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Legende: Video Wie es in Idlib aussieht abspielen. Laufzeit 00:45 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.07.2019.
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Kampf um Rebellenhochburg Die traurigen Tagebücher von Idlib

Der Krieg in Syrien ist vorbei? Von wegen. Im Nordwesten, bei Idlib, spielen sich grauenvolle Szenen ab. Ein Aktivist berichtet.

Seit April versucht Baschar al-Assads Armee mit russischer Unterstützung das nordsyrische Idlib unter seine Kontrolle zu bringen. Milizen leisten heftige Gegenwehr; vor allem islamistische Milizen, die der al-Kaida nahestehen.

Die Zivilbevölkerung, rund drei Millionen Menschen, lebt zwischen den Fronten und leidet. Am Dienstag waren die Angriffe wieder besonders verheerend. Ingenieur und Demokratieaktivist Ahmed beschreibt in einer Art Tagebuch aus Idlib regelmässig die Situation, trotz heftiger Bombenangriffe.

Bange Stunden der Ungewissheit

SRF hat versucht, ihn per Telefon zu erreichen. Abgemacht war ein Gespräch am Vormittag. Doch zur vereinbarten Zeit gibt Ahmed keine Antwort.

Syrische Flüchtlinge an der türkischen Grenze (2015)
Legende: Seit Jahren gleichen sich die Bilder: Dorf um Dorf, Stadt um Stadt werden belagert, ausgehungert und niedergeschossen. Die teils fanatischen Rebellen leisten Widerstand, oft bis zum bitteren Ende. Wer kann, flüchtet. Reuters/Archiv

Über Nachrichtenagenturen kommen erste Meldungen von Luftangriffen auf Maarat an-Numan, die Stadt, in der er wohnt. Um 10.25 Uhr Schweizer Zeit schreibt er via Whatsapp: «Sie haben die Stadt zerstört. Überall Leichen.»

Neun Minuten später schreibt er, er könne nicht reden. «Ich zittere, ich habe viele Freunde verloren.» Stunden vergehen. Nachrichtenagenturen, Hilfswerke und Aktivisten aus der Region berichten über immer mehr Tote. Bomben hätten den Markt der Stadt südlich von Idlib getroffen.

Ich machte mir Sorgen um die Kinder, rannte auf die Strasse, um das Auto zu suchen. Was ich sah, war schrecklich. Überall Trümmer und Leichenteile.
Autor: AhmedSyrischer Demokratieaktivist

Um 16.30 Uhr Schweizer Zeit kann Ahmed reden. Er erzählt, was er am Morgen erlebt hat. «Ich war zuhause, als der Fahrer unserer Schule mein Auto holte, um die Kinder in unser Schulungszentrum zu fahren», sagt Ahmed.

Sein Hilfswerk kümmert sich um traumatisierte und behinderte Kinder. Zwei Minuten später habe er die Explosion gehört, gleich nachdem der Fahrer losgefahren sei. «Ich machte mir Sorgen um die Kinder, rannte auf die Strasse, um das Auto zu suchen. Was ich sah, war schrecklich», sagt er. «Überall Trümmer und Leichenteile», fährt er fort, und stockt dann.

Flüchtlingscamp Atmeh an der Grenze zur der Türkei:
Legende: Vor einem Monat versuchte Ahmed mit seiner Familie in Richtung türkische Grenze zu fliehen. Aber laut der Unicef sind bereits 330'000 Menschen dorthin geflohen. Es gibt nicht genug Unterkünfte. Keystone

Über Funk warnt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte die Bevölkerung vor Helikoptern. Nur zwei Kilometer von seinem Wohnort entfernt werfen sie Bomben ab. Fassbomben seien es, sagt Ahmed. Er könne die Explosionen hören. «Am Morgen haben sie den Markt mit Bomben und Raketen im Wert von Millionen von Dollar getroffen – warum?», fragt er.

Ruhig bleiben und erste Hilfe leisten

Schon kommt über Funk die nächste Warnung. Diesmal trifft die Bombe wieder seine Stadt. Ahmed hört auf zu reden. Er wartet. In Sicherheit bringen kann er sich aber nicht. «Ich kann nirgendwo hinrennen, nur daheim bleiben», sagt er. Luftschutzkeller für die Bevölkerung gebe es keine.

