Der Libanon ist ein Mikrokosmos einer ganzen Weltregion. Auf der Fläche der Kantone Bern und Wallis vereint er die kulturelle und religiöse Vielfalt des Nahen Ostens. Seinen Reichtum, seine Schönheit, aber auch seine Abgründe und Zerrissenheit.
Euer Libanon ist ein politischer Knoten, ein nationales Dilemma, ein Ort der Konflikte und des Betrugs. Mein Libanon ist ein Ort der Schönheit.
Immer wieder wird der Vielvölkerstaat in den Sog von Konflikten gezogen. Er beherbergt Generationen palästinensischer Flüchtlinge, im Syrien-Krieg nahm der Libanon unzählige Menschen auf, die vor Assads Schergen und den Dschihadisten flohen.
Iran-Krieg reisst Libanon mit sich
Der libanesische Bürgerkrieg (1975-1990) kostete 150'000 Menschen das Leben. Seit Jahrzehnten bekämpfen sich die vom Iran alimentierte Schiitenmiliz Hisbollah und Israel. Im Gaza-Krieg marschierten im Süden des Landes israelische Truppen ein, die Hauptstadt wurde immer wieder Ziel von Luftangriffen.
Als die USA und Israel den Iran angreifen, soll alles anders sein. «Wir werden nicht akzeptieren, dass uns jemand in diesen Konflikt hineinzieht», erklärt Premierminister Nawaf Salam, als die ersten Bomben auf Teheran fallen. Es bleibt ein frommer Wunsch.
Im Auge des Sturms
Als Reaktion auf die Tötung von Ajatollah Ali Chamenei feuert die Hisbollah Raketen auf Israel. Es kommt, wie es kommen muss: Der Libanon wird erneut zum Kriegsschauplatz.
Die Hisbollah hat 100 Raketen Richtung Israel abgefeuert – auf einmal. Darauf hat Israel mit den massivsten Angriffen seit Kriegsausbruch geantwortet.
Israel schlägt mit aller Härte zurück: Der Libanon steht wieder unter Dauerbeschuss. Die Angriffe gelten laut der israelischen Armee Hisbollah-Zielen – oft treffen sie aber dicht besiedelte Wohngebiete. Nach staatlichen Angaben wurden bereits mehr als 600 Menschen getötet und fast 800'000 vertrieben. Israel hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, ganze Stadtteile Beiruts zu verlassen.
Die Wut auf die Hisbollah
Mitte Woche eskalierte die Lage weiter, wie die freie Journalistin Meret Michel aus der Hauptstadt berichtet: «Die Hisbollah hat 100 Raketen Richtung Israel abgefeuert – auf einmal. Darauf hat Israel mit den massivsten Angriffen seit Kriegsausbruch geantwortet.»
Die Wut auf die Hisbollah ist gross. Die Solidarität mit den zumeist schiitischen Vertriebenen bröckelt. «Weite Teile der Gesellschaft nehmen sie in Kollektivverantwortung und betrachten sie als Anhänger der Hisbollah», schildert Michel.
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Bild 1 von 3. Viele der Geflüchteten sind auf den Strassen Beiruts gelandet. Auch das grösste Stadion des Landes wurde als provisorische Notunterkunft hergerichtet. Bildquelle: Keystone/EPA/WAEL HAMZEH.
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Bild 2 von 3. In der jüngsten Angriffswelle zerstörten die israelischen Streitkräfte nach eigenen Angaben Dutzende Stellungen der Hisbollah in den Vororten von Beirut, darunter ein Hauptquartier des Hisbollah-Geheimdienstes und die Zentrale der Eliteeinheit Radwan. Bildquelle: Keystone/EPA/WAEL HAMZEH.
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Bild 3 von 3. Nach Hinweisen von israelischen Bodentruppen nahm die Luftwaffe darüber hinaus über 20 Ziele in verschiedenen Teilen des Libanons unter Beschuss, wie es in der Mitteilung weiter heisst. Zuvor hatte die Hisbollah den Norden von Israel mit Raketen angegriffen. Bildquelle: Getty Images/Amir Levy.
So weigern sich Vermieter etwa häufig, Wohnungen an Schiiten aus dem Süden zu vermieten. Auch, weil befürchtet wird, die Menschen aus den Einflussgebieten der Hisbollah könnten selbst auf den Abschusslisten Israels stehen.
«Tatsächlich hat es solche Angriffe auch schon gegeben, bei denen Israel argumentierte, in den Gebäuden hätten sich Hisbollah-Mitglieder befunden», sagt die Journalistin.
Die Angst vor dem Bürgerkrieg
Die Regierung in Beirut steht massiv unter Druck. Sie will die geschwächte Hisbollah-Miliz entwaffnen – ist dafür aber selbst zu schwach. Die libanesische Armee ist chronisch schlecht ausgestattet und unterfinanziert.
Zudem fürchtet die Armeeführung eine direkte Konfrontation mit der Hisbollah, die in einem Bürgerkrieg münden könnte. «Das realistischere Szenario ist, dass Israel seine Angriffe weiter eskalieren lässt», so Michel.
Der Libanon sitzt mitten auf dem Pulverfass Nahost. Der Krieg im Iran mag irgendwann enden. Die Konflikte im Land selbst und im Verhältnis zu Israel werden es nicht. Journalistin Meret Michel zieht ein ernüchterndes Fazit: «Die Menschen sind so hoffnungslos wie wohl noch nie in den letzten Jahren.»