Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), warnt vor den dramatischen Folgen der Hormus-Blockade. Diese wirke sich auf den globalen Öl- und Gasmarkt sowie die Weltwirtschaft aus. Die Folgen könnten die Ölkrise der 1970er-Jahre übertreffen. «Sie sind auch grösser als der Erdgaspreisschock, den wir nach der russischen Invasion in der Ukraine erlebt haben.»
Trotz gestiegener Gaspreise liegen diese derzeit weit unter dem Niveau des Krisenwinters 2021. Daniela Decurtins, Direktorin des Verbandes der Schweizerischen Gasindustrie (VSG), sagt: «Die Gasversorgung in der Schweiz ist sichergestellt. Man ist entspannt, weil es dem Ende des Winters zugeht.» Wegen der höheren Temperaturen brauche es im Sommer weniger Gas.
Die Preise sind extrem volatil. Sie schlagen zum Teil an einem Tag 20 Prozent auf und dann wieder 30 Prozent ab.
Die Branche stehe im Austausch mit dem Bund, doch unter Händlern sei Nervosität spürbar. «Die Preise sind extrem volatil. Sie schlagen zum Teil an einem Tag 20 Prozent auf und dann wieder 30 Prozent ab. Es ist alles sehr stark schlagzeilengetrieben», sagt Decurtins.
Dazu kommt: Die Gasspeicher in ganz Europa, die eine sichere Versorgung garantieren sollten, sind praktisch leer. «Diese Speicher müssen jetzt wieder kontinuierlich gefüllt werden. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Preise hoch sind», sagt die VSG-Direktorin. Es bestehe wenig ökonomischer Anreiz, die Speicher zu befüllen.
Langfristige Beschaffung gegen Preisschocks
Gefordert sind nun jene Leute, die das Gas für den Schweizer Markt besorgen. Der Energiedienstleister Ompex kauft Gas in der Regel über drei Jahre hinweg gestaffelt ein. Lieferungen für 2026 sind bereits gesichert.
Daniel Germann ist bei Ompex für den Gasmarkt zuständig und betreut regionale Gaswerke. «Wir machen jeweils ein Jahr im Voraus einen Beschaffungsplan. Wir definieren, welche Produkte wir in welchem Zeitraum beschaffen wollen. Da gibt es einen gewissen Spielraum», sagt er. Die Beschaffung könne so mal eine Woche früher oder später passieren. Aber die Tranchen würden innerhalb des Plans einfach eingedeckt.
Diese Strategie minimiert den Einkauf am hochvolatilen Spotmarkt, bedeutet aber, dass Germann auch jetzt Gas für 2028 oder 2029 einkauft, selbst zu hohen Preisen.
Das Potenzial für noch viel höhere Preise ist durchaus da.
Wann und wie sich höhere Beschaffungspreise auf Gasrechnungen auswirken, sei Sache der Werke, sagt Germann. Je länger die Hormus-Blockade andauere, desto stärker werde der Gaspreis steigen.
«Es wird eine Rolle spielen, wie lange das Ganze dauert», sagt der Energieexperte. «Momentan spricht man auch davon, dass es Monate gehen kann, bis diese Versorgung aus dem Nahen Osten wieder auf den Weltmarkt kommt.» Das würde nicht für sinkende Preise sprechen.
LNG-Schiffe können sich höchste Gebote aussuchen
Allenfalls könnten sie sogar massiv steigen, gibt Germann zu bedenken. «Das Potenzial für noch viel höhere Preise ist durchaus da.» Hält die Krise bis Ende des Sommers an, wenn die Nächte wieder kühler werden, dann dürfte sich der Bieterkampf um Flüssigerdgas (LNG) zwischen Asien und Europa massiv verschärfen. LNG-Schiffe sind oft ohne Langzeitverträge und steuern den Hafen mit dem höchsten Gebot an.
Während Gasproduzenten profitieren, geraten europäische Unternehmen unter Druck. Ärmere Länder wie Pakistan, die auf Energielieferungen angewiesen sind, können sich die hohen Gaspreise kaum noch leisten und zählen zu den grossen Verlierern.