Es sind apokalyptische Bilder aus Tuapse, einer russischen Kleinstadt, idyllisch gelegen am Schwarzen Meer. Schwarze Rauchwolken steigen in den Himmel, die Sonne ist kaum sichtbar. Und an den Stränden liegen klebrige Klumpen. Meerestiere und Vögel verenden.
Was ist passiert? Die Ukrainer haben seit Mitte April mehrfach – und auch jetzt wieder, in der Nacht auf Dienstag – die Ölraffinerie von Tuapse mit Drohnen angegriffen. «Herabfallende Trümmerteile» hätten einen Brand ausgelöst, sagen die örtlichen Behörden. Und lassen Anwohnerinnen und Anwohner der Raffinerie evakuieren. Zu giftig ist der Rauch.
Der Begriff «herabfallende Trümmerteile» ist wohl beschönigend. Viel wahrscheinlicher ist: Die ukrainischen Drohnen haben zielgenau die Öltanks der Raffinerie getroffen. Schon vor dem jüngsten Angriff soll über die Hälfte der vorhandenen Ölreservoirs zerstört worden sein.
Die Ukraine zeigt, was sie militärisch kann
Die ukrainischen Attacken haben das Potenzial, den Verlauf des Krieges zu beeinflussen. Als Russland 2022 die Ukraine überfiel, verfügte Kiew über keine weitreichenden Waffen. Europäer und Amerikaner lieferten auch keine – aus Angst, den Kreml zu verärgern. Also haben die Ukrainer einfach selbst Kamikaze-Drohnen gebaut, die inzwischen über 1000 Kilometer weit fliegen.
Attackiert werden vor allem russische Waffenfabriken tief im Hinterland – und eben die russische Ölindustrie: Exporthäfen, Pipelines und Raffinerien. Die Ukrainer wollen den wichtigsten russischen Wirtschaftszweig lahmlegen – und den Kreml so zwingen, den Krieg zu beenden. Ob diese Strategie am Ende aufgeht, ist unklar.
Klar ist jedoch: Schon jetzt leidet die russische Wirtschaft unter den Attacken. Und für die Kleinstadt Tuapse sind die Folgen verheerend. «Wir können kaum atmen», erzählt eine Bewohnerin in einem Video in den sozialen Medien. Fotos zeigen, dass in der Stadt zeitweise Ölregen niederging. Die Folge: Häuser, Autos, streunende Tiere sind mit einem schwarzen Film überzogen.
Und dann sind da die verschmutzten Strände. Nach den Attacken fliesst Öl in einen Fluss – und von da direkt ins Meer. Wind und Strömung haben das Öl bereits entlang der Küste verteilt. Nicht ausgeschlossen, dass auch berühmte Touristenstrände von Kurorten wie Sotschi oder Gelendschik früher oder später schwarz werden.
«Wir haben es mit einem richtigen Krieg zu tun»
Russische Blogger sprechen von einer «ökologischen Katastrophe». Der Kreml betont, alle notwendigen Massnahmen würden getroffen. Die Behörden schicken tatsächlich Aufräumtrupps, die das Öl wegputzen sollen. Doch die Attacken gehen weiter – und nach dem jüngsten Angriff fliesst bereits wieder neues Öl ins Meer.
Einwohnerinnen und Einwohner von Tuapse sagen gegenüber russischen Onlinemedien, sie fühlten sich machtlos – und nicht beschützt. Viele bezweifeln, dass die Behörden genug tun, um die Folgen der Verschmutzung zu beseitigen. Und auch der Blick auf den Krieg scheint sich zu ändern. «Ich verstehe nun, dass wir es mit einem richtigen Krieg zu tun haben. Das ist kein Spiel mehr», sagt ein junger Mann aus Tuapse.
In der Ukraine hält sich das Mitleid für die leidende Zivilbevölkerung in Grenzen. Seit Jahren zerstört Russland ukrainische Städte und Dörfer. Nun, so die Stimmung in Kiew, komme der Krieg dahin zurück, wo er hergekommen sei.