Zum Inhalt springen

Header

Audio
Die Zeichen stehen auf Eskalation
Aus SRF 4 News aktuell vom 29.03.2021.
abspielen. Laufzeit 06:24 Minuten.
Inhalt

Gewalt gegen Zivilisten «Die burmesische Armee befindet sich in einer Sackgasse»

Die Gewalt in Burma – auch Myanmar genannt – eskaliert weiter. Dieses Wochenende war das blutigste seit dem Militärputsch. Ein Massenmord an der eigenen Bevölkerung sei das, sagt der UNO-Sondergesandte für Menschenrechte in Burma. «NZZ»-Korrespondent Manfred Rist in Singapur erklärt die Härte der Militärführung.

Manfred Rist

Manfred Rist

NZZ-Korrespondent

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Rist studierte Wirtschaft und arbeitete anschliessend bei einem Marktforschungs-Unternehmen, bevor er als Journalist tätig wurde. Ab 1990 war er Korrespondent der «NZZ» in Brüssel, danach Korrespondent in Singapur und Frankreich. Er berichtet auch von den Philippinen.

SRF News: Manfred Rist, wieso geht die burmesische Armee immer gewalttätiger gegen die eigene Bevölkerung vor?

Manfred Rist: Ich denke, dass sich die burmesische Armee verschätzt hat. Sie hat den Widerstand unterschätzt und sie hat sich auf einen Weg der Gewalt begeben, aus dem es aus ihrer Sicht keinen Rückweg gibt.

Das heisst: Wenn die Militärs jetzt zurückkrebsen würden, dann würde das wohl als Schwäche ausgelegt. Sie haben sich auf eine verhängnisvolle Eskalation fixiert und kommen aus dieser Sackgasse nicht mehr heraus. Die einzige Antwort, die Sie haben, ist Gewalt. Das bedeutet, dass es jeden Tag neue Tote gibt.

Gezielte Kopfschüsse auf Zivilisten. Kinder, die getötet werden. Trotzdem gehen die Menschen weiterhin auf die Strassen. Wie erklärt sich diese Furchtlosigkeit?

Das ist sicher auch eine Trotzreaktion. Man will zeigen, dass man sich nicht unterkriegen lässt. Diese mutige Reaktion hängt bestimmt mit der grossen Solidarität unter der Bevölkerung zusammen. Man macht sich gegenseitig Mut, man feiert die Gefallenen als Helden.

Man muss der Armee eine gesichtswahrende Brücke bauen.

Der Widerstand zieht sich quer durchs Land und wird als letzte Chance wahrgenommen. Wenn es jetzt nicht gelingt, diese Militärregierung zu stürzen, dann ist man vermutlich auf Jahre wieder unterjocht. Wir dürfen nicht vergessen, es ist jetzt das vierte Mal, dass die Armee auf die eigene Bevölkerung schiesst. Und immer sind es zivile Opfer.

Frauen tragen einen Sarg.
Legende: Die Bevölkerung geht weiter auf die Strasse und feiert ihre Toten als Helden. Keystone

Burmas Armee hat am Wochenende auch Luftangriffe in den Grenzregionen zu Thailand geflogen, wohin 3000 Menschen geflohen sein sollen. Warum?

In den Grenzregionen leben ethnische Minderheiten, die sich zum Teil seit Jahren im Kampf gegen die Armee befinden. Das heisst, die Armee befindet sich im Moment in einem Zweifrontenkrieg gegen Demonstrationen gegen die Minderheiten. Es gibt Beobachter, die davon ausgehen, dass die Kapazitäten der Militärs strapaziert sind, dass sie an ihre Grenzen kommen.

Die UNO ist nicht in der Lage, einschneidende Sanktionen zu verhängen, weil sich Russland und China dagegen stellen. Welche Interessen verfolgen diese Länder?

China hat kein Interesse, dass Burma im Chaos versinkt. Es betrachtet es als Hinterhof und ist an stabilen Verhältnissen interessiert. Ob dort nun eine demokratische oder eine Militärregierung herrscht, das ist Peking egal. Die Interessenlage von Russland ist bedeutend weniger klar. Aber Russland sieht nun wahrscheinlich eine Möglichkeit, in Burma stärker Fuss zu fassen.

Seit Anfang Februar sind über 500 Zivilisten getötet worden. Sehen Sie einen Ausweg aus dieser Gewalt?

Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass nur ein Land die Machthaber beeinflussen kann: China. Ob sie das tun werden, ist nicht klar. Ob sie Erfolg haben werden, ist ebenso unsicher. Eine Hoffnung ist, dass es wegen der verfahrenen Situation innerhalb der Militärführung zu einem Gegenputsch kommt, der gemässigtere Offiziere an die Macht bringt. Aber das ist eher unwahrscheinlich.

Eine Zukunft ganz ohne Militär in Burma ist kaum vorstellbar.

Eine Zukunft in Burma ganz ohne Militär ist zudem kaum vorstellbar. Die Armee hat dieses Land 70 Jahre lang geprägt. Die grosse Herausforderung besteht darin, dass man ihr eine gesichtswahrende Brücke bauen muss, damit sie aus dieser Gewaltspirale herausfindet.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Daniel Müller  (Filter11)
    Ich weiss, es wird immer schwieriger, aber sollten wir uns nicht so langsam Gedanken machen, ob eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China überprüft werden sollte? Das ist echt eine Katastrophe und die UNO machtlos wegen dem Vetorecht von China und Russland.
    1. Antwort von Maciek Luczynski  (Steine)
      "aber sollten wir uns nicht so langsam Gedanken machen, ob eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China überprüft werden sollte? "

      Wer sollte sich da genau Gedanken machen ?
      Die globalen Konzerne, Länder-Regierungen, die Bürger, oder die Konsumenten ?
      Wie viele Gegenstände besitzen wir in unsren Haushalten, die in China produziert worden sind? Wer von uns verzichtet bewusst aus Produkte aus China? Und geht das (z.B. bei elektrischen/elektronischen Geräten) überhaupt?
  • Kommentar von Ueli Feuz  („Üeu“)
    Meine Fürsorge hält sich in Grenzen. 2017 wurden 1 Million Muslimischer Burmesen, die Rohingya, aus dem Land vertrieben nach Bangladesch- das war ein eigentlicher Genozit und die Buddhistische Bevölkerung, allen voran Aung Sau Suu Kyi, hat damals gar nichts dagegen unternommen. Ja man war froh darüber, dass man diese Rohingya endlich losgeworden war. Die sind nun da in Lagern und vegetieren ein erbärmliches Leben. Damals kamen ca. 6000 ums Leben. Frauen vergewaltigt und geschändet.
  • Kommentar von Armin Schweigler  (Armin)
    Massenmord Töten Völkermord Unterdrückung ist normal geworden die Welt schaut zu . Reaktion gleich null. Wo sind wir gelandet? Trotz schneller Informationen dank internett. Unverständnis im glauben das ist alles weit weg nicht unser Problem werden diese Zustände weltweit von den Regierungen akzeptiert. Jeder schaut nur noch für sich selber. Das ist wie bei Corona alle schotten sich ab sind froh, wenn es den Nachbarn trifft. Schlimme zustände entwickeln sich weltweit. Wo soll das noch enden??