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Stimmen aus Kabul: «Es ist wirklich beängstigend»
Aus Echo der Zeit vom 21.08.2021.
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Stimmen der Angst aus Kabul «Ich fürchte mich davor, von den Taliban erkannt zu werden»

Vor einer Woche haben die Taliban in Kabul die Macht übernommen. Seither gibt es in der afghanischen Hauptstadt unzählige Menschen, die um ihr Leben fürchten. Menschen, die bis zum Machtwechsel für ausländische Organisationen gearbeitet haben, oder für die nun gestürzte Regierung.

An diese Menschen heranzukommen, ist aufgrund der Gefahrenlage sehr schwierig. SRF-Südasien-Korrespondent Thomas Gutersohn hat seine Kontakte abtelefoniert, um an Informationen aus Kabul zu kommen. Zwei Männer und eine Frau waren bereit, mit ihm zu sprechen, bestanden jedoch auf Anonymität.

Jaquoub: «Ich verstecke mich zu Hause»

Normalerweise steht Jaqoub vor der Kamera und berichtet über die aktuellen Geschehnisse in Kabul. Jetzt ist alles anders: «In der ganzen letzten Woche bin ich nicht aus dem Haus, nicht einmal, um Essen einzukaufen. Ich bin ein Fernsehjournalist, und ich fürchte mich, dass mich jemand erkennen würde. Also verstecke ich mich zu Hause.»

Sein Fernsehsender hat ihn gebeten, zu Hause zu bleiben. Sein Gesicht ist bekannt in der Stadt. Jaqoub fürchtet, auch von den Taliban erkannt zu werden: «Die Taliban haben mich nicht kontaktiert oder mir gedroht. Aber ich mache mir grosse Sorgen.»

Nicht ohne Grund. Letzte Woche wurde ein Familienmitglied eines Journalisten des Fernsehsenders «Deutsche Welle» ermordet. War es Zufall oder eine gezielte Einschüchterungstaktik für andere Journalisten? Jaqoub weiss es nicht. Er sagt aber: «Wir können den Taliban nicht trauen. Sie sagen, sie würden niemandem Leid zufügen. Aber sie sind mit ihren Waffen nach Kabul gekommen. Nun schlagen sie Leute am Flughafen oder auf den Strassen.»

Mousamma: «Hazara haben keine Zukunft»

Auch Mousamma traut den Taliban nicht über den Weg. Sie hält sich ebenfalls in ihrem Zuhause in Kabul versteckt und berichtet davon, was sie in den sozialen Medien sieht: «Man sieht diese Videos, wie die Taliban Häuser durchsuchen. Warum machen sie das, wenn sie die Leute verschonen wollen? Warum wollen sie das alles wissen?»

Nur zweimal habe sie ihr Haus in Kabul seit der Machtübernahme verlassen, um einkaufen zu gehen, sagt Mousamma. Überall stünden die Taliban. An allen Kreuzungen und allen Polizeiposten: «Sie geben sich als Polizisten aus, ohne Ausweis. Es ist beängstigend, herauszugehen. Sie tragen Waffen, reden mit den Männern, überprüfen Autos und ID-Karten.»

Legende: Taliban-Kämpfer kontrollieren in Kabul viele Autos und die Identitäten der Einwohnerinnen und Einwohner. Keystone

Mousamma gehört der schiitischen Minderheit der Hazara an. Auch wenn sie von den Taliban nie verfolgt wurden, lebten die Hazara unter ihrer Herrschaft vor gut 20 Jahren als Bürger zweiter Klasse.

Mousamma fürchtet, wieder von der Paschtunischen Mehrheit im Land unterdrückt zu werden, wenn die Taliban die Macht behalten: «Sie werden nie erlauben, dass wir frei leben können. Hazara haben keine Zukunft. Ich habe so hart dafür gearbeitet, was ich nun geworden bin. Wenn sie mich nicht weiter arbeiten lassen, kann ich nicht mehr hier leben.» Wie Jaqoub versucht auch Mousamma, Afghanistan zu verlassen. Doch das ist schwierig.

Mohammed: «Die Unsicherheit bringt mich noch um»

Schon nur der Weg zum Flughafen sei lebensgefährlich, sagt Mohammed, ein weiterer Gesprächspartner, der für die ehemalige Regierung von Ashraf Ghani gearbeitet hat: «Meine Familie und ich sind auf einer Liste, um ausgeflogen zu werden. Doch wir kommen im Moment nicht einmal zum Flughafen. Da ist so viel Chaos. Ich habe Angst, meine neun Monate alte Tochter zu verlieren. Wir wissen im Moment nicht, was tun.»

Sein Haus sei bereits von den Taliban aufgesucht worden, nachts um drei Uhr. Die Kalaschnikows umgehängt, hätten sie durch die Fenster geschaut und in die Garage, sagt Mohammed: «Ich weiss nicht, warum sie zu uns kamen. War es einfach Zufall, oder kamen sie absichtlich zu uns mit einem Befehl? Kommen sie wieder oder lassen sie uns in Ruhe? Die Unsicherheit bringt mich noch um.»

