Regimewechsel war das erklärte Ziel der Amerikaner, als sie Ende Februar zusammen mit der israelischen Luftwaffe den Iran angegriffen haben. Bei den Angriffen wurden der mächtigste politische und religiöse Führer Ayatollah Ali Chamenei und weitere Mitglieder des Regimes getötet.
Das habe zwar einiges in der iranischen Machtstruktur verändert, aber nicht so, wie sich Washington das vorgestellt hatte, sagt Ali Vaez, Iran-Experte bei der Denkfabrik International Crisis Group:
Der Iran ist formal noch eine Theokratie, aber in der Praxis ein militarisiertes System.
Der Krieg habe die Machtstruktur im Iran in zweierlei Hinsicht verändert: Einerseits habe sich das Machtzentrum vom obersten Führer vollends hin zu den Revolutionsgarden verschoben. Und zweitens seien die getöteten Anführer der Garden durch radikalere Figuren ersetzt worden.
Das Resultat: «Der Iran ist formal noch eine Theokratie, aber in der Praxis ein militarisiertes System.» Dieser Wandel habe aber nicht allein in den letzten Monaten stattgefunden, sondern sich über die letzten 40 Jahre entwickelt, sagt der Iran-Kenner.
Autoritätsverlust der religiösen Führung
Die Revolutionsgarden hätten über Jahrzehnte eigene Wirtschaftskonglomerate, Medienunternehmen und Banken aufgebaut. So seien sie zu einem immer zentraleren Akteur in der iranischen Politik geworden. Die amerikanisch-israelische Offensive habe ihnen nun aber den letzten, entscheidenden Schub zur Macht gegeben.
Durch den Tod Chameneis sei die religiöse Führung des Landes massgeblich geschwächt. Obwohl auch er den Hardlinern nahe stand, war er doch die letzte Instanz, die den Revolutionsgarden Einhalt gebieten konnte.
So habe er es verhindert, Uran so weit anzureichern, dass es für den Bau von Atomwaffen verwendet werden konnte. Dieser Entscheid sei ein politischer, denn der Iran verfüge über die Fähigkeit und das Wissen dazu, sagt Vaez. Chameneis designierter Nachfolger, sein Sohn Modschtaba, habe dagegen deutlich weniger Autorität. Zudem fehle von ihm bislang jedes Lebenszeichen.
Hardliner am Verhandlungstisch
Und selbst wenn der neue oberste Führer wieder auftauchen würde – wäre er auf lange Zeit den Revolutionsgarden unterstellt, prognostiziert Ali Vaez. Das Nachsehen haben vor allem die pragmatischeren Kräfte in der iranischen Politik. Diese stünden nun vollends im Abseits, sagt der Experte. So habe beispielsweise Parlamentssprecher Mohammed Bagher Ghalibaf das Verhandlungsteam in Islamabad geleitet – ein früherer Luftwaffenkommandant der Revolutionsgarden.
Das verhärte die Verhandlungspositionen, habe aber auch einen Vorteil, sagt Ali Vaez: «Dieses Verhandlungsteam hat mehr Autorität als jedes andere zuvor – eben weil es das Vertrauen der Revolutionsgarden geniesst.»
Keine Rückkehr zum offenen Krieg
Dass es nun nach der ersten Verhandlungsrunde zu keiner Einigung gekommen ist, überrascht Experte Vaez nicht. Schliesslich sitzen nun die Hardliner am Tisch.
Der Iran werde weiterhin den Verkehr durch die Strasse von Hormus kontrollieren wollen. Diesen Einfluss auf die Weltmärkte werde Teheran nicht ohne massgebliche Zugeständnisse der USA aus der Hand geben.
Immerhin: Einen kleinen, aber entscheidenden Erfolg gebe es, ist sich der Experte sicher: «Der Iran und die USA wollen nicht zum Krieg zurückkehren, denn dieser war extrem kostspielig, und die nächste Runde der Eskalation birgt das Risiko, ausser Kontrolle zu geraten.»