Israel befindet sich seit bald drei Jahren im Krieg, das Land ist in einer Art dauerhaftem Ausnahmezustand. Und: Der Krieg kostet. Umso mehr mag es überraschen, dass die israelische Wirtschaft deutlich wächst. Die israelische Zentralbank erwartet ein Wachstum von knapp vier Prozent in diesem Jahr. Der Journalist und Nahostkenner Richard C. Schneider erklärt die Hintergründe.
SRF News: Was ist der Haupttreiber des israelischen Wirtschaftswachstums?
Richard C. Schneider: Der Hauptteil des Wachstums ist natürlich die gesamte Verteidigungsindustrie, die, so zynisch das klingt, von diesen Kriegen im Moment profitiert, weil sie über eine ganze Reihe von Waffensystemen verfügt oder diese in den letzten Jahren entwickelt hat, die unter den realen Kriegsbedingungen getestet werden konnten.
Der Boom und der Run auf israelische Waffensysteme sind extrem gross.
Das ist zynisch, gar keine Frage. Aber es ist genau das, was natürlich diejenigen, die dann solche Waffensysteme kaufen, haben wollen. Sie können sagen: Okay – was wir da einkaufen, hat sich bewährt. Insofern sind der Boom und der Run auf israelische Waffensysteme extrem gross.
Also Aufrüstung und Exporte in andere Länder?
Innerhalb des eigenen Landes ohnehin. Aber es sind vor allem auch die Exporte. Die Auftragsbücher der wichtigsten Unternehmen der Waffenindustrie Israels sind mit Rekordaufträgen gefüllt. Es geht um Milliardengeschäfte weltweit. Noch einmal: Es klingt wirklich zynisch, dass dieser Krieg zumindest der Waffenindustrie grosse Vorteile gebracht hat, was mit dazu beiträgt, dass das Bruttosozialprodukt Israels steigt, und zwar mehr, als das vieler europäischer Länder.
Warum ist gerade Israel für den Hightech-Sektor, für diese Digitalwirtschaft, so interessant?
Israel ist ja schon seit vielen, vielen Jahren eine Start-up-Nation, also eine Nation, die neben Silicon Valley die höchste Anzahl an Neuerfindungen, an Start-ups und Entwicklungszentren hat. Man arbeitet sehr eng mit Silicon Valley zusammen, da gibt es einen regen Austausch. Dann kommt dazu, dass natürlich auch in Israel das Militär diesbezüglich eine grosse Rolle spielt. Es gibt eine Tech-Einheit, die heisst auf Hebräisch «shmone matayim 8200». Das ist mit eine der besten Tech-Ausbildungsstätten der Welt. Die Leute, die aus dieser Militäreinheit herauskommen, sind auch die zukünftigen Unternehmer im Hightech-Bereich. Dafür ist Israel bekannt. Insofern wird Israel auch weiterhin ein immens wichtiger Ansprechpartner für die Welt sein, die dann solche Produkte braucht.
Die israelische Wirtschaft wächst. Spürt die Bevölkerung etwas davon?
Nur zum Teil. Allerdings können wir auch beobachten, wie in Israel etwa der Einzelhandel zusammenbricht.
Es gibt schon auch diese andere Seite, dass dieser Krieg bei sehr, sehr vielen Menschen grosse wirtschaftliche Probleme ausgelöst hat.
Das beginnt bei Restaurants und bei der Hotellerie. Das hat einerseits natürlich mit dem fehlenden Tourismus zu tun, aber auch damit, dass die Menschen nicht mehr so viel Geld in der Tasche haben, dass die Männer ständig auch im Reservedienst sind, dass sie ihre kleinen Geschäfte nicht aufrechterhalten können, dass sie in Schulden geraten. Es gibt schon auch diese andere Seite, dass dieser Krieg bei sehr, sehr vielen Menschen grosse wirtschaftliche Probleme ausgelöst hat. Wie sich das weiterentwickelt, hängt wirklich davon ab, ob es Ruhe geben wird in der Region – und ob diese Kriege irgendwann wirklich vollständig beendet werden.
Das Gespräch führte Brigitte Kramer.