Video
Zehntausende drängen sich um den Flughafen Kabul
Aus Tagesschau vom 21.08.2021.
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Niemand weiss, was die Taliban genau im Schilde führen – und das zermürbt. Eine Ausgangssperre gebe es nicht in Kabul, aber wer wolle nun nachts raus, wenn überall bewaffnete Männer stünden, sagt Mohammed weiter. «Es sind nun auch viele Gangster auf den Strassen, die die Situation ausnutzen. Wir wissen nicht wer, wer ist.»

Derweil sind die Lebensmittel-Preise in der Stadt gestiegen. Die Banken blieben geschlossen. Das Geld werde knapp – das Ausharren zur Zitterpartie. Und dennoch sind viele froh, dass zumindest die Kämpfe im Land aufgehört haben. Die Hoffnung besteht, dass dies auch so bleibt.

Tagesschau, 21.08.2021, 13:00 Uhr;

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Reto Blatter  (against mainstream)
    Mit einer unfähigen Administration und einem schwachen Präsidenten im Rücken, kann auch die mächtigste Armee nur verlieren.
    1. Antwort von Reto Blatter  (against mainstream)
      Nicht der Entschluss zum Truppenabzug wird kritisiert sondern deren katastrophale Umsetzung. Der Plan zum Rückzug, welcher letztes Jahr von Mike Pompeo vorgestellt und von der Armeeführung als gut befunden wurde, sah ganz anders aus. Nun verfügen die Taliban über neuste Waffen und Gerätschaften und haben Zehntausende potenzielle westliche Geiseln in ihrem Land. Dieser Schlamassel ist noch lange nicht ausgestanden.
    2. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Gehe mit Ihnen in dieser Ansicht nicht einig. Der Kollaps des Systems in Afghanistan hängt sehr wenig mit den von der Administration Biden gemachten Entscheidungen zusammen, sondern sehr stark mit der Tatsache, dass das westliche Modell als Ganzes in diesem Land, im Irak und eigentlich in der ganzen islamischen Welt gescheitert ist.Unsere Nabelsicht, dass wir diejenigen mit den richtigen Werten sind, ist eben in die Wand gefahren und wir tun immer noch so, als würde das an ein paar AK47 liegen!
  • Kommentar von Drago Stanic  (Azra)
    Ich bin noch heute Sprachlos, nach dem ich schreckliche Bilder aus Afghanistan gesehen habe. Seine Verbundete so zu verraten ist skandalös. Noch dazu Waffen in Wert von 80 Mia. $ Taliban überlassen ist unbeschreiblich dumm. Auch Presse Konferenzen von J. Biden lassen an seinen geistliche Zustand zweifeln. Mehrere Medien in USA haben, diese Thema aufgenommen und ich frage mich wie lange wird dauern, dass auch unsere Medien darüber schreben beginen?
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Ich bin sprachlos wie die Taliban mit den Frauen fuhrwerken.
    2. Antwort von Janusz Kaltenbacher  (anti_sozialist)
      Mit hoch modernen und komplexeren Waffensystemen konnten die Taliban noch nie umgehen. Das war schon bei den Mujaheddin so. Da die meisten über keine militärische Ausbildung verfügen und Analphabeten sind. Ausserdem haben die Taliban kein Wartungspersonal für die erbeuten Flugzeuge und Ersatzteile - gleich wie am Schluss die afghanische Armee - weil das Wartungspersonal Amerikaner waren und die Ersatzteile aus den USA stammen.
    3. Antwort von Janusz Kaltenbacher  (anti_sozialist)
      Haben Sie denn von den Taliban etwas anderes erwartet Herr Planta? Das war vollkommen zu erwarten, wenn man weiss wie die Taliban mit Frauen in den bereits eroberten Gebieten auf dem Land umgehen. Einschliesslich Hinrichtungen und Zwangsverheiratungen. Nach der Ausreise der letzten westlichen Journalisten und Westler überhaupt wird alles noch viel schlimmer werden. Die Taliban müssen an ihren Taten und nicht an ihren Worten gemessen werden, wovon sich selbst westliche Experten einlullen lassen.
    4. Antwort von Reto Blatter  (against mainstream)
      &azra: Hauptsache nicht Trump. Alles andere ist unwichtig:)
    5. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Stanic: Ich wie auch sehr viele Andere sind genauso wie Sie sprachlos wegen der Situation in Afghanistan. Man kann aber nicht von einem Verrat sprechen denn dass die Amerikaner und ihre Verbündeten irgendwann abziehen war schon länger bekannt. Die Afghanen hatten Zeit sich vorzubereiten, wenn Die gewollt hätten. Die Waffen die nicht an die Afghanische Armee gingen wurden von den Amerikanern mitgenommen. Der Abzug war kein Vorhaben von Herr Biden, sondern von Herr Trump.
    6. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Stanic: Her Biden verzögerte den von Herr Trump begonnenen Abzug sogar. Wenn man die amerikanischen Medien genau betrachten, die Herrn Bidens guten Geisteszustand anzweifeln, sind es ausnahmslos solche die Trumpisten nahestehen. Ich bin froh dass unsere Medien auf diese Fake News-Schiene nicht aufspringen.
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Es ist eine schwierige Situation für die Menschen. Auf dem Videobild sind vor allem junge Männer zu sehen, viele bartlos. Ich frage mich schon, wie die vielen Ortshelfer mit ihren Familien zum Flughafen gelangen sollen. Chaos pur. Ich hoffe diese Menschen werden nicht im Stich gelassen.