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Impfstoff gegen Covid-19: Eine Reportage aus Südafrika
Aus SRF 4 News aktuell vom 08.01.2021.
abspielen. Laufzeit 06:00 Minuten.
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Kampf gegen Covid-19 Afrika kommt bei der Verteilung der Impfdosen zu kurz

Nur zwei Länder können das Produkt von Pfizer/Biontech lagern – AstraZeneca beliefert den Kontinent 2021 überhaupt nicht.

In einer Halle in Kapstadt steht ein riesiger Block. Es ist eine sogenannte Biobank, eine Art wissenschaftlicher Kühlschrank. Röhrchen mit Proben werden hineingeschoben. «Das sind Blutproben, also genetisches Material. Das wird für die Forschung verwendet», sagt Gerhard Walzl. Er leitet das Biomedizinische Forschungsinstitut an der Stellenbosch Universität.

Die Biobank ist einzigartig auf dem afrikanischen Kontinent und zudem einer von nur drei Orten in Südafrika, an dem der neue Impfstoff von Pfizer/Biontech fachgerecht bei minus 70 Grad aufbewahrt werden kann. In Afrika ist das sonst nur noch in Nigeria möglich. Auf dem Kontinent wurden in den letzten zwei Jahren mit privaten Mitteln mehrere Biobanken gebaut, um der Europa-Lastigkeit in der Genforschung entgegenzuwirken.

Impfstofftestzelt in Südafrika
Legende: Die Impfstoffe gegen Covid-19 wurden getestet – im Fall von Pfizer/Biontech allerdings vor allem an Weissen. Schwarze waren im Test in der Unterzahl und Forschende haben Sorge, dass der Stoff bei ihnen weniger wirksam oder sogar gefährlich sein könnte. Keystone

78 Prozent der weltweit zu Forschungszwecken verwendeten Proben in Biobanken stammen von europäischen Spendern, nur zwei Prozent von Afrikanerinnen und Afrikanern. Das heisst, die Genforschung beruht auf Wissen, das bestenfalls unzureichend, schlimmstenfalls fehlerhaft ist.

«Verschiedene Populationen reagieren anders auf Medikamente oder Krankheiten», erklärt Walzl. Denn obwohl das Erbgut aller Menschen zu 99.9 Prozent identisch ist, unterscheiden sich die restlichen 0.1 Prozent gleich millionenfach in sogenannten Genvariationen.

Nicht alle Genvariationen bekannt

Das habe grosse Folgen, sagt Ananyo Choudhury vom Sydney Brenner Institute in Johannesburg. «Denn diese genetischen Variationen bestimmen auch, ob ein gewisses Medikament (oder ein neuer Impfstoff) bei einem Menschen wirkt oder nicht.» Das sei nicht garantiert.

In einer Studie hat Choudhury genetische Proben aus 13 afrikanischen Ländern untersucht und drei Millionen neue, bisher unbekannte Genvariationen nachgewiesen. «Die Genforschung ist weit entfernt davon, ein komplettes Bild vom menschlichen Erbgut zu haben», sagt er.

Jemand zeiht eine Spitze auf
Legende: Vorerst bekommt Afrika kaum Impfstoff. Diese Ungleichbehandlung ist nicht erst seit der Coronakrise so. Keystone

Allerdings finden in Afrika nur fünf Prozent aller klinischen Tests für neue Medikamente statt. Die meisten neuen Medikamente kommen auf den Markt, ohne je in afrikanischen Bevölkerungsgruppen getestet worden zu sein.

Pfizer/Biontech hat den Impfstoff gegen Covid-19 in Südafrika an 800 Probanden getestet. Das sind weniger als zwei Prozent der weltweit 43'000 Menschen, die an den Tests teilnahmen. Aus afrikanischer Sicht scheint der aussichtsreichste Kandidat aber ohnehin der Impfstoff von AstraZeneca zu sein. Er kann bei Kühlschranktemperatur gelagert werden.

Wirkstoff bis Ende Jahr ausverkauft

Leider hat AstraZeneca eine Lieferung für die Afrikanische Union für 2021 ausgeschlossen. Der Impfstoff ist bereits ausverkauft. Südafrikas Gesundheitsminister Zweli Mkhize hat dafür kein Verständnis: «Wir müssen diese Firmen auf ihre moralische Verantwortung hinweisen, auch für uns Dosen zur Verfügung zu stellen. Denn es geht hier nicht um Almosen.»

Sein Land würde ja für die Impfstoffe bezahlen. Pfizer/Biontech hat nun zumindest angeboten, dem afrikanischen Kontinent zwischen März und Ende dieses Jahres 50 Millionen Impfdosen für medizinisches Personal zu liefern. Die für Kapstadt können dann in der neuen Biobank gelagert werden. Für den Rest des Kontinents ist das Angebot allerdings wenig hilfreich. Die Mehrheit der afrikanischen Länder bleibt beim Corona-Impfstoff weiter aussen vor.

Diese Reportage wurde vom European Journalism Centre unterstützt.

SRF 4 News, 08.01.2021, 06:40 Uhr

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50 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Bucher  (DE)
    Impfdosen werden verkauft und nicht verteilt. Deshalb haben sich die Israelis mehr Dosen gesichert und bezahlt. Wer nicht bezahlt muss hinten anstehen. Das ist logisch und gilt auch für die Afrikaner.
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  • Kommentar von Werner Ammann  (W.A.)
    Noch eine Ergänzung zu diesem Artikel: 8.1.2020 Johannesburg – Südafrika bezieht im Januar und Februar 1,5 Millionen Dosen des Coronaimpfstoffes von Astrazeneca aus Indien (nachdem Südafrika Mitte Jahr noch alle Verhandlungen mit den Impfhersteller abgebrochen hat). Die Behauptung in diesem Artikel dass Astrazeneca Afrika nicht beliefert stimmt also nicht. Anscheinend produziere Indien diesen Impfstoff schon länger in Litzen und hat nach eigenen Angaben schon 40 Millionen davon produziert.
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  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Erst schnappen sich die Industrieländer afrikanischen Ländern die meisten materiellen Güter weg, jetzt auch noch diese Impfdosen. Es täte gerade europäischen Ländern, vor allem den reicheren, gut anstehen, mehr zu teilen: Geld, Wissen, ihnen mit mehr Demut begegnen.
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