Acht Uhr morgens in Mays al-Jabal, im südlichsten Teil des Libanons: Statt einer elektronischen Melodie gibt der Klang einer Handglocke das Signal für den Unterrichtsbeginn. Schülerinnen und Schüler strömen in graue Bau-Container, die notdürftig als Klassenzimmer dienen. Vieles ist improvisiert in der Muhammad-Falha-Schule.
Das alte Schulgebäude, nur wenige Kilometer von der israelischen Grenzlinie entfernt, wurde vor gut einem Jahr bei einem israelischen Angriff zerstört. Schulleiter Khalil Ammar zeigt sich wenig überrascht: «Dass sie die Schule zerstört haben, hat mich nicht erstaunt. Ich bin vielmehr verwundert, dass hier überhaupt noch Gebäude stehen.»
«Pädagogischer Widerstand»
Die israelische Regierung strebt in diesen Gebieten die Errichtung einer unbewohnten Pufferzone an, da sich hier während des Krieges Hisbollah-Kämpfer verschanzt haben. Doch die Menschen hier wehren sich. Mit der Wiedereröffnung der Schule würden sie Widerstand leisten, erklärt Schulleiter Ammar.
Er nennt es «pädagogischen Widerstand». «Solange es hier Schulen gibt, werden auch Menschen hier wohnen und sich den israelischen Plänen einer Pufferzone widersetzen», sagt er. Im Arabischunterricht kämpfen sich die Schüler mühsam durch die Texte in ihren Büchern. Ein ganzes Jahr ohne Unterricht hat Spuren hinterlassen.
Trotzdem sind die meisten froh, wieder die Schulbank drücken zu können. «Es ist besser, als einfach nur zu Hause zu sitzen», meint der neunjährige Hadi.
Das zerstörte Schulgebäude in Mayss al-Jabal
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Bild 1 von 5. Um eine neue Schule bauen zu können, muss das alte Schulgebäude erst abgerissen werden. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn.
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Bild 2 von 5. Leere Eingangshalle: An Unterricht hier ist nicht mehr zu denken. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn.
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Bild 3 von 5. Bei Ausbruch des Krieges gingen hier über 400 Kinder zur Schule. Noch sind bei Weitem nicht alle Familien zurückgekehrt. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn .
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Bild 4 von 5. Die israelische Armee erschwerte den Wiederaufbau zusätzlich, in dem sie wiederholt Baumaschinen unter Beschuss nahm. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn .
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Bild 5 von 5. Die Schülerinnen und Schüler sind sich einig: «Der Krieg muss aufhören, so dass wir unser altes Leben zurückerhalten. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn .
Doch der Alltag ist hart. «Die Container sind jetzt im Winter kalt, und wir haben keinen Sportplatz mehr, um Fussball zu spielen», fügt Hadi hinzu.
Die 14-jährige Taiba versucht, das Positive zu sehen: «Wir haben dieselben Lehrer und dieselben Klassenkameradinnen.» Doch die ständige Angst vor weiteren Angriffen ist ein allgegenwärtiger Begleiter, der die Konzentration hemmt. «Wir müssen uns einfach noch mehr Mühe geben», sagt Hassan, der neben ihr steht. Das Surren der israelischen Drohnen, die immer wieder über ihre Köpfe fliegen, nehmen die Kinder kaum noch bewusst wahr, sie sind Teil des Alltags geworden.
Trotz des Waffenstillstandsabkommens von November 2024 beschiesst die israelische Armee weiterhin Ziele im Südlibanon, darunter Fahrzeuge mutmasslicher Hisbollah-Kommandeure oder Baumaschinen für den Wiederaufbau. Israel begründet dies mit dem Recht auf Selbstverteidigung.
Libanesischer Staat kann nicht viel machen
Dies ist eine Begründung, die Heiko Wimmen von der Denkfabrik International Crisis Group in Beirut für fragwürdig hält. «Die Bombardierung von Baugeräten wie Bulldozern – weil sie theoretisch in Zukunft Bunker bauen könnten – ist eine Auslegung des Selbstverteidigungsrechts, die mit der Grundidee eines Waffenstillstands unvereinbar ist», so der Experte. Der libanesische Staat könne dem aber wenig entgegensetzen, da die eigene Armee nicht in der Lage sei, die Angriffe abzuwehren.
Eine politische Lösung scheint der einzige Ausweg. Doch ausser einem ersten direkten Treffen zwischen libanesischen und israelischen Diplomaten hat sich bisher nichts getan.