Die Journalistin Nidal lebt in der israelischen Hafenstadt Haifa. Ihren Nachnamen möchte sie, wie viele palästinensische Staatsbürgerinnen und -bürger Israels, lieber nicht überall nennen. Denn im Krieg gerät man als Teil der arabischen Bevölkerungsminderheit schnell unter Pauschalverdacht.
In Haifa ist diese Minderheit grösser als in den meisten anderen israelischen Städten. Auf die Frage, wie es ihr derzeit gehe, schickt sie als Antwort ein akustisches Stimmungsbild: Kaum parkiert sie ihr Auto im Zentrum der Stadt, gehen die Sirenen los. Raketenalarm.
Schutz suchen vor Raketen in einem Café
Nidal tut, was alle anderen auch tun: Sie sucht atemlos einen geschützten Ort. Der Luftschutzraum ist zu weit weg, also rennt sie in ein Café. «Was für ein Chaos», sagt dort ein Mann auf Hebräisch. Die Handyaufnahme der Journalistin bricht ab.
Nach ein paar Minuten folgt eine Sprachnachricht von Nidal. Zu hören ist die 26-jährige Anwältin Lama, mit der Nidal im Café ein Interview geführt hat. Lama suchte, wie viele andere auch, wegen des Luftalarms Sicherheit im Café.
«Meine Generation, unsere Kinder, haben hier keine Zukunft, alle wollen weg oder sind schon gegangen», sagt Lama. «Jedes Jahr haben wir Krieg.» Und wenn gerade nicht Krieg sei, gebe es Probleme zwischen den Arabern und den Juden.
Ich bin jung, und was habe ich in meinem Leben gesehen? Nur Gewalt und Druck.
«Obendrauf kommen noch die alltäglichen Probleme: Stress mit der Arbeit, Familien- und Eheprobleme. Wir rennen zum Luftschutzraum und leben in ständiger Angst. Das ist doch nicht normal. Ich bin jung, und was habe ich in meinem Leben gesehen? Nur Gewalt und Druck.»
Selten könne man Ferien machen im Ausland, um etwas Luft zu schnuppern, so Lama. «Doch dann kommen wir zurück zu Krieg, Luftschutzräumen und negativen Energien.» In Israel gebe es nur Gewalt, politische Probleme – und keine Stabilität.
Hoffen darauf, dass das der letzte Krieg ist
Kurz darauf die nächste Sprachnachricht von Nidal. Sie hat mit dem 65-jährigen George gesprochen, der das Ende des Raketenalarms in seinem Weingeschäft abgewartet hat. Er klingt gelassener als Lama.
Hier sind meine Familie, meine Freunde, meine Mentalität.
«Klar macht das alles Angst», sagt George. «Aber ich hoffe, es wird der letzte Krieg sein. Danach gibt es Frieden.» Der Nahe Osten müsse neu aufgestellt werden, damit es Frieden in der Region gebe, betont er.
Im Moment seien rundum alle Länder vom Krieg betroffen, und alle Menschen durchlebten schwierige Zeiten. Auswandern komme für ihn nicht in Frage: Er sei weit gereist – aber nirgendwo sei das Leben wie in seiner Heimat Israel. «Hier sind meine Familie, meine Freunde, meine Mentalität.»
Es gelte daher, noch diesen Krieg zu überstehen – dann komme der Frieden, sagt George, und beschwört Gott und die heilige Jungfrau Maria.