Die Fussball-WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada wird die grösste der Geschichte. Gleichzeitig wächst die Kritik: Amnesty International warnt in einem neuen Bericht vor Überwachung, Einreisebeschränkungen und anderen Risiken für Fans. Ein Sportjournalist, der sich seit Jahren mit der politischen Dimension des Fussballs beschäftigt, ordnet die Lage ein.
SRF News: Wird die Fifa ihrem Anspruch gerecht, sich für Menschenrechte einzusetzen?
Ronny Blaschke: Wenn man der Fifa glaubt, haben Menschenrechte eine grosse Bedeutung. Das wird zumindest in Kommissionen und auch in Nachhaltigkeitsberichten formuliert. Das hat sie aber nicht daran gehindert, diese WM 2018 in Russland und 2022 in Katar abzuhalten. Jetzt gehen wir nach Nordamerika, vor allem in die USA. Das ist eine Demokratie, aber zunehmend mit autoritären Zügen. Es gibt mehrere Nationen, die sich für die WM qualifiziert haben, unter anderem Senegal, auch Haiti, aus denen Fans praktisch nicht in die USA einreisen dürfen. Und dann ist da ein anderes Thema: Überwachung. Amnesty kritisiert, dass die US-Behörden mit KI-gestützten Programmen die Social-Media-Kanäle von WM-Fans durchleuchten wollen. Das sind nur zwei Themen von vielen, zu denen sich die Fifa kaum äussert.
Präsident Gianni Infantino betont zwar die politische Neutralität, bewegt sich aber selbst stark im politischen Umfeld, etwa mit Kontakten ins Weisse Haus.
Hat die Fifa überhaupt ein echtes Interesse daran, Menschenrechte durchzusetzen?
Die Fifa hat vor allem ein Interesse daran, dass die WM reibungslos abläuft – ohne Skandale und ohne Sicherheitsprobleme –, denn die WM ist eine Cashcow. Präsident Gianni Infantino betont zwar die politische Neutralität, bewegt sich aber selbst stark im politischen Umfeld, etwa mit Kontakten ins Weisse Haus. Gleichzeitig kommt wenig Druck von den Mitgliedsverbänden – viele stammen aus nichtdemokratischen Staaten.
Wie abhängig ist die Fifa von einer erfolgreichen WM in den USA?
Sehr stark – vor allem finanziell. Die WM ist die wichtigste Einnahmequelle der Fifa. Mit 48 Teams gibt es mehr Spiele, mehr Einnahmen aus TV-Rechten, Sponsoring und Tickets. Die Fifa rechnet mit rund neun Milliarden Dollar Einnahmen, das ist deutlich mehr als bei der letzten WM. Entsprechend gross ist auch das Interesse von Sponsoren und Ligen weltweit.
Und welche Bedeutung hat die WM für die USA selbst?
Für die USA ist die WM weniger eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aber politisch durchaus relevant. Präsident Donald Trump steht innenpolitisch unter Druck, und das Turnier bietet eine grosse Bühne. Während des Turniers ist zum einen der 250. Geburtstag der USA, aber auch der 80. Geburtstag von Trump selbst. Und da können wir uns sicherlich darauf einstellen, dass es sehr viele «America First»-Anlässe geben wird, alles in allem definitiv eine «Trump-WM».
Werden die Fans die Kritik am Ende trotzdem ausblenden?
Wahrscheinlich schon. Es wird zwar kritische Stimmen und Veranstaltungen geben, aber ein breiter politischer Widerstand ist eher nicht zu erwarten. Viele Länder sind politisch und wirtschaftlich eng mit den USA verbunden. Die WM dürfte deshalb auch als PR-Plattform genutzt werden – mit vergleichsweise wenig Gegenwind.
Das Gespräch führte Susanne Stöckl.