Zum Inhalt springen

Header

Audio
Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zur Lage in Kabul
Aus Rendez-vous vom 23.08.2021.
abspielen. Laufzeit 05:54 Minuten.
Inhalt

Humanitäre Hilfe Rotes Kreuz bleibt in Afghanistan – das wollen auch die Taliban

Seit Jahren ist die Bevölkerung Afghanistans auf humanitäre Hilfe angewiesen. Auch jetzt, da die Taliban die Herrschaft übernommen haben, bleiben die Hilfsorganisationen im Land, um die Bevölkerung zu unterstützen. Wie aber gestaltet sich ihre Arbeit? Dominik Stillhart vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz über Schwierigkeiten und Möglichkeiten.

Dominik Stillhart

Dominik Stillhart

Direktor Operationen beim IKRK

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Dominik Stillhart koordiniert als Direktor für weltweite Operationen die humanitären Einsätze des IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz).

SRF News: Wie steht es derzeit um die humanitäre Lage im Land?

Dominik Stillhart: Die Lage ist im Moment ruhig. Sie bleibt aber sehr angespannt, vor allem in den Regionen im Norden des Landes und in der Hauptstadt, wo die Taliban traditionell weniger Rückhalt geniessen bei der Bevölkerung. Die humanitäre Situation ist katastrophal nach vier Jahrzehnten Krieg, Gewalt und Misswirtschaft sowie den Auswirkungen von Covid-19 und der momentanen Dürre.

Was brauchen die Leute im Moment am dringendsten?

Die grössten Problemstellungen gibt es bei der Grundversorgung. In Afghanistan haben der Staat und der öffentliche Sektor zumindest in den letzten Jahren einigermassen eine Grundversorgung hingekriegt in den grösseren Städten. Die grosse Frage ist nun, wer diese Grundversorgung aufrechterhalten kann in den nächsten Wochen, weil das Geld langsam fehlen wird.

Legende: Die Coronapandemie hat den Alltag der afghanischen Bevökerung zusätzlich erschwert. Reuters

Können die Mitarbeitenden des IKRK derzeit ihre Aufgaben wahrnehmen?

Wir haben in all diesen Jahren den Kontakt zu den Taliban nie abgebrochen. Und wir haben relativ glaubwürdige Zusicherungen von den Taliban gekriegt, dass wir nicht nur arbeiten können, sondern auch sollen. Unsere Büros sind offen. Wir haben 1800 Mitarbeitende vor Ort, davon etwa 100 IKRK-Delegierte.

Wir haben relativ glaubwürdige Zusicherungen von den Taliban gekriegt, dass wir nicht nur arbeiten können, sondern auch sollen.
Autor:

Sie haben Kontakt zu den Taliban?

Es ist im Moment nicht ganz klar, wer wofür verantwortlich ist. Wir brauchen die Kanäle, die wir in all den Jahren gebraucht haben. Aber es wurde keine neue Regierung ausgerufen. Im Moment sprechen wir einfach mit diesen Leuten, mit denen wir jahrelang gesprochen haben. Das sind Leute, die relativ hohe Stellen besetzen bei den Taliban.

Lassen die Taliban das IKRK und auch die Frauen im Moment gewähren?

Wir haben diese Zusicherungen. Gerade in den Spitälern sind die meisten Angestellten Frauen. Auch in unseren Orthopädiezentren arbeiten viele Frauen. Wenn die Frauen nicht arbeiten können, gibt es riesige Probleme bei der Grundversorgung. Aber das Vertrauen der Frauen ist wahrscheinlich nicht da.

Wenn die Frauen nicht arbeiten können, gibt es riesige Probleme für die Grundversorgung.
Autor:

Wie sieht es aus mit Nachschub an Gütern?

Es ist eine extrem schwierige Situation am Flughafen in Kabul. Aber es gibt Landwege, die offen sind. Der Vorteil, das muss man herausstreichen, ist natürlich, dass der Krieg zu Ende ist. Es gibt keine Kämpfe mehr. Von daher sind die Zugangsstrassen von Pakistan und von anderen Ländern einfacher zu befahren. Der Nachschub kann von da hereinkommen.

