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So wirkten die Kandidierenden auf den Experten
Aus SRF 4 News aktuell vom 30.08.2021.
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Kampf ums Kanzleramt «Baerbock und Laschet waren angriffslustiger»

Erstmals standen sich in Deutschland die zwei Kanzlerkandidaten und die -kandidatin im Fernsehen gegenüber: Armin Laschet von der CDU, Olaf Scholz von der SPD und die Grüne Annalena Baerbock. Frank Brettschneider ist Kommunikationswissenschaftler und Politologe und untersucht die Wahrnehmung und Wirkung von TV-Debatten. Er schaut dabei auf die rhetorische Strategie der Kandidatinnen und Kandidaten.

Frank Brettschneider

Frank Brettschneider

Kommunikationswissenschaftler

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Frank Brettschneider, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, hat auch einen Doktortitel in Politikwissenschaften.

SRF News: Was ist Ihnen von den Auftritten der drei Personen geblieben?

Frank Brettschneider: Das erwartbare rhetorische Vorgehen. Herr Scholz führt ja in Umfragen. Er konnte eigentlich ganz gut abwarten, während Frau Baerbock und Herr Laschet in der Defensive sind. Sie müssen schauen, dass sie aus ihrem Tief wieder herauskommen.

Scholz konnte sich das in aller Ruhe anschauen.
Autor:

Dementsprechend waren sie dann auch angriffslustiger und haben versucht, die Unterschiede zum jeweils anderen Kandidaten oder der Kandidatin deutlich zu machen. Sie waren tatsächlich aktiver im Sinne von Kritik. Scholz konnte sich das in aller Ruhe anschauen.

Hat man auch an der Sprechgeschwindigkeit oder der Lautstärke gemerkt, wie die Kandidatin und die Kandidaten sich verhalten haben?

Ja. Scholz ist nicht bekannt dafür, dass er der Schnellste ist oder der Dynamischste und Aktivste in Diskussionen. Das hat man schon gesehen. Damit transportiert er zweierlei. Einige sagen, er sei ein bisschen langweilig. Aber auf andere wirkt das solide, unaufgeregt. Dieses Zurückhaltende wird also auch als kompetent wahrgenommen.

Drei Debatten: Drei Chancen, gut abzuschneiden

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Bei den letzten Bundestagswahlen gab es ein Duell, das mehrere Sender ausgestrahlt haben. Diesmal gibt es drei Debatten, bei je einem grossen deutschen TV-Sender.

Damit verteile sich die öffentliche Aufmerksamkeit, sagt Frank Brettschneider. «Wenn jemand in einer Debatte nicht so gut ist, kann er das in der nächsten ausgleichen.» Aber die drei Debatten haben auch unterschiedliche Funktionen: «Gestern ging es vor allem darum, dass niemand patzt. Niemand durfte sich einen wirklich grossen Fehler erlauben, denn darüber wäre berichtet worden und die Person wäre wahrscheinlich raus aus dem Rennen.»

Das nächste Gespräch findet am 12. September statt, bei ARD und ZDF. «Das dürfte die grösste Reichweite haben», glaubt Brettschneider. «Da gucken dann vor allem Menschen zu, die politisch sehr interessiert sind und die auch viele andere Informationsquellen schon genutzt haben. Da wird es mehr um Details gehen.»

Am 19. September, eine Woche vor der Wahl, ist das dritte Gespräch. «Dieses werden vor allem diejenigen, die dann noch völlig unentschieden sind, dann vielleicht heranziehen, um sich eine Meinung zu bilden.»

Das zeigt auch die Umfrage: Nach dem TV-Gespräch wurden 2500 Menschen repräsentativ ausgewählt und befragt. Dabei schnitt Scholz mit 36 Prozent am besten ab. Dann kam Baerbock mit 30 und Laschet mit 25 Prozent.

Bei den letzten Bundestagswahlen waren es zwei Kandidierende, die gegeneinander antraten. Diesmal sind es drei. Hat das die Dynamik der Debatte verändert?

