Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Journalismus unter Druck Serbien: Letzte unabhängige Medien in Gefahr

Mehrere regierungskritische Medien werden verkauft – an einen Vertrauten Orbans. Verstummen die letzten kritischen Stimmen?

Serbien sei eine mediale Wüste einheitlicher, von der Regierung kontrollierter Medien, sagt der freischaffende Publizist Thomas Brey. «Sprachregelungen und Themen werden von der Regierung direkt vorgegeben», so Brey, der an verschiedenen deutschen Universitäten lehrt und die Berichterstattung der serbischen Medien seit Jahren analysiert.

Es gebe zwar Unterschiede im Stil. Doch die Kernbotschaft bleibe dieselbe. Staatspräsident Aleksandar Vucic werde glorifiziert, seine Kritiker und Kritikerinnen dagegen mit persönlichen Attacken dämonisiert.

Kritische Medien werden als Terroristen bezeichnet

Dieser Maschinerie stehen nur einige wenige, von der Regierung unabhängige Medien gegenüber. Das grösste ist der TV-Sender N1. Der mit CNN verbundene überregionale Newssender ist bekannt für seine regierungskritische Berichterstattung.

Mann umgeben von Menschen mit Mikrofonen auf einer Strasse.
Legende: Der serbische Präsident Aleksandar Vucic wird während einer regierungsfreundlichen Kundgebung im vergangenen September von Medienvertretern umringt. Mehrere Mikrofone sind zu sehen, ein N1-Mikrofon jedoch nicht. REUTERS / Djordje Kojadinovic

Doch man sei deshalb kein Oppositionssender, sagt Sanja Sovrlic, die für N1 in Belgrad arbeitet. Sie würden einfach kritische Fragen stellen und über gesellschaftlich relevante Themen berichten. Dabei halte man sich an journalistische Standards.

Das macht N1 in den Augen von Präsident Aleksandar Vucic zu Terroristen. Regelmässig bezichtigt er den Sender zudem auch der Lüge. «Damit wird eine Atmosphäre geschaffen, in der physische und verbale Attacken auf Medienschaffende zunehmen», sagt TV-Journalistin Sovrlic. Laut Reporter ohne Grenzen gab es in Serbien im letzten Jahr mindestens 83 körperliche Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten.

Neuer Besitzer weckt Sorgen

Die regelmässigen verbalen Attacken gegen N1 zeigen auch, wie sehr der Sender der Regierung ein Dorn im Auge ist. Sie will ihn unter ihre eigene Kontrolle bringen. So wurde immer wieder Druck auf die Eigentümer ausgeübt, N1 zu verkaufen. Die Belegschaft protestierte mehrmals lautstark gegen eine mögliche Übernahme und warnte vor einem Ende der redaktionellen Freiheit.

Menschenmenge bei einer Kundgebung vor einem Gebäude mit Schild.
Legende: Auch besorgte Bürgerinnen und Bürger unterstützten die Angestellten von N1 bei den Protesten in Belgrad. (Bild: 14.04.26) IMAGO / Aleksandar Djorovic

Trotz der Proteste kam es vor ein paar Wochen zum Verkauf. Die Alpac Capital, die N1 übernommen hat, gehört dem portugiesischen Geschäftsmann Pedro Vargas David. Er ist ein enger Vertrauter von Ungarns Ex-Premier Viktor Orban und hat vor ein paar Jahren bereits den TV-Sender Euronews gekauft. Die Berichterstattung ist seither gegenüber autokratischen Staatschefs wie Vucic deutlich milder geworden.

N1-Redaktion kämpft um Unabhängigkeit

In Serbien befürchten daher nun viele das Ende der kritischen Berichterstattung auf N1. Bislang arbeiteten sie weiter wie immer, sagt Sanja Sovrlic. Sollten die neuen Besitzer jedoch anfangen, sich ins journalistische Tagesgeschäft einzumischen, wäre die Belegschaft bereit, sich erneut zu wehren, betont die Journalistin.

Für Publizist Thomas Brey hätte ein Ende von N1 katastrophale Folgen. Der unabhängige Journalismus in Serbien wäre damit noch mehr geschwächt.

Echo der Zeit, 27.6.2026, 18 Uhr

Meistgelesene Artikel