vor Wind und Regen böten. Bormann bestätigt, dass einige der Zelte bei heftigen Herbstregenfällen im Schlamm versunken seien. «Dass aber alles schlimmer als in Moria ist? So weit würde ich nicht gehen.»

Die Regierung in Athen hat signalisiert, dass sie auf die Kritik reagieren will. Das neue Lager auf Lesbos soll rechtzeitig winterfest gemacht werden. Die griechische Armee hebt derzeit Entwässerungsgräben aus, damit künftige Regenfälle schneller abfliessen können.

Gleichzeitig heisst es, dass es sich ohnehin um eine Zwischenlösung für die Unterbringung der Geflüchteten handle. «Die griechische Regierung will das Lager in der Tat möglichst bis April oder Mai komplett schliessen», so Bormann.

Bis dahin soll ein Grossteil der Menschen das Lager verlassen haben, weil die Asylverfahren abgeschlossen sind. «Die restlichen 3000 bis 4000 Flüchtlinge, bei denen das nicht der Fall ist, sollen dann in ein neues Lager aus Wohncontainern umziehen und menschenwürdig untergebracht werden.»

Auffanglaber auf Lesbos
Legende: Das neue Zeltlager soll nur provisorisch sein: Bis Frühling 2021 will die griechische Regierung das Asylverfahren für viele der Menschen abgeschlossen haben. Keystone

Das geplante Lager soll allerdings geschlossen sein. Die Migranten und Flüchtlinge dürfen es also nicht verlassen. Gegen dieses «Gefängnis» gebe es bereits heftige Proteste, berichtet der deutsche Journalist. Doch die Pläne der Regierung seien ohnehin noch recht schwammig.

Gleichzeitig schreibt sich Athen erste Erfolge beim Thema Migration auf die Fahne. Laut einer Zwischenbilanz des griechischen Migrationsministeriums ist die Zahl der ankommenden Migranten und Flüchtlinge im laufenden Jahr massiv zurückgegangen. Laut offiziellen Statistiken ist gleichzeitig die Zahl der Asylentscheide enorm gestiegen.

Die Grenzen der Solidarität

Dies habe mit einem neuen Asylgesetz der konservativen griechischen Regierung zu tun, so Bormann. «Damit funktionieren die Asylverfahren tatsächlich schneller.» Menschenrechtsorganisationen protestierten lautstark gegen das Gesetz, weil Einspruchsmöglichkeiten gestrichen wurden. «Das ist das Negative aus Sicht der Geflüchteten. Das Positive ist aber, dass sehr viele als Flüchtlinge anerkannt werden.»

Das Kalkül der griechischen Regierung sei, dass andere EU-Länder endlich zu ihren Zusagen stünden, anerkannte Flüchtlinge aufzunehmen. Hilfsorganisationen appellieren seit Jahren an die EU-Staaten, Griechenland nicht im Stich zu lassen. Doch für Bormann ist klar: Bis die europäische Solidarität in der Flüchtlingsfrage Realität ist, ist es noch ein weiter Weg.

SRF 4 News, 22.10.2020, 10:47 Uhr;

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Damian Derungs  (Domino)
    Einfach wieder zurück schicken, der aller grösste teil hat sowieso nirgends anrecht auf asyl. Zudem wer sein eigenes lager anzündet ist definitiv selbst schuld, genau so wer einfach so irgendwohin "auswandern" will ohne auch nur einen gedanken daran zu verschwenden was er alles mitbringen muss. Es ist ein elend, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Da haben EU, NGOs und regierungen versagt.
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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Da werden aber andere Meinungen geäussert und OXFAM als nicht unbedingt richtig eingestuft. Die Asyl-Verfahren müssen beschleunigt werden und nicht Anerkannte sofort zurück gebracht werden. Wer will und kann denn in einer sich stark veränderten Umgebung ständig Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen? Mehr als 50% müssen alphabetisiert werden.Wer will das alles leisten? Viele Rentner in D haben deutlich weniger als für Wirtschaftsflüchtlinge aufgewendet wird.Wie soll das gehen?
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  • Kommentar von Martin Marbacher  (Marmar)
    " Bis die europäische Solidarität in der Flüchtlingsfrage Realität ist, ist es noch ein weiter Weg." Sollten sich Europas Politiker mit den Migranten so solidarisieren, wie es die Hilfswerke tun und wünschen, werden dutzende, wenn nicht hundert Millionen nach Europa ziehen. Enorme soziale Spannungen wären garantiert.
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    1. Antwort von robert mathis  (veritas)
      Herr Marmar leider wird von den Hilfswerken nur immer der eigene Aspect beleuchtet es gibt aber 2 Seiten wie meistens.Die Folgen dieser Forderungen werden kaum beachtet bei einer Lösung eines Problems müssen beide Seiten zufrieden gestellt werden. Niemand bestreitet die unmögliche Situation in diesen Lagern aber nur mit Ideologie und Helfersyndrom kann es hier keine Lösung geben.Das Problem muss angegangen werden VOR diese Menschen in die Lager kommen das grosse Geld dort einsetzen .....
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    2. Antwort von Martin Marbacher  (Marmar)
      Guten Tag Veritas. Ich sehe es ähnlich. Es wird eben sehr einseitig berichtet (in Deutschland ist es noch extremer). Da regt sich bei Realisten der Gleichgewichtssinn. Auch die gezeigten Bilder mit Frauen, Kindern und älteren Männern verzerren die Realität; es sind v.a. junge Männer, die sich auf den Weg machen. Immerhin hat die Rundschau vor Kurzem von der Polizeifront aus Neuenburg berichtet und so einmal für Kontrast zu den redundanten, naiven Äusserungen von NGOs und Hilfswerken gesorgt.
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