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Russische Experten: «Geheimdienste stehen unter sehr strenger Kontrolle des Kreml»
Aus Echo der Zeit vom 02.10.2020.
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Giftanschläge auf Kreml-Gegner Nowitschok – «Visitenkarte» eines paranoiden Geheimdienstes

Russische Experten erkennen eine Handschrift hinter dem Nawalny-Attentat – und eine Botschaft an andere Kreml-Gegner.

Angenommen, der russische Staat möchte sich eines prominenten Oppositionellen entledigen. Würden die Verantwortlichen dann wirklich einen Agenten schicken mit einem hochgeheimen chemischen Kampfstoff?

«Klar fragen sich viele: Wäre es nicht einfacher, einen politischen Gegner zu erschiessen?», sagt Irina Borogan. Sie und ihr Partner sind die bekanntesten Geheimdienstexperten Russlands und haben mehrere Bücher über Agenten und Spione geschrieben.

Zum Giftanschlag gegen Nawalny sagt Borogan: «Gift ist zur Visitenkarte geworden, die bei politischen Morden jeweils hinterlassen wird.» Tatsächlich ist Nawalny nur das jüngste Opfer. Der kritische Journalist Juri Schekotschichin, der Aktionskünstler Petr Wersilow, der Oppositionspolitiker Wladimir Kara-Mursa. Es gibt eine lange Liste von Kreml-Kritikern, die vergiftet worden sind.

Gift als Botschaft

Warum aber greifen die Täter, die mutmasslich aus den Geheimdiensten stammen, ausgerechnet zu Gift? «Es geht um die psychologische Wirkung. Wer vergiftet wird, der leidet. Wenn er stirbt, stirbt er langsam und qualvoll. Solche Taten verbreiten eine ungeheure Angst», sagt Borogan.

Eine Angst, die in den Köpfen angekommen ist: Für ihr jüngstes Buch haben Borogan und Soldatow mit russischen Oligarchen im Exil, kritischen Journalisten und anderen Kreml-Kritikern gesprochen. Fazit: Alle haben Angst vor Nowitschok, dem Gift, das auch Nawalny verabreicht wurde.

Der Fall Nawalny

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Der Fall Nawalny
Legende: Nawalny in der Reha in der Berliner Charité Keystone

Alexej Nawalny war am 20. August auf einem russischen Inlandsflug zusammengebrochen und nach einer Notlandung zunächst im sibirischen Omsk behandelt worden. Am 22. August wurde er zur Behandlung in der Charité nach Berlin ausgeflogen.

Die deutsche Bundesregierung erklärte nach Tests in einem Speziallabor der Bundeswehr, Nawalny sei mit einem Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden. Er wurde 32 Tage in der Klinik behandelt, 24 Tage lag er auf der Intensivstation.

Nach seiner Entlassung am Dienstag erklärte Nawalny, er werde jetzt täglich zur Krankengymnastik gehen und womöglich ein Rehabilitationszentrum aufsuchen. Er lerne wieder, Gleichgewicht zu halten, indem er auf einem Bein stehe. Seine linke Hand sei noch teilweise gelähmt.

Geheimdienst-Experte Soldatow sagt: «Das Gift ist eine Botschaft für jene, die noch in Russland sind genauso wie für diejenigen, die schon im Ausland sind. Und die Botschaft ist: Es gibt ein Mittel, mit dem wir euch erwischen werden.»

Und was ist mit der Theorie, dass Hardliner aus dem Sicherheitsapparat Nawalny vergiftet haben? Ohne, dass es der Kreml wusste? «Dieses Argument höre ich immer wieder», sagt Soldatow. «Aber die russischen Geheimdienste stehen unter sehr strenger Kontrolle des Kreml. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie ohne Absprache so eine Operation durchführen.»

Sowjet-Wehmut im Geheimdienst

Soldatow sagt, in den Diensten herrsche ein regelrecht paranoides Weltbild. Die Geheimdienstler hielten jede noch so kleine oppositionelle Gruppe für eine Gefahr. Dies habe mit ihrem Geschichtsbild zu tun. So haderten Russlands Spione offenbar immer noch damit, dass die Sowjetunion 1991 einfach implodiert ist. «Und nicht einmal der mächtige Geheimdienst KGB konnte das sowjetische Imperium retten», sagt Soldatow.

Soldatow und Borogan sehen denn auch eine Linie von den sowjetischen zu den aktuellen, russischen Geheimdiensten. Nicht nur, dass Präsident Putin bekanntlich selber für den KGB gearbeitet hat – und viele seiner damaligen Dienstkameraden inzwischen hohe Posten haben.

Seit dem Amtsantritt von Putin gibt es wieder politische Morde – bis zum heutigen Tag.
Autor: Irina BoroganRussische Geheimdienstexpertin

Politische Morde gehörten zum gängigen Arsenal der früheren Sowjetunion, sagt Borogan: «Die sowjetischen Geheimdienste haben ihre Gegner ermordet. Unter Präsident Jelzin in den 90er-Jahren hörte diese Praxis auf. Doch seit dem Amtsantritt von Putin gibt es wieder politische Morde – bis zum heutigen Tag.»