Bilder vom 11. Juli, nach Luftangriffen südwestlich von Idlib.
Legende: Ständig kreisten Flugzeuge über Idlib, sagt Ahmed, und als die nächste Warnung kommt, bemerkt er: «Jetzt drehen sie durch.» Die Flugzeuge sind nun direkt über seinem Quartier. Er übersetzt, was er via Funk hört. Keystone

Nur rund ein Kilometer von seinem Haus entfernt schlägt die nächste Bombe ein. «Ich warte, bis ich mich beruhigt habe, dann gehe ich raus und versuche zu helfen», sagt er. Seine Stadt sei nicht ausgestattet für so viele Verletzte.

Niemand bekennt sich zum Angriff

Aktivisten machen neben den syrischen Streitkräften auch die russische Luftwaffe für die jüngsten Angriffe verantwortlich. Ahmed glaubt, sie rächten sich an der Zivilbevölkerung, weil es mit der Rückeroberung von Idlib nicht vorwärtsgehe.

Karte von Syrien, Damaskus und Idlib eingezeichnet
Legende: Maarat an-Numan, Ahmeds Heimatstadt, liegt in der Provinz Idlib, im Nordwesten Syriens. SRF

Das russische Militär bestreitet, an den Angriffen beteiligt gewesen zu sein. Die syrische Regierung hat sie bislang nicht kommentiert und spricht stattdessen von brutalen Gegenangriffen der Extremisten.

Die Verbindung wird immer schlechter. Nach der nächsten Funkwarnung verabschiedet sich Ahmed und legt auf. Wie viele Menschen gestern in Maarat an-Numan getötet und verletzt wurden, kann niemand mit Sicherheit sagen. Ahmed hat überlebt.

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36 Kommentare

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  • Kommentar von Sebastian Mallmann  (mallmann)
    @ S.Brunner: Wie wärs mit Extremistenhochburg? Das wäre deutlich zutreffender. In keinem europäischen Staat würde eine Region, in die sich tausende bewaffnete Extremisten (davon die Mehrheit Al-Kaida-nahe, Sie schreiben es ja selbst) als Rebellenhochburg bezeichnet. 2. Keine Propaganda? Bitte lesen Sie den Text unter Bild 1 (Frau mit Kopftuch): Regierungstruppen belagern, hungern aus, schiessen nieder; "Rebellen" leisten Widerstand. Das ist Schwarz-Weiss pur, genau so arbeitet Propaganda.
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Seit April versucht Baschar al-Assads Armee mit russischer Unterstützung das nordsyrische Idlib unter seine Kontrolle zu bringen. Die zivile Bevölkerung leidet immer mehr und den Bomben. Frage mich seit langer Zeit, woher Baschar al-Assads das Geld für das Kriegsmaterial für die Armee hat, auch das Geld für seinen Privatunterhalt. Die Russen werden sicher auch bezahlt von ihm. Dieser Geldfluss ist unerklärlich. Wer kann mich aufklären?
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    1. Antwort von m. mitulla  (m.mitulla)
      Eigenartig - für mich stände die Frage nach der Aufrüstung der "islamistische Milizen, die der al-Kaida nahestehen" zuerst auf der Liste der Fragen. Der Krieg schien fast zu Ende - bis, wie Phönix aus der Asche, die Milizen wieder zuschlagen. P.S. Assad ist der ordentliche Präsident in Syrien. Die "Assad-muss-weg-Koalition" sollte sich was schämen! Sie nutzt Krieg als Mittel zu politischem Zweck.
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  • Kommentar von Sebastian Mallmann  (mallmann)
    Idlib, den Rückzugsort der verschiedensten islamistischen Kämpfer als Rebellenhochburg zu bezeichnen, ist sehr verharmlosend. Will man uns hier ernsthaft weismachen, dass sich ein sogenannter "Demokratieaktivist" in einer von Djihadisten belagerten Region frei bewegen kann und alle Schuld bei Russland/Assad sieht, die Terroristen aber nicht mal erwähnt? Will sich SRF wirklich so fahrlässig der Gefahr aussetzen, unhinterfragt Kriegspropaganda von Extremisten zu verbreiten?
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    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Sebastian Mallmann Sehr geehrter Herr Mallmann

