Andrew Mountbatten-Windsor (66) wurde am Donnerstag festgenommen. Dem Bruder von König Charles III. und ehemaligen Prinz wird «Fehlverhalten im öffentlichen Dienst» vorgeworfen. Konkret soll er in seiner früheren Rolle als Handelsbeauftragter vertrauliche Dokumente Jeffrey Epstein zugespielt haben. Der frühere Prinz wurde mittlerweile aus dem Polizeigewahrsam entlassen, die Ermittlungen gehen weiter. Patrik Wülser ordnet ein, was das für das Königshaus und die britische Bevölkerung bedeutet.
Wie reagieren die Britinnen und Briten auf die neuste Entwicklung im Fall Andrew Mountbatten-Windsor?
Seit gestern ist das Thema auf allen Frontseiten Breaking News. Das ist nicht nur einfach eine Boulevardgeschichte, sondern es geht um die konstitutionelle Zukunft des Landes und die Frage, ob es die Monarchie noch geben soll. Für die Republikaner, welche die Monarchie abschaffen möchten, war das gestern ein Festtag. Ein weiterer Beweis, dass die Monarchie überfällig ist. Auf der anderen Seite war es für die Monarchistinnen ein Tag, der zeigte, wie einwandfrei dieses Land funktioniert. Selbst die Aristokratie wird von der Polizei furchtlos verhaftet, sogar wenn es der Lieblingssohn der verstorbenen Queen war.
Warum wurde Mountbatten-Windsor gerade jetzt festgenommen?
Seit bald 20 Jahren gibt es Hinweise und Belege, dass der ehemalige Prinz im engsten Kreis eines Sexualstraftäters verkehrte. Zudem kursieren seit einigen Jahren konkrete Missbrauchsvorwürfe. Interessanterweise erreichte erst die Weitergabe von diesen vertraulichen Regierungsdokumenten die Hürde, dass es zu einer polizeilichen Anhörung kam. Alle wussten eigentlich, was da läuft – auch die Königsfamilie. Seit Jahren wissen sie, dass sich Onkel Andrew alles andere als adelig oder edel benimmt. Ich bin überzeugt, dass diese Geschichte das Königshaus noch lange beschäftigen wird.
Inwiefern fällt diese Geschichte auf das britische Königshaus zurück?
Die royale Show geht weiter: Der König war gestern an einer Modeschau, seine Schwester Princess Anne besuchte sinnigerweise ein Gefängnis. Der Palast veröffentlichte im Namen Seiner Majestät ein Communiqué. Es war Schadensbegrenzung. Die Wortwahl zeigt: Das Königshaus distanziert sich maximal vom Bruder, vom ehemaligen Prinzen und diesem missratenen Onkel. Es ist nichts anderes als eine Rettungsaktion für die Monarchie.
Wie geht es nun weiter mit dem ehemaligen Prinzen?
Seit Monaten distanziert sich die Königsfamilie von ihm: Da war die Degradierung und dann die Abschiebung in die Provinz aus dem Scheinwerferlicht. Der Biograf Andrew Lownie, ein Historiker, der den Aufstieg und Fall von Andrew Mountbatten-Windsor eng begleitet hat, sagte mir, er würde sich nicht wundern, wenn der ehemalige Prinz das Land verlässt. Ein öffentlicher Gerichtsfall würde das Königshaus weiter beschädigen. Darum könnte gemäss Lownie der ehemalige Prinz in den nächsten Monaten, mit Hilfe des Palastes, ins Exil gehen, zum Beispiel nach Dubai.
Liefert dieser jüngste Vorfall den Todesstoss für die britische Monarchie?
Ich denke nicht, dass Andrew Mountbatten-Windsor diese 1000-jährige Institution kippen kann. Die Monarchie hat jedoch nicht mehr den gleichen Rückhalt wie früher. Ich vermute eine Verschlankung, zum Beispiel auf das königliche Kernpersonal. Bereits die verstorbene Queen hatte Mühe, diese dysfunktionale Familie auf Kurs zu halten. Weil man kann ein Amt oder einen Titel vererben, aber die Eignung, dieses Amt dann auch würdig auszufüllen, offenbar nicht.