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Jahreswirtschaftsbericht 2026 Deutschland wartet weiter auf deutlichen Wirtschaftsaufschwung

Deutschland muss noch länger auf einen deutlichen Wirtschaftsaufschwung warten. Letztes Jahr ist die deutsche Wirtschaft kaum merklich gewachsen. Das Wirtschaftswachstum lag bei lediglich +0.2 Prozent. Für dieses Jahr erhoffte man sich bisher wenigstens ein Wachstum von 1.3 Prozent. Doch heute musste die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Hoffnungen bereits wieder dämpfen. Bei der Vorstellung des jährlichen Wirtschaftsberichts stellte Reiche noch einen Prozent Wachstum für 2026 in Aussicht. SRF-Deutschlandkorrespondentin Simone Fatzer schätzt die Situation ein.

Simone Fatzer

Deutschland-Korrespondentin

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Simone Fatzer arbeitet seit 1998 für Radio SRF, unter anderem als Moderatorin der Sendung «Echo der Zeit» und als Dossierverantwortliche für Deutschland. Seit September 2021 ist sie Korrespondentin in Berlin.

Warum haben sich die wirtschaftlichen Aussichten erneut eingetrübt?

Die Wirtschaft schrammte letztes Jahr nur haarscharf an der Stagnation vorbei. Entsprechend wurden die Prognosen gesenkt. Wachstum kam primär durch staatliche Ausgaben aus schuldenfinanzierten Sondervermögen für Verteidigung und Infrastruktur zustande. Deren nachhaltige Wirkung ist offen und nicht so rasch spürbar. Private Investitionen fehlen weiter. Der Export bleibt massiv unter Druck, wegen der US-Handelspolitik und der wachsenden Konkurrenz aus China.

Publikation des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie

Mit welchen Massnahmen will die Bundesregierung Wachstum erzielen?

Es handele sich um keine Reformagenda, sagt die Wirtschaftsministerin. Sie verweist auf Reformziele, die in Arbeit seien, etwa zur Rente. Auch die kürzlich vorgestellten Ziele zur Vereinfachung und Modernisierung des Sozialstaats stehen erst am Anfang. Bei den Energiekosten gab es Entlastungen wie die Stromsteuersenkung oder Zuschüsse – aber ein Industriestrompreis ist erst versprochen. Vieles bleibt offen. Bisher ist es nicht gelungen, die Stimmung in der Wirtschaft zu heben.

Katherina Reiche von der CDU mit dunklem Haar vor blauem Hintergrund.
Legende: Die aktuelle Prognose liegt auf dem Niveau von Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck. Damals hatte die Opposition über den Unionspolitiker gespottet. Nun steht die eigene CDU-Wirtschaftsministerin (im Bild) am gleichen Punkt. imago images / Andreas Gora

Hat die Regierung ihre Reformversprechen eingelöst?

Die Regierung fällt mit grossen Versprechen auf, nimmt sie später jedoch oft wieder zurück oder schwächt sie deutlich ab. Beim Bürgergeld etwa wurden Einsparungen von fünf Milliarden Euro angekündigt. Jetzt sind es nur rund 85 Millionen. Das ist bei einem Haushalt von 480 Milliarden kaum erwähnenswert. Gleichzeitig wächst der Druck aus der Wirtschaft auf Wirtschaftskanzler Merz. Die Wirtschaft erwartet nicht weniger als eine wirtschaftspolitische Wende. Doch grosse Reformen sind in der Koalition aus CDU/CSU und SPD nicht einfach, auch wegen des Dauerwahlkampfs.

Friedrich Merz mit Brille und Anzug berührt seinen Kopf.
Legende: Nach seinem Amtsantritt letztes Jahr hat sich der Bundeskanzler noch sehr ambitioniert gezeigt: Es gehe um nichts weniger als die Zukunft des Landes, sagte er, und es stünden tiefgreifende Reformen an. Reuters / Liesa Johannssen

Warum fokussiert die Regierung auf Nebenschauplätze wie Arbeitsverhalten und Krankheitstage?

Die Regierung sucht Ansatzpunkte, um die Produktivität zu steigern. Die Lohnkosten und die Sozialkosten etwa sind hoch, der Krankenstand ebenso. Im Schnitt arbeiten die Deutschen pro Woche 33 Arbeitsstunden. Dann lassen sich Kanzler Merz und seine Leute zu populistischen Ideen hinreissen. Von der sogenannten «Lifestyle-Teilzeit» hat sich die Regierung jetzt aber distanziert. Die Regierung zeigt auch oft auf jene, die das System ausnutzen, also Faule gegen Fleissige. Das wirkt spaltend. Am Ende dürfte der ökonomische Effekt solcher Massnahmen kleiner sein, als der Trommelwirbel zunächst glauben macht. Letztlich wirkt es so, als versuche die deutsche Regierung zu schrauben, damit sie nicht umbauen muss.

CDU-Wirtschaftsflügel will «Lifestyle-Teilzeit» abschaffen

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In den vergangenen Wochen haben Regierungsmitglieder immer wieder neue Debatten angestossen – etwa zur sogenannten «Lifestyle-Teilzeitarbeit».

Am Wochenende hatte ein Vorstoss der Mittelstandsvereinigung (MIT) der CDU für Aufregung gesorgt, den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit einzuschränken.

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion möchte, dass Teilzeitarbeit nur noch bei wichtigen Gründen möglich ist – etwa wenn Angehörige gepflegt oder Kinder betreut werden müssen. Der Vorschlag ziele auf rund 25 Prozent der Personen, die Teilzeitarbeit als Teil ihrer «Work-Life-Balance» wählten, betonte die MIT. In Anbetracht des Fachkräftemangels sei dies ein zunehmendes Problem – weshalb die MIT hier auch eine Kombination mit Sozialleistungen ablehnt.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat sich für mehr Vollzeitarbeit in Deutschland ausgesprochen, ohne sich aber hinter einen Vorstoss der Mittelstandsunion zur Einschränkung des gesetzlichen Anspruchs auf Teilzeitarbeit zu stellen. «Es ist richtig, dass die Arbeitsproduktivität in Deutschland gesteigert werden muss», sagte die CDU-Politikerin am Montag in Hamburg auf eine entsprechende Frage. Zwar unterscheide sich die Arbeitsproduktivität nicht wesentlich von den USA, aber die Wochen- und Monatsarbeitszeit sei im Vergleich zu anderen europäischen Staaten geringer. Deshalb sei es gut, wenn man mehr Vollzeitarbeit mit Betreuungsmöglichkeiten für Familien oder pflegebedürftige Angehörige kombinieren könne, sagte die Wirtschaftsministerin. Es wäre gut, mehr Vollzeitarbeitsplätze zu haben.

(Agenturen)

Echo der Zeit, 28.01.2026, 18 Uhr ; 

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