Der letzte Sirenenalarm ist an diesem Dienstagnachmittag noch keine 24 Stunden her: Der Iran griff Israel erneut an, nachdem die israelischen Streitkräfte die libanesische Hauptstadt Beirut angegriffen hatten.
Im Zentrum Jerusalems ist der Frust über dieses Hin und Her gross. «Es ist traurig und schockierend. Besonders, weil wir nichts daraus lernen», sagt ein Mann, der vor einer Quartierbeiz sitzt.
«Alles Marionetten»
Am gleichen Tisch sitzen zwei Paare: Sie nicken nur und überlassen ihrem Freund das Wort. «Es geht ihnen nur um die Wirtschaft. Da heisst es, im Iran hätten wir alles zerstört, und in drei Monaten sind wir wieder gleich weit und der Krieg beginnt von vorn.»
«Trump, Netanjahu – alles Marionetten», fährt der Mann fort. «Ein paar wenige regieren die Welt und wir sind die Sklaven.» Den Krieg zu beenden, bevor die Kriegsziele erreicht seien: Das frustriert den Familienvater, der seinen Namen nicht nennen will.
Ganze Familien sind in der Armee, im Krieg. Ich habe Freunde, die haben schon 600 Diensttage geleistet!
Die Opfer, die die Israeli in bald drei Jahren gebracht hätten, seien für nichts gewesen. «Wir sind gläubig, wir vertrauen auf Gott.» Aber die Situation im Land sei schwierig: zu Hause, wirtschaftlich und bezüglich Sicherheit. «Ganze Familien sind in der Armee, im Krieg. Ich habe Freunde, die haben schon 600 Diensttage geleistet!»
Eine ältere Jüdin sitzt allein in ihrem Kunstgeschäft. Auch sie regt sich über Trump auf. «Wir sind ein eigenständiges Land. Israel ist nicht der 51. Stern auf der US-Flagge», sagt die Frau, deren Enkel beide in der Armee dienen. «Mit allem Respekt, was Trump für uns getan hat: Er versteht die Gefahr nicht, die von der Hamas, der Hisbollah und dem Iran ausgeht. Wir müssen sie alle vernichten – dann wäre ich glücklich.»
Sie hassen uns einfach! Dabei sind wir doch gute, grosszügige Menschen, und wir lieben auch Araber, wenn sie gute Menschen sind.
Das eigentliche Problem sei der Islam und seine Führer, welche überall auf der Welt die Herrschaft übernehmen wollten – auch in Europa. Eine Meinung, die in Israel weitverbreitet ist.
Hinzu kommt das Gefühl, als winziger jüdischer Staat von Feinden umgeben zu sein. «Sie hassen uns einfach», sagt die Frau. «Dabei sind wir doch gute, grosszügige Menschen, und wir lieben auch Araber, wenn sie gute Menschen sind.»
Die Frau lehnt in ihrem Bürostuhl zurück und seufzt. Sie redet über die verfahrene Situation, über ihre Trauer, wenn Soldaten getötet werden, und über ihren Wunschtraum, diese Kriege ein für alle Mal zu beenden, wie es Netanjahu versprochen hat. Stattdessen bekämpften sich jetzt Juden und Jüdinnen auch noch gegenseitig: Linke und Rechte, Ultraorthodoxe und weniger Religiöse.
Ein paar Türen weiter sitzt eine Näherin allein in ihrem Geschäft. Wie alle, die an diesem Nachmittag bereit zu einem Gespräch sind, findet sie Trumps Entscheid, mit dem Iran ein Rahmenabkommen zu vereinbaren, falsch und gefährlich für Israel. Auch wenn sie möchte, dass die Kriege aufhören, und sie ihr Mitgefühl für die unschuldigen Opfer im Gazastreifen, in Libanon und im Iran ausdrückt.
Wir sind Überlebende, aber die Welt versteht nicht, in welcher Situation wir sind.
Am meisten möchte sie aber keine Angst mehr haben müssen: vor Raketen, Drohnen oder Angriffen wie am 7. Oktober 2023. «Im Traum sehe ich die Hamas-Geiseln, Menschen, die ein normales Leben gelebt haben, und nach ihrer Entführung ihren Verstand, ihre Seelen verloren haben. Oder ich sehe die Soldaten im Libanon, wie einer nach dem anderen von Drohnen gejagt und getötet wird.»
«Wir haben genug. Wir wollen unsere Kinder endlich in Frieden grossziehen», sagt die Frau. Auf die Frage, ob sie glaubt, dass Gewalt allein Frieden bringt, hat sie keine Antwort.