      In der Provinz Idlib leben schätzungsweise 3 Millionen Menschen. Die Dschihadisten, die die Provinz mehrheitlich kontrollieren, haben dort kein Kalifat im Stil des IS errichtet. Denn: es gibt unzählige verschiedene bewaffnete Milizen und Organisationen in der Provinz, die sich teilweise gegenseitig bekämpfen, weil sie auch unterschiedlich radikal sind. Die Stadt Maarat an-Numan gilt in diesem ganzen unüberblickbaren Chaos als eine «Hochburg» von Demokratieaktivisten in der Provinz. Die Stadt hatte – hat teilweise noch immer – so etwas wie eine Stadtverwaltung, die eben nicht von Dschihadisten kontrolliert wird. Die Gruppierung Hayat Tahrir asch-Scham hat zwar in der Provinz die Oberhand, aber sie agiert laut Aussagen von Hilfswerken, Journalistinnen und Journalisten, Augenzeugen vor Ort ganz anders als der IS. Es gibt keine Kleidervorschriften, keine öffentlichen Hinrichtungen, die meisten Leute in der Bevölkerung werden – bislang jedenfalls – kaum in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, und auch nicht behelligt, wenn sie bei den Extremisten nicht eh schon auf der schwarzen Liste stehen – zum Beispiel haben es Christen definitiv schwerer, da las ich erst kürzlich von Berichten über Massaker/Hinrichtungen in Idlib. Für einen grossen Teil der Bevölkerung ist der Alltag – im Vergleich zum Leben im sogenannten IS-Kalifat – weniger von Kontrolle und Brutalität geprägt . In einer früheren Episode der Tagebücher aus Idlib hat Ahmed zudem darüber gesprochen, wie er die Extremisten genauso hasse wie die Truppen von Bashar Al-Assad. Gerne schicke ich Ihnen den Link zu der Episode, wenn sie möchten. Der Protagonist beschönigt die Situation nicht: die Angst vor Repression hat er – auch die Angst vor Repression der Extremisten.

      Was SRF macht, ist eben NICHT unhinterfragt Kriegspropaganda zu verbreiten: von keiner Seite. Das Bild, das Sie von Idlib haben, ist genau das Bild, das die syrische Regierung von der Provinz verbreitet. Damit sollen alle, die in Idlib wohnen, als Terroristen und Extremisten abgestempelt werden, die man am besten tötet. So schwarz-weiss ist die Lage bei weitem nicht. Der Protagonist der Tagebücher von Idlib ist selbstverständlich nicht neutral – das ist im Krieg niemand, und schon gar nicht in dieser Region. Aber er malt nicht schwarz-weiss. Was er beschreibt, ist das Leben in dem Ausnahmezustand, der Krieg für die Bevölkerung immer bedeutet, aus welchen Gründen und von wem auch immer er geführt wird.

      «Rebellenhochburg» ist tatsächlich keine ideale Bezeichnung. Aber, wie schon erwähnt: von den radikalsten Islamisten – inklusive IS – bis zur Milizgruppe von ein paar Dutzend kriminellen Bewaffneten, die nichts mehr zu verlieren haben, gibt es in der Provinz Idlib alles – und alles dazwischen. Diese Gruppierungen bekämpfen sich gegenseitig teils heftig. Eine Einheit sind sie nicht. Idlib als «Dschihadisten-Hochburg» zu bezeichnen, würde der komplexen Situation dort nicht gerecht. Aber SRF ist offen für treffendere Bezeichnungen – wenn Sie eine Idee haben.

      Mit freundlichen Grüssen,

      Susanne Brunner
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    2. Antwort von kurt trionfini  (kt)
      Ich danke Frau Brunner für ihren ausführlichen Zusatzbericht zu der Situation in Idlib. Ich finde in ihren Ausführungen das, was ich bei Herrn Mallmann meistens vermisse: Den Ideologiefreien Blick auf "Das, was wirklich ist": Einiges mehr als reines "Schwarz- Weiss" und "Gut und Böse". Den Blick auf "Das wie es sein sollte" kann ich bei Bedarf bei den einschlägigen Propaganda- Medien reinziehen...
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