«Wir sind hier», rufen mehrere Dutzend Rohingya und halten Transparente in die Höhe. Alamgir hat die kleine Kundgebung organisiert und ein Video davon online geteilt. «Bitte vergesst die Rohingya nicht», sagt er im Videocall. Gerechtigkeit brauche halt Zeit.
Häuser angezündet und geschossen
Bald sieben Jahre sind seit der Klageerhebung durch Gambia vergangen. Inzwischen haben sich der Klage des mehrheitlich muslimischen Landes elf weitere Staaten angeschlossen, darunter Deutschland und Kanada. Diesen Monat haben die entscheidenden Anhörungen in Den Haag begonnen. Alamgir ist froh. Die Verantwortlichen könnten sich nicht mehr verstecken. Nun komme die Wahrheit endlich ans Licht.
Bewaffnete Gruppen kamen in unsere Dörfer, haben erst Menschen verprügelt, dann Häuser angezündet und geschossen.
Im gesamten Flüchtlingslager hätten die Menschen die Anhörungen verfolgt. «Ob sie Englisch können oder nicht, alle sind gebannt», erzählt Alamgir. Einer von ihnen ist Mohammed Johair. Er ist als Jugendlicher mit seiner Familie aus Myanmar geflüchtet. «Bewaffnete Gruppen kamen in unsere Dörfer, haben erst Menschen verprügelt, dann Häuser angezündet und geschossen», erinnert er sich.
Viele seiner Verwandten und Nachbarn seien in die Wälder gerannt, um sich zu verstecken. Eine UNO-Mission kam 2019 zum Schluss, dass Myanmars Regierung wahrscheinlich Völkermord begangen oder diesen zumindest nicht verhindert habe.
Mohammeds Flucht führte ihn über das grösste Flüchtlingslager der Welt in Cox's Bazar, Bangladesch, auf ein Schlepperboot nach Indonesien. Über zwei Wochen war er unterwegs. Die Reisen sind gefährlich, immer wieder kommt es zu Unfällen, Boote versinken im Meer. Seine Eltern und Geschwister musste er in Bangladesch zurücklassen.
Eine Verurteilung Myanmars, so sagt er, sei das Einzige, was ihm geblieben sei.
Myanmars Regierung weist Vorwürfe zurück
Ganz anders klingt es im Friedenspalast in Den Haag. Ein Vertreter Myanmars weist den Vorwurf des Genozids entschieden zurück und erklärt, der Fall werde aufgrund von beweisbaren Fakten entschieden, «nicht aufgrund von unbelegbaren Vorwürfen, emotionaler Sprache oder verschwommener Bilder».
Ursprünglich glaubten wir, Aung San Suu Kyi könnte als internationales Symbol für Menschenrechte die Lage der Rohingya verbessern.
Diese Haltung überrascht Zarni Soe nicht. Der langjährige Rohingya-Aktivist lebt im Exil in den USA und stellt klar, dass nicht nur die heutige Militär-Junta für die Unterdrückung verantwortlich sei. Die Massaker von 2017 fanden noch unter der Zivilregierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi statt. «Ursprünglich glaubten wir, sie könnte als internationales Symbol für Menschenrechte die Lage verbessern», so Zarni Soe.
Stattdessen verteidigte sie damals ihr Land gegen die Vorwürfe. Inzwischen wurde sie selbst vom Militär entmachtet und inhaftiert.
Bis das Gericht ein Urteil fällt, kann es noch lange dauern. Doch für Flüchtlinge wie Alamgir ist der Prozess schon jetzt ein wichtiges Zeichen. Er sagt, der Fall am Internationalen Gerichtshof zeige immerhin, dass die Welt die Rohingya noch nicht vergessen habe.