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Gewalteskalation in Mali «Die Rebellen wollen einen Aufstand auslösen»

Bei koordinierten Angriffen von Tuareg und Dschihadisten ist unter anderem der Verteidigungsminister der Militärregierung in Mali getötet worden. Diese ist seit 2021 an der Macht. Der in Bamako lebende Ulf Laessing ordnet die Lage ein.

Ulf Laessing

Sahel-Experte

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Ulf Laessing leitet das Regionalprogramm Sahel der Konrad Adenauer Stiftung, die der CDU nahesteht. Laessing ist in Bamako, Malis Hauptstadt, stationiert. Er war zuvor Auslandskorrespondent und Büroleiter bei der Nachrichtenagentur Reuters im Nahen Osten, Nordafrika und Afrika südlich der Sahara. Er hat Geschichte, Islamwissenschaften und Volkswirtschaft studiert.

SRF News: Ist mit den Angriffen eine neue Eskalationsstufe erreicht in Mali?

Ulf Laessing: Sicher ist: Es war der schlimmste Angriff seit 2012, als Dschihadisten und Tuareg-Rebellen den Norden Malis besetzt hatten. Damals wurden sie schliesslich von der französischen Armee vertrieben. Erstmals seitdem gibt es jetzt wieder eine Koalition von säkularen Tuareg-Rebellen und Dschihadisten.

Das Ziel von Tuareg-Rebellen und Dschihadisten ist es, die Regierung zu stürzen.

Ihr gemeinsames Ziel ist es, die Militärregierung zu stürzen. Sie griffen dazu koordiniert in allen grossen Städten des Landes an und töteten unter anderem den Verteidigungsminister.

Wie brenzlig ist die Lage für das Militärregime?

Es gibt keine Anzeichen, dass Bamako in die Hände der Dschihadisten fällt. Mit bloss ein paar tausend Kämpfern sind sie zu wenige. Ihr Ziel ist vielmehr, in Mali einen Aufstand auszulösen. Das versuchten sie schon vor einigen Monaten, als sie die Benzinversorgung störten.

Die Lage ist brenzlig für die Militärregierung.

Doch der Aufstand blieb aus – die Bevölkerung will keine Dschihadisten an der Macht. Für das Militärregime ist die Lage aber jetzt tatsächlich brenzlig. Der Verteidigungsminister war ein wichtiger Kopf und Hauptansprechpartner für Russland. Und auch vom Staatspräsidenten hat man seit Samstag nichts mehr gehört.

Wie schlagkräftig sind die beiden Gruppen der Islamisten und die Tuareg-Rebellen?

Sie sind gut bei Blitzangriffen: Schnell ein Dorf, eine Kaserne oder auch mal eine Stadt überfallen und sich dann schnell wieder zurückziehen. Aber das Territorium halten können sie nicht, es fehlt ihnen an schweren Waffen. Sie haben zwar ein paar Drohnen, aber keine Panzer oder Artilleriegeschütze. Sie greifen auf Motorrädern oder auch mal mit Kleinlastwagen an, sind sehr agil und ziehen sich nach einem Überfall schnell zurück, um sich in Malis Wüste oder im Gebirge im Norden zu verstecken.

Instabile Aufständischen-Koalition

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«Das gemeinsame Ziel von Tuareg-Rebellen und Dschihadisten ist der Sturz der Militärregierung. Sonst haben sie nichts gemeinsam», sagt Ulf Laessing. So seien sich die beiden Gruppen 2012 schnell in die Haare geraten, nachdem sie Mali besetzt hatten. Die Dschihadisten vertrieben damals die Tuareg-Rebellen, woraufhin diese schworen, nie mehr mit den Dschihadisten zusammenarbeiten zu wollen. «Die Tuareg wollen eigentlich einfach in Ruhe gelassen werden im Norden des Landes, sie wollen eine Art Autonomie. Die Dschihadisten wiederum träumen vom Kalifat in Westafrika», so der Mali-Kenner.

Wie geht es weiter in Mali?

Die Lage in Mali wird immer instabiler, die Kontrolle durch die Militärregierung wird sich immer stärker auf die Hauptstadt Bamako beschränken.

Wie ist es zu dieser instabilen Lage gekommen?

Der Staat ist leider sehr korrupt. Es gab eigentlich noch nie Politiker, die sich für die Interessen des Landes einsetzen. Jeder will sich nur persönlich bereichern. Es gab eine Chance für Mali, und zwar 2013, als die französische Armee die Dschihadisten aus dem Norden vertrieben hatte. Es wurde in der Folge eine riesige UNO-Blauhelmtruppe formiert, es gab viele Entwicklungsprojekte. Doch der malische Staat hat seinen Beitrag nicht geleistet. Ausserhalb Bamakos gibt es kaum staatliche Leistungen. So wird ein Vakuum geschaffen, das schnell von Kriminellen, Dschihadisten oder eben Tuareg-Rebellen ausgefüllt wird.

Nur die Russen sind noch da

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«Die einzigen, die sich in Mali stärker engagieren könnten, wären die Franzosen. Doch wegen der  schwierigen Kolonialgeschichte und dem engen Verhältnis von Paris mit den afrikanischen Eliten ist das Tischtuch erst mal zerschnitten», sagt Ulf Laessing. Die anderen Europäer hätten kaum Kapazitäten – zu stark seien sie mit den vielen anderen Krisen beschäftigt. «Nur die Russen sind noch in Mali. Man wird sehen, wie lange noch», so Laessing. «Sie sollten die Militärregierung beschützen, erlitten am Samstag aber ein Desaster im Norden. Sie mussten sich zurückziehen und verloren viel Militärmaterial. Das wird Putin nicht gefallen.»

Was bedeutet das für die Zivilbevölkerung?

Für sie sieht es schlecht aus. In den letzten zwei, drei Jahren sind mehr als 150'000 Menschen ins benachbarte Mauretanien geflohen. Gleichzeitig breiten sich die Dschihadisten immer weiter aus: Sie sind auch in Niger oder Burkina Faso sehr aktiv. Zudem haben sie Kontakte nach Nigeria. So werden zwischen Atlantik und Rotem Meer immer mehr Regionen Afrikas unregierbar.

Das Gespräch führte Sandro della Torre.

SRF 4 News aktuell, 27.04.2026, 07:10 Uhr ; 

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