Wieder sind im Nordosten Syriens Kämpfe ausgebrochen zwischen Truppen der syrisches Übergangsregierung und den kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Dies, obwohl sich die Parteien am Wochenende auf eine Waffenruhe einigten. Die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt war nur von kurzer Dauer. Am Montag und Dienstag brachen erneut Gefechte aus.
Besonders besorgniserregend ist die Lage rund um Gefängnisse, in denen Tausende IS-Kämpfer inhaftiert sind. Inmitten der Kämpfe kam es zu Ausbrüchen. Während die Regierung in Damaskus von rund 120 entflohenen Häftlingen spricht, melden die Kurden, dass bis zu 1500 IS-Kämpfer entkommen konnten. Die Konfliktparteien schieben sich dafür gegenseitig die Schuld in die Schuhe und schüren Angst vor einem Wiedererstarken der Terrormiliz.
Kapitulation auf Raten
Das Abkommen vom Wochenende komme für die kurdischen SDF-Einheiten einer Kapitulation gleich, sagt Nanar Hawach, Syrien-Spezialist bei der Denkfabrik International Crisis Group. Ihre Kämpfer mussten sich aus strategisch und wirtschaftlich wichtigen Gebieten wie Rakka und dem ölreichen Deir ez-Zor zurückziehen. Dieser Niederlage ging ein monatelanges politisches Ringen voraus.
Jeder weitere Versuch von Damaskus, in die Kurdengebiete einzudringen, würde zu einem Überlebenskampf führen.
Seit März letzten Jahres wechselten sich Verhandlungen und militärische Offensiven ab. «Wann immer die Verhandlungen ins Stocken geraten sind, hat Damaskus eine neue Offensive gestartet», so Hawach. Mit jedem Vorrücken schwächte die syrische Armee die Verhandlungsposition der Kurden.
Zudem gelang es der Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa, arabische Stämme in den von Kurden kontrollierten Gebieten auf ihre Seite zu ziehen. Ohne den Rückhalt dieser Stämme und durch den Seitenwechsel zahlreicher arabischer Kämpfer in ihren Reihen verloren die SDF entscheidend an Boden.
Existenzängste im kurdischen Kernland
Die SDF mussten sich in ihre kurdischen Kerngebiete nahe der türkischen und irakischen Grenze zurückziehen. Die Aussenbeauftragte der kurdischen Selbstverwaltung, Elham Ahmed, beschreibt eine düstere Situation: Kurdische Städte wie Kobane und die De-facto-Hauptstadt Al-Hasaka seien nun von Regierungseinheiten umstellt.
Sie fürchtet, dass das Vorrücken der Regierungstruppen zu Chaos führen und der Kontrollverlust über die Gefängnisse ein Erstarken des IS begünstigen könnte.
Dies schürt existentielle Ängste bei der kurdischen Bevölkerung. «Jeder weitere Versuch von Damaskus, in die Kurdengebiete einzudringen, würde zu einem Überlebenskampf führen», bestätigt Hawach.
Hawach schliesst die Gefahr von Massakern, ähnlich wie gegen andere Minderheiten in der Vergangenheit, nicht aus. Die nächsten Tage, würden entscheiden, ob das kurdische Autonomieprojekt in einer Kleinstform überleben kann oder ob es zu einem neuen, blutigen Konflikt kommt.
Die syrische Übergangsregierung will nun den SDF vier Tage Zeit geben, um einen Plan für die praktische Integration der nordöstlichen Provinz Hasaka zu erarbeiten. Derweil versuchen türkische Kurden, bei einer Demonstration heute über die Grenze nach Syrien zu gelangen.