Ja, das war sehr deutlich. Einerseits ist es schwerer für die Moderatorin oder den Moderator, zu schauen, dass jeder und jede gleich grosse Redeanteile hat. Das ist gestern sehr gut gelungen. Aber vor allem hat man gemerkt, dass es immer wieder wechselnde Koalitionen gegeben hat. Mal hat Baerbock beide angegriffen und gesagt: ‹Das hier sind die Repräsentanten der amtierenden Grossen Koalition. Und wir, die Grünen, wollen das anders machen. Es geht um einen Wandel. Dafür stehe ich.›

Es gab durchaus immer wieder mal Schulterschlüsse, aber auch Abgrenzungen. Das hat es vergleichsweise lebendig gemacht.
Autor:

Dann gab es aber auch Situationen, in denen Baerbock und Scholz auf einer Seite standen. Etwa, als es um den Klimawandel ging. Laschet stand alleine auf der anderen. Er versuchte dann, Rot-Rot-Grün anzugreifen und zu sagen, es werde zum Problem, wenn die miteinander regieren. Es gab also durchaus immer wieder mal Schulterschlüsse, aber auch Abgrenzungen. Das hat es vergleichsweise lebendig gemacht.

Wie wichtig sind diese Debatten für die Kandidatinnen und Kandidaten?

Sie werden oft überschätzt, aber unwichtig sind sie trotzdem nicht. Zunächst dienen sie dazu, die eigenen Anhängerinnen und Anhänger zu mobilisieren. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Der gelingt auch meistens. Diejenigen, die SPD-Anhänger sind, finden Scholz am besten, egal, was er sagt. Die Grünen-Anhänger finden Baerbock am besten.

Im Wesentlichen ist es der Versuch, keinen grossen Fehler zu machen und damit Wählerinnen und Wähler zu verschrecken.
Autor:

Es geht auch um die unentschiedenen Wählerinnen und Wähler. Die kann man zu überzeugen versuchen. Dazu muss man aber deutlich besser auftreten als die anderen. Im Wesentlichen ist es der Versuch, keinen grossen Fehler zu machen und damit Wähler zu verschrecken.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

SRF 4 News, 30.08.2021, 07:20 Uhr;

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Deutscher Wahlkampf: Die AfD wird zulegen.

    Niemand unterstützt Parteien, von denen er sich sozial im Stich gelassen und kulturell verachtet fühlt. Deshalb hat die linksliberale Linke ihren Rückhalt und ihre Wählerinnen und Wähler in den nicht-akademischen Schichten weitgehend verloren. Viele Geringverdienende haben sich aus Enttäuschung ganz von der Politik abgewandt, andere wählen aus Wut und mangels Alternative heute rechts.
  • Kommentar von Willi Fetzer  ((:-))
    Da muss ich aber deutlich widersprechen! Ich war mein ganzes Leben lang für die SPD! Jedoch seit der Agenda Schröder 2010 und nun all die Jahre, wo SPD sie immer noch verteidigt und versucht sie schön zu reden, ist SPD endgültig für mich gestorben und unwählbar! Scholz hat den Verrat an den Bürgern weiter vorangetrieben und mit CUM CUM, CUM EX, WIRECARD den SARGDECKEL weiter zugenagelt! Ich wähle die LINKE, mit einer Kanzlerin SARA WAGENKNECHT !
    1. Antwort von Mec Tung  (MecTung)
      richtig so !!!
    2. Antwort von Domi Becker  (die etwas andere Sichtweise)
      @ Fetzer: Bravo, endlich sagt's jemand!
      Und erst die Rentenmisere: Da wurde die Riesterrente als Ergänzung schöngeredet und nun wird sie bei der Grundsicherung abgezogen. Eine Riesensauerei. Das bedeutet für über 40% der deutschen Rentner ab ca. 2030 Altersarmut!
      Nicht zu vergessen, dass die Grünen die Agenda 2010 etc. mitgetragen haben und sich auch nicht davon distanzieren.
      Ich bin Unternehmer, aber sozial/ökologisch. SPD/Grüne sind nicht wählbar, bevor sie das nicht ausbügeln wollen.
  • Kommentar von Patrick Lohri  (Patrick Lohri)
    Man könnte ja meinen, es gebe in Deutschland nur 3 Parteien und ein Privatsender gibt quasi die Auswahl vor! Fast ein wenig wie eine Kuschelrunde! Mit den Spitzenkandidaten von den anderen Parteien wäre die Debatte weitaus spannender gewesen!
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Patrick Lohri: Richtig. Es gibt noch die AfD, die FDP und die Linke. Es wäre aber ein extremer Strukturbruch, wenn eine dieser Parteien einen so hohen Stimmenanteil erreichen würde, dass sie den Kanzler / die Kanzlerin stellen könnten. Somit fokussieren sich die Privatsender auf diejenigen Kandidatinnen, welche eine reale Chance auf das Amt haben.