Das letzte Opfer eines politischen Mordes wäre beinahe Alexej Nawalny geworden. Er selber zeigt sich im Interview mit dem «Spiegel» unerschrocken. Er werde nach Russland zurückkehren, sagte er. Borogan sie darin wie Soldatow erhebliche Risiken: «Er ist ein mutiger Mensch, aber nach Russland zurückzukehren ist sehr gefährlich für ihn.»

Video
Archiv: Immer mehr Labore bestätigen unabhängig die Vergiftung Nawalnys
Aus Tagesschau vom 14.09.2020.
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Rendez-vous vom 02.10.2020, 12:30 Uhr

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Na ja, seit über 30 Jahren hat die NATO die Formel von Nowitschok. Gemäss dem Chemiewaffenexperten Dieter Rothbacher kann heute jeder Chemiker mit der entsprechenden Ausrüstung diese Gift herstellen. Zudem ist Nowitschok so gefährlich, weil es schnell und zuverlässig tötet. Wenn man also will, dass ein Opfer leidet verwendet man sicher nicht diese Gift.
    1. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Wenn der Kreml auch nur den leisesten Verdacht hätte, dass Aussländer hinter dem Anschlag stehen würden, hätten sie sicher längst eine gründliche Untersuchung gestartet. Aber im Gegenteil; von Beginn weg wurde von den russischen Behörden vertuscht und die Fakten verbogen.
    2. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      M. P.
      Ähm - war es nicht DE, welches alle Bemühungen für eine gemeinsame Aufklärung seitens RU zurück wies?
      Man sich sofort sicher war, dass es nur RU gewesen sein kann.
      Uns hat man beigebracht, wer allzu rasch mit dem Finger auf Dritte zeigt, dann meistens von sich ablenken will.
      Hat sich das in der Zwischenzeit geändert? Oder nur dann, wenn es RU betrifft?
  • Kommentar von Peter M Haller  (Peter M Haller)
    Ich habe heute früh RT (Russian Television) gekuckt, wo der Fall Nawalny ausführlich besprochen wurde: Nawalny will Putin anklagen, weil er die CIA ins Spiel gebracht hat. Ausserdem hat Russland die Laboruntersuchungen aus Deutschland bis heute nicht erhalten!!!
    1. Antwort von Christian Gerber  (cgk)
      Bestimmt hat das russische Staatsfernsehen RT auch nichts davon gesagt, dass die Behörden nichts unterlassen haben, Spuren im Hotel zu verwischen. Auch das Spital wurde sofort von x Beamten besetzt.
    2. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      Ausführlich sicher, man muss der Welt auch zeigen, dass die Wahrheit viele Gesichte hat, und dass die „unsere“ die einzig richtige ist. Warten Sie ab, die werden noch sehr viel mehr berichten...
    3. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Ch. G.
      Wo er angeblich seines Team in früheren Aussagen gar nicht war.
      Im Hotelzimmer untergebracht.
      Diese Geheimdienstler müssen ja ziemliche Anfänger sein.
      Überwachen ihn - bekommen nicht mit, dass er nicht im Hotel untergebracht ist -um dann Spuren im Hotelzimmer zu verwischen, wo er ja auch in früheren Aussagen seines Team gar nicht vergiftet worden ist - weil nicht im Hotel untergebracht -, sondern es deshalb im Flugzeug passiert sein muss.
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Bei allen anderen, in diesem Artikel erwähnten Vergiftungsbeispielen. Wo sind die Beweise dafür dass es Putin war? Zu jedem Fall gab es unzählige Artikel. Aber nie einen schlüssigen Beweis dass es Putin war. Irre ich mich?
    1. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      Das ist ja eine Frage. Wenn...dann ist es eben Sinn der Sache, dass nie irgendwelche Beweise gefunden werden. Da irren Sie sich leider tatsächlich gewaltig. Hier sind keine Amateure oder Taschendiebe von Bahnhof am Werk.
    2. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Bels:
      Der Sinn von Medien wäre objektive Berichterstattung. Wenn es keine Beweise gibt: warum das permanente Russlandbashing?
    3. Antwort von Simon Reber  (kokolorix)
      Vielleicht weil in Russland Regierungskritiker verhaftet, wegen lächerlichen Dingen zu jahrelangem Arbeitslager verurteilt, erschossen und vergiftet werden?
      Noch kein Unterstützer der Putin Oligarchie ist jemals etwas Ungewöhnliches zugestossen, während schon über einem Dutzend Kritiker ganz seltsame Dinge widerfahren sind.
      Die Nazis behaupteten auch jahrelang, dass sie nur von ausländischen Regierungen und Medien schlechtgemacht werden...
      Ist Kritik an Nazis deswegen Nazibashing?