Werden die Mitarbeitenden des IKRK, aber auch die Einheimischen, im Land bleiben?

Die Bilder vom Flughafen in Kabul sind nicht repräsentativ für die Lage vor Ort. Natürlich gibt es Tausende, vor allem ehemalige Mitarbeiter der militärischen Koalition und von Botschaften westlicher Länder, die rauswollen mit ihren Familien.

Die Bilder vom Flughafen in Kabul sind nicht repräsentativ für die Lage vor Ort.
Autor:

Aber bis jetzt sieht man keine Massenauswanderung, so wie wir das in Syrien gesehen haben. Vieles wird davon abhängen, wie sich die wirtschaftliche Lage weiterentwickelt und ob diese Grundversorgung, gerade im medizinischen Bereich oder bei der Elektrizität, aufrechterhalten werden kann.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Video
Kinderhilfswerk Unicef will in Afghanistan bleiben
Aus Tagesschau vom 22.08.2021.
abspielen

Rendez-vous, 23.08.2021, 12:30 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

20 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Seit der Machtübernahme der Taliban ist die Zukunft des Landes ungewiss wie nie. Das Rote Kreuz wird dennoch seine Arbeit fortsetzen dürfen. DAs IKRK kann in Afghanistan mit seinen rund 1800 Mitarbeitern weiter tätig sein. Zustande kommt das, weil das Hilfswerk seine Kontakte zu den Taliban nie abreissen liess und diese Kanäle weiterhin benutzt. Die humanitäre Lage ist nach vier Jahrzehnten Krieg, Gewalt, Misswirtschaft sowie der aktuellen Dürre und der Covid-19-Pandemie katastrophal.
  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Das ist mMn ein guter informativer RadioBeitrag. Wohltuend auch die ganze Praxis im Hintergrund und eben weg von den Bildern, die offenbar wirklich ein "falsches Bild" vermitteln über die Situation im ganzen Land, nicht nur am Flughafen Kabul. Ich hoffe, die können dort mit ihrer Arbeit so gut und so professionell wie es geht, weiterfahren: z.B. "Frauen in den Spitälern, sonst keine Grundversorgung dort"; oder "Nachschub auf Landweg, weil gerade mal kein Krieg". Ich habe wirklich keine Ahnung!
  • Kommentar von Lothar Drack  (spprSso)
    Was ich hier nicht ganz verstehe, wieso dass nur vom Roten Kreuz die Rede ist (1863 gegründet, ab 1876 IKRK benannt). 1877 wurde erste Rothalbmond-Gesellschaft gegründet und 1919 zur Koordination aller Gesellschaften die «Int. Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften». Statt rote Kreuze also rote Halbmonde für jene Länder, wo der Islam als Religion dominiert. Darum meine obige Frage.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Lothar Drack: Wichtig ist doch, dass überhaupt jemand dann noch hilft, wenn alle anderen gehen. Das Dach des Roten Kreuzes in Genf heisst nun Mal: Comité international de la Croix-Rouge (CICR).
    2. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Klar find ich das auch das Wichtigste, trotzdem nimmt es mich Wunder, ob es auch noch Rothalbmonde gibt, oder ob es diese nur noch auf dem Papier gibt. Grad weil es ein islamisches Land ist.
    3. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Herr Lang weiss sicher auch, dass es International Committee of the Red Cross (ICRC) und International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies (IFRC) heisst.
    4. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Lothar Drack: es ist nur im Titel verkürzt so. Im Beitrag selber wird klar mehrmals IKRK genannt. Es handelt sich um einen Radiobeitrag und da ist mit Dominik Stillhard ein äusserst kompetenter und konzentrierter Gesprächspartner zu hören. Er ist nun mal (wie oben ausgeführt) "Direktor Operationen beim